Varadero

Unserer erste Reise innerhalb Kubas führt uns nach Varadero. Unser Vermieter Fanjul empfiehlt uns einen Bus der Firma Viazul, der ein Mal täglich dorthin fährt. Um acht Uhr dreißig morgens stehen wir an einem zerbrochenen Bordstein, er ist mit Gras-und Erdflecken zersetzt. Wir machen uns schon nach fünf Minuten Verspätung Sorgen, dass der Bus hier vielleicht garnicht fährt; hier gibt es ja nicht einmal ein Haltesschild, nein, das kann nicht sein, und doch – es ist, unsere German Angst völlig unbegründet.
Eine Viertelstunde später sitzen wir mit anderen Touristen in dem vollklimatisierten Gefährt und sind auf dem Weg nach Varadero. Ich schaue aus dem Fenster und beobachte das Meer, wie es sich immer weiter von uns entfernt, so als wolle es weg, bis wir weiter ins Landesinnere fahren und tiefe, begrünte Täler bestaunen dürfen.

Nach einer halben Stunde halten wir an einem Café. Eine kubanische Band mit einem kleinen, gedrungenen Mann am Kontrabass und zwei dicken Herren in viel zu kleinen Hemden – der eine hält eine Gitarre, der andere eine Rassel – haben schon auf uns gewartet.
Es ist ein perfekt inszeniertes, karibisches Bild: im Vordergrund eine Band, die Chan Chan von Buena Vista Social Club spielt und im Hintergrund ein Barkeeper, der unter einem Deckenventilator am laufenden Band Mojitos mixt. Eine deutsche Flagge weht neben anderen Landesflaggen über der Bar an einem Mast.
So sehr das touristische Herz auch von dieser Musik angezogen wird, so muss ich in diesem Moment erkennen, dass wir gerade nicht etwa Teil einer kubanische Tradition werden, sondern einer eher eigens für Touristen angelegten Attraktion. Ich ziehe mich zurück, rauche auf einer nahegelegenen Haustreppe eine Zigarette und schaue in das Tal auf die wildgewachsenen Büsche, die vielleicht noch das echte Kuba in sich tragen.

Ganz anders als in Guanabo, werden wir in Varadero von inoffiziellen Taxifahrern am Busbahnhof begrüßt. „Taxi, Taxi,“ kommt es zwar von überall her, aber hierzustädte wird man aufdringlicher; auch ein „No, gracias“ reicht da nicht aus. Auf die nur allzu trügerische Folgefrage „Where are you from“, antworteten wir mit „Germany“, ein Anfängerfehler, wie sich herausstellt.
Mit einem breiten Grinsen schwärmt uns ein Fahrer mit einer gefälschten Ray Ban Sonnebrille von Deutschland vor, „it’s a great country, very beautiful.“
Als mein Freund ihn höflich fragt, ob er schon mal da gewesen sei, sagt er bestimmt: „No, no. You see, I can’t leave the country.“

Da es in Varadero keine Privathäuser gibt, kommen wir in der Villa la Mar, einem guten Touristenhotel, für 50 Euro die Nacht unter. Die Frau an der Rezeption überreicht uns ein blaues Armband und erst nach der Buchung begreifen wir, das Essen, Getränke und Cocktails hier rund um die Uhr umsonst sind. Ein Kofferträger begleitet uns auf das Zimmer, er gibt sich sehr viel Mühe und ich drücke ihm einen CUC in die Hand. Wir haben hier einen großen Fernseher und es gibt heißes Wasser. Fern von der Realität auf Kubas Straßen leben wir in einem Pseudo-Luxus, den wir in Deutschland als selbstverständlich ansehen. Und dennoch: nach einer Woche ohne Fernseher, Internet und einer funktionierenden Dusche sind wir dankbar dafür.

Varadero liegt auf der Halbinsel Hicacos und ist in eine Vorstadt und die Zona Touristica eingeteilt. Mit einem Sightseeingbus fahren wir am nächsten Tag bis ans Ende der Stadt; kurz vorher beginnt sie schon, die Touristenzone, die kein Kubaner je betreten darf. Ein Fünfsternehotel reiht sich an das nächste und Baustellen deuten darauf hin, dass es bald noch mehr davon geben wird. Varadero hat sich schon vor Jahren ganz und gar dem Tourismus verschrieben, so sehr, dass nicht mal die Kubaner selbst hier einen Platz finden. Wir diskutieren viel darüber, wir erinnern uns daran, was wir in der Schule über die ehemalige DDR gelernt haben, und kommen darüber mit zwei kubanischen Frauen ins Gespräch, die das Glück haben, in einem der Hotels zu arbeiten. Sie verdienen CUC, kein moneda nacionale. Sie haben hier Zugang.

Mansion Xanadu

Jenny, eine Frau in ihren Vierzigern mit braunen Augen, hat ihren Strohhut tief ins Gesicht gezogen. Sie bietet uns etwas von ihrem Rum an und mit jedem Schluck lockert sich ihre Zunge. Jenny – ich bin überzeugt davon, dass sie uns aus Sicherheitsgründen einen falschen Namen nennt – erzählt uns, dass sie Kuba nicht verlassen darf und wenn, dann nur unter strikten Vorgaben. Ihre Begleitung, eine ältere Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und dicken Armen nickt nur und schaut sich dabei immer wieder ängstlich um.
„Um ins Ausland zu reisen, brauchst du Geld. Und Geduld. Du musst die Reise ein Jahr vorher bei der Regierung für hunderte von CUCs anmelden und mit nur einem Telefonat können sie deinen Wunsch abschmettern. Ohne eine Angabe von Gründen.”
“Ich kenne niemanden, der ausreisen durfte,” sagt die ältere Frau leise.
Jenny nimmt noch einen großen Schluck und erzählt weiter, „wenn ich aber öffentlich etwas dagegen sage, verliere ich meine Arbeitslizenz. Bekommt mein Chef heraus, dass ich gegen Castro spreche, wird die Partei dafür sorgen, dass ich nirgends mehr arbeiten kann.“
Ich bin geschockt, wütend, sage, dass das ein Leben wie in einem Gefängnis sei und ich lieber sterben würde, als mir ständig auf die Zunge beißen zu müssen.
„Süß, die Europäer,“ sagt Jenny und lächelt, während die Ältere mich bittet, leiser zu sprechen. Ich beobachte den Busfahrer, der schon seit geraumer Zeit durch den Rückspiegel zu uns rüber schaut.

Wir verabschieden uns von den beiden Frauen und gehen die letzten Meter zu Fuß zum Strand. Als wir einen Hang hochlaufen, sehen wir unter uns das türkisfarbene Meer, die sanft gewogene Wellen und einen so hellen Sandstrand, dass es uns in den Augen schmerzt. Es ist windig an diesem Tag, aber wir laufen weiter, bis wir an eine Landzunge gelangen. Wir wollen in das Wasser, das uns bei 33 Grad Erfrischung bringen soll, aber das Ufer flacht schnell ab, so dass das Meer vor uns reißerisch und tief wirkt. Wir sind ganz alleine hier, niemand fragt uns, woher wir kommen oder ob wir ein Taxi wollen, kein Kubaner weit und breit, es ist ruhig, ein Strand, wie er in unserem Reiseführer angepriesen wurde und doch: ich kann mich nicht entspannen.

Ich lege mich auf mein Handtuch, schaue durch ein Palmenblatt hoch in die Sonne und sehe immer wieder das eine Bild vor mir: wie tausende von Kubanern versuchen durch einen einzigen Zaun aus dem Land zu fliehen und sich dabei unter Qualen gegenseitig zerquetschen. Ich schließe die Augen, der Wind fegt mir über die Nase, ich drehe mich um. Hinter uns thront auf einem Gebäude ein Hotelschild. Fünf Sterne sind darauf zu sehen.
„Das ist nicht Kuba,“ sage ich zu meine Freund, „es ist nur die Mauer davor.“
Aber er ist schon in der Sonne eingeschlafen.

Teil 3 erscheint in der nächsten Woche

One thought on “Varadero

  1. Diesen harten Kontrast auf Kuba hätte ich nicht erwartet. Puh. Das Die Leute dort immer noch solche Angst haben, trotz der Lockerungen.

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