Guillermo will kein Sklave der venezolanischen Wirtschaft mehr sein

Jeden Morgen drapiert er seine Bücher vor der Metro Station Bellas Artes in Caracas. Meist steht er dort von zehn Uhr in der Früh bis zum Anbruch der Dunkelheit. Der Straßenverkäufer Guillermo hat vor acht Jahren seinen Job aufgegeben, um Bücher zu verkaufen. Er wollte nicht länger Sklave einer maroden Wirtschaft sein.

Guillermo zeigt auf ein Buch über die bolivarische Revolution, jene politische Vision des caudillos Hugo Chávez, der das Leben der Venezolaner sozialistisch ausrichten wollte. „Das Problem dieses Landes ist nicht nur die Regierung. Es ist die kulturelle Geschichte Lateinamerikas“, sagt er. Er schimpft auf die aggressive Rhetorik der Regierungen, das illegale Ausschalten der Oppositionen, und allgemein auf südamerikanisches Management. Trotzdem glaubt er an die Wiedergeburt Venezuelas.

Wer ein Buch bei ihm kaufen will, muss ein wenig Mut beweisen. Nicht mehr als eine Zigarettenschachtel kosten die gebrauchten Exemplare, umgerechnet entspricht das einem Euro. Dafür muss der Käufer ihm allerdings in die abgelegeneren Straßen Caracas folgen, zu einem Kiosk am Ende des Blocks. Auf dem Weg wird dieser dafür gleich doppelt entlohnt: Auf Spanisch oder Englisch teilt Guillermo sein Wissen über die südamerikanische Gesellschaft, die politische Lage in Venezuela, die Unabhängigkeitskriege des berühmten Simon Bolivar, der Venezuela zur Alleinstellung verhalf.

Guillermo kann von seinen Einkünften nicht leben. Zu Zeiten des Hugo Chávez, als er seinen Job als Lehrer geschmissen hatte, um fortan auf der Straße Bücher zu verkaufen, konnte er sich manchmal noch Fast Food leisten. Heute übersteigt der Preis eines Hot Dogs die Hälfte eines venezolanischen Monatsgehalts. Nur wer im öffentlichen Dienst arbeitet, hat das Glück, 5 Euro monatlich zu verdienen, aber auch das reicht längst nicht aus, um zu überleben. Also lebt Guillermo von der staatlichen Lebensmittelhilfe. Jeden Monat bekommt er die sogenannte CLAP-Kiste gegen ein paar Scheine, die hier nichts mehr wert sind, denn fast alles wird in Venezuela mittlerweile über Bankkarten bezahlt. Darin enthalten sind ein paar Pakete Reis, Nudeln, etwas Salz, Maismehl, Öl und ein paar Dosen Thunfisch. Diese bekommt er auch, weil er ein Chavista ist, jene Anhänger des großen Hugo Chávez, der Maduro als seinen Nachfolger vorschlug. Als Tausch für seine Bücher lässt er sich Luxusartikel wie Zigaretten kaufen, mal einen Kaffee oder eine Flasche Mineralwasser. Ganz wonach ihm der Sinn steht.

„Ich bin die Wirtschaftspolitik dieses Landes so satt“, sagt er, wenn er gefragt wird, warum er seinen Job als Lehrer aufgegeben hat. Irgendwann hätten seine Vorgesetzten ihm kein Gehalt mehr bezahlt, den größten Anteil für sich selbst unterschlagen; Korruption war und ist in Venezuela weit verbreitet. Ihm sei es heute wichtiger, etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Durch Wissen, Bücher, durch Gespräche. Das Land verlassen würde er trotz der katastrophalen Lage niemals. „Das größte Problem ist, dass die gut gebildete Mittelschicht abwandert“, sagt er. Er selbst will den Menschen Mut machen zu bleiben, um an die Menschlichkeit und einen liberaleren Sozialismus zu glauben. Venezuela sei für ihn eine Art Mama Pacha. Eine personifizierte Mutter Erde.

Aufgewachsen in einer Mittelklassefamilie, erhielt Guillermo seine Bildung an einer privaten Schule. Später studierte er Geschichte an einer staatlichen Universität. Das Studium ist, wie in vielen sozialistischen Ländern, auch in Venezuela umsonst. Das Meiste, so sagt er, habe er aber aus seinen Büchern gelernt. Jedes, das er verkauft, liest er erst einmal selbst, um die Welt besser zu verstehen – und um Interessierten den Inhalt genau wiedergeben zu können.

In die neue Währung, den Bolivar Soberano, die seit dem 20. August im Land die Offizielle ist, setzte er seine ganze Hoffnung. Seitdem hat sich allerdings nicht viel geändert. Er glaubt fest daran, dass die Wirtschaft des Landes sich trotzdem erholt, dafür braucht es aber einen Seitenblick auf die Modelle anderer Kontinente, wie zum Beispiel jener Europas: „Maduro muss diplomatischer vorgehen. Hier geht es nicht um eine politische Strömung, nicht um links oder rechts, sondern um eine demokratische Lösung für alle Venezolaner.“

Es ist fast Abend, Guillermo packt die Bücher in eine zerrissene Tasche und stellt sich an einer Ecke nicht weit entfernt der Metro unter. In Caracas wird geraubt wie kaum in einer anderen Großstadt auf der Welt. Und doch ist ihm bis heute keines seiner Bücher abhandengekommen. Er zieht an seiner für heute letzten Zigarette, die Schachtel ist leer. Die Menschen im Viertel erzählen sich, dass hohe Politiker Guillermo konsultieren, Professorinnen und Philosophen. Auf die Frage, welches sein Lieblingsautor ist, scheint es nur eine Antwort für ihn zu geben. „Nietzsche“, sagt er, ohne lange nachzudenken. Jetzt bleibt er noch einmal stehen. „Wer sonst hat die falschen Propheten so alt aussehen lassen wie er?“

So spaziert er nach Hause unter den Augen Chávez, dessen scharfer Blick hier an jeder Straßenecke in Form eines Graffiti aufgemalt ist. Diese rhetorische Spitze darf sich ein Chavista an seinen Volkshelden schon mal erlauben. Dazu ein so menschlicher, allzu menschlicher.

 

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