Guanabo, Kuba

Stell dir vor, du sitzt absolut sicher auf einem Elefanten, hast aber jede Sekunde Angst, er könne umfallen und du würdest dabei sterben. Irrational ist das; irrational und törricht.
Aber genauso fühle ich mich in einem Passagierflugzeug. Es passiert zwar absolut garnichts, aber ich rechne damit, und zwar jede Sekunde.

Erschöpft und erleichtert steige ich nach zehn Stunden Flugzeit aus dem Flieger und rieche schon an der Luft, dass hier alles anders ist. Die Luft ist dick und klamm, man möchte sie auseinanderreißen, aber die Hitze dahinter ist auszuhalten. In einer Art Kiste sitzt ein dunkelhäutiger Polizist mit hellblauen Augen und blättert durch meinen Reisepass. Mit einer billigen Webcam macht er ein Foto von mir. Er grinst mich an und fragt: „Did you have nice flight?“
„Was a bit bumpy,“ antworte ich.
Ich habe nicht den Eindruck, dass er mir diese Frage zur Sicherung der Staatssicherheit stellt. Als ich gehe, zwinkert er mir zu.

Vor dem Gebäude werden mein Freund und ich direkt von ein paar Taxifahrern angesprochen.
„Taxi, Taxi,“ rufen sie und wir sind überfordert. Man versuche in Deutschland in der Silversternacht ein Taxi zu bekommen. In Kuba wird man als Tourist damit förmlich überhäuft.
Wir entscheiden uns für den Fahrer in einem weißen Kombi, dessen Licht auf der einen Seite recht schwach ist und auf der anderen Seite erst garnicht vorhanden. Als wir keine Anschnaller finden, lacht der kubanische Fahrer uns aus, laut und lange lacht er, und während der Fahrt macht er immer wieder den Motor aus, so richtig scheint das mit der Beschleunigung nicht zu funktionieren, besonders dann nicht, wenn man zuvor stark abbremsen musste, weil ein Landsmann seelenruhig über die Autobahn spazierte. Es ist dunkel draußen, eine Beleuchtung auf den holprigen Straßen scheint es hier nicht zu geben, nur das helle Licht des Mondes fällt in seinen Rückspiegel.

Vierzig Minuten später halten wir vor unserer Ferienwohnung. Es ist ein Bungalow, zwei Königspalmen stehen im Vorgarten und die Fenster und Türen sind mit dicken, schwarzen Gittern abgeriegelt. Der Fahrer möchte 40 CUC von uns, wir wissen noch nicht, dass das Verlangte völlig überteuert ist, aber ich will zahlen, sage ihm, dass ich nur einen 50 CUC Schein dabei habe. Er zuckt mit den Schultern, das wäre dann wohl mein Pech, und Wechselgeld habe er auch nicht. Also gebe ich ihm die sowieso schon überteuerten 50 CUC und schicke ihn zum Teufel. Er grinst und fährt in seinem Wagen ohne Licht zurück in die kubanische Nacht.
Mit einem Trekking-Rucksack auf dem Rücken, öffnet sich vor uns das Eisentor und ein ältererer, kleiner Mann mit einer viel zu großen Hornbrille steht vor uns.
Es ist Fanjul, unser Vermieter des casa particulares, so nennt man hier die Zimmer und Wohnungen, die von Privatfamilien an Touristen für etwa fünfzehn Euro die Nacht vermietet werden.
„Hola, que tal?“ ruft er fröhlich und wir folgen ihm in die Wohnung.
Er bittet uns alle Türen zu schließen, wegen der Mosquitos, und die Tore immer geschlossen zu halten, wegen der Kleinkriminellen. Das Schlafzimmer ist ein ungemütlicher, gefliester Raum mit einem robusten Holzbett und einem kleinen Schrank, und die Küche ist scheinbar der neue Szene-Treffpunkt für Ameisen. Aber egal, wir sind glücklich, wir sind unterwegs, in der Welt, Erdenbürger, irgendwie.

Stunden später – es muss mitten in der Nacht sein – dreht unser Nachbar seine Boxen so laut auf, dass wir meinen, diese stünden direkt neben uns. Eine aufdringliche Männerstimme singt laut zu einem obszönen R’n'B Song. Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen Schaukelstuhl. Ich beobachte was hier, mitten in der Nacht, mitten in der Karibik, vor sich geht. Jede Minute erwarte ich, dass Ingeborg Schneider mit einem Nudelholz auftaucht und damit droht, die Polizei zu rufen, aber stattdessen taucht ihr kubanisches Äquivalent auf, eine etwa 85-jährige Dame in Hotpants und einem pinken Spaghetti-Top, und sie stellt sich zwischen die Tanzenden und wackelt so stark mit den Hüften, dass ich nicht glauben kann, dass bei kubanischen Frauen jemals die Gebärfreudigkeit abhanden kommen könnte.

Am nächsten Tag lese ich im Reiseführer, dass Stereoanlagen und Boxen zum Standard eines jeden kubanischen Haushalts gehören. In der Tat, als wir uns bei zweiunddreißig Grad – es ist Regenzeit in Kuba – die Nachbarschaft anschauen, fehlt vielen Bewohnern zwar ein Kochtopf, aber sie alle besitzen fast ausnahmslos eine Stereoanlage und zwei riesige Boxen, die im Vorgarten stehen.
Wir gehen zwanzig Minuten weiter bis zum Ortskern von Guanabo und auf dem Weg hupen uns immer wieder blaue, rote oder gelbe amerikanische Chevys an, manche von den Fahrern tragen einen Cowboyhut. Erst später werden wir erfahren, was es damit auf sich hat, dass diese immer wieder am Straßenrand anhalten und wahllos Menschen einsammeln.
Mit unserer weißen Haut sind wir eine Ausnahme, wir fallen auf, sind Touristen; Geld – und Informationsquelle zugleich.

Das „Café Marylane“ ist eine kleine Wellblechhütte, die komplett mit Gittern abgeriegelt ist. Von dort aus riecht es bis über die Straße nach heißgekochtem Öl. Wir haben Hunger, suchen nach CUC-Preisen, stattdessen finden wir auf der Karte nur den Dollar.
Mein Freund kann ein paar Worte spanisch, noch in Kindertagen lebte er sechs Jahre in Spanien und auch hier gilt: wer spanisch kann, ist in Kuba ein gern gesehener Gast.
Englisch wird hier weder gut noch gerne gesprochen, aber wir bekommen sie, zwei Tortillas, heiß-dampfend und auf verdreckten Plastiktellern serviert: dreißig Minuten später.
Als Wechselgeld erhalten wir nationale Pesos, die eigentliche Währung in Kuba, das moneda nacional. Wir haben für ein Tortilla umgerechnet zwanzig Cent bezahlt, jetzt halten wir 230 Pesos in der Hand und wissen nicht wohin damit. Ein Kubaner, bei dem wir nachfragen, erklärt uns, dass der nationale Peso nichts wert sei, ein Fall für die Mülltonne; Milch, Rum, Zigarren, Kaffee bekäme man nur für CUC, die Pesos convertible, das Geld womit sich die reichen Touristen die vergoldeten Bäuche einreiben. Der CUC sei das, wonach jeder Kubaner strebe – den er aber nie freiwillig vom Staat bekommen werde. Ich frage ihn, wie er es schafft, ohne CUC zu leben, wenn es doch fast nur Brot und Wasser für das nationale Geld gäbe.
„Welcome to Cuba,“ lacht er und ich sehe, dass er nur noch zwei Zähne im Mund hat.
An einer nur teilweise gestrichenen Hauswand neben uns, entdecken wir ein gemaltes Bild von Fidel Castro. Darunter steht in roter Schrift: „Socialismo o muerto.“
Sozialismus – oder Tod. Anders scheint es hier nicht zu gehen.

Teil 2 erscheint in der nächsten Woche.

3 thoughts on “Guanabo, Kuba

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