Schlimmer als Hollywood: Der Buchmarkt verprellt junge Autorinnen, nicht Amazon

Die Frankfurter Buchmesse ist eröffnet und wieder steht der digitale Wandel im Mittelpunkt. Ob Amazon und die sozialen Medien wirklich Schuld an den sinkenden Verkaufszahlen sind? Oder müssen die Verlage damit anfangen, einen Blick in die eigenen Bücher zu wagen?

Die Frankfurter Buchmesse ist für die Branche der Höhepunkt des Jahres. Die Stadt verwandelt sich in ein trunkentolles Buchevent voller spießiger Festlichkeiten in altehrwürdigen Frankfurter Institutionen. In jeder Halle lauern unzählige Möglichkeiten für Autorinnen, die Agenten oder Lektoren vom eigenen Werk zu überzeugen. Tragisch für so manchem, dem es gelingt. Seit ich mein erstes Buch bei einem großen Verlag veröffentlich habe, ist auch für mich alles anders. Der Traum, den ich jahrelang hegte, hat sich erfüllt – und offenbarte mir seine Schattenseiten.

Ich habe immer an das Buch geglaubt. Und die Verlage in ihrer Arbeit verteidigt. Ich wetterte gegen das Self-Publishing und sogar gegen den e-Book-Reader, wobei der gar nicht das Problem ist, sondern ein weiteres Werkzeug, um die Bücher zu lesen, die mit Liebe gemacht werden. Aber die zumeist kleineren, unabhängigen Verlage, die Bücher mit Liebe machen, haben nicht das Geld, ihre Autorinnen groß rauszubringen. Und diejenigen, die mit ihren Büchern ein riesiges Unternehmen unterhalten, bezahlen diese trotzdem schlecht, gebrauchen aber noch zusätzlich deren Träume, um diese gewinnbringend in ihre Programmvorschau einzubringen. Hollywood, du bist ein Kätzchen gegen dieses Raubtier, das noch nicht einmal von seiner zerstörerischen Kraft weiß.

In den letzten Jahren habe ich mit vielen Debütautorinnen gesprochen, die bei großen und kleineren Verlagen untergekommen sind. Deren Geschichten sind ihre persönliche Angelegenheiten, aber über eines sind wir ausnahmslos alle gestolpert: Der Stil, das geschriebene Wort ist so gut wie nichts mehr wert. Sie werden unter Vertrag genommen auf der Basis von gut geklickten Artikeln und Followerzahlen, ohne, dass man ihr Werk studiert hat und die Themen, für die sie sich begeistern. Wenn sie gut schreiben können: umso besser.

Die meisten können es nicht. Was bei Youtube-Stars und Influencern ganz normal ist. Das Produkt Buch wird dennoch höchst bietend verscherbelt, und der Einsatz ist der eigene Bekanntheitsgrad. Den Autorinnen ist hierbei keine Schuld zuzuschieben, jeder träumt von einer Mail in seinem Postfach, in dem ihm eine Kooperation mit einem großen Verlag angekündigt wird. Aber nicht wenige sind nachher unzufrieden. Sie fühlen sich als Persönlichkeit oder als Unternehmerin nicht ernst genommen, sondern dienen dem Verlag als reines Marketingvehikel. Dazu werden sie noch mit unsäglichen Cover und Klappentexten abgespeist, die so aggressiv „verkaufen“ schreien, dass der Leser aufgrund der dreisten Annahme, er sei komplett schwachsinnig, das Buch weit von sich weisen müsste. Die Autorinnen, denen es alleine ums Schreiben geht, sehen sich nun im Konkurrenzkampf mit diesen Quereinsteigern und lassen sich nicht selten zu Auftragsarbeiten oder populären Sachbüchern hinreißen, um über die Runden zu kommen. Wer das Buch liebt, der weiß, dass dies der Pakt mit dem Teufel ist. Schaut man nach Lateinamerika, in die Staaten oder England, ist ein reißerisches Cover übrigens nicht die Regel. Dabei geht es den Verlagen nicht weniger um die Verkaufszahlen. Dennoch operieren diese stets im Rahmen des guten Geschmacks. Aber dagegen ist Deutschland nicht erst seit gestern immun.

Bei einem großen Verlag zu sein, heißt also nicht, es geschafft zu haben. Es bedeutet nicht einmal, dass der Verlag seinen Autorinnen eine Lesung organisiert, ein Interview oder geschweige denn eine lausige Buchmessenkarte spendiert. Es ist ein weiterer Kampf auf dem Weg des Künstlers bei seinem Stil zu bleiben, keine indiskutablen Kompromisse mit dem eigenen Text einzugehen. So aufopfernd und kultiviert diese Branche auch wirkt, sie besteht aus einem Haufen Bürokraten, die zu allem Überfluss auch noch das Internet für sich entdeckt haben. Aber Followerzahlen sind kein Garant für gute Verkaufszahlen. Die Liebe zu einem Text und der Glaube an das Talent einer Autorin zwar auch nicht. Aber es gibt den Lektoren und Agenten das Gefühl zurück, für die Literatur zu arbeiten. Und für die Millionen von Lesern, die ihnen vertrauen.

Bis hierher höre ich das rauschende Flüstern vor den Fernsehbühnen. Ich sehne mich nach dem miserablen Sekt, der nur hälftig ausgeschenkt wird, kurz bevor die Hallen schließen. Und ich rieche den nervösen Anzugsschweiß von Direktor Juergen Boos, der versucht, die Eskalation zwischen Nazis und Demokraten in Schacht zu halten. Dazwischen, die unzähligen, hochwertigen Projekte, die den Leser in eine andere Welt entführen könnte. Leider werden diese von der Flut an populären Sachbüchern und Ratgeberbüchern übertrumpft. Das Buch, das ich als Kind im Bücherschrank meiner Eltern fand und in das ich mich unsterblich verliebte, hat es nicht in die Zukunft geschafft. Heute würde ich es sogar auf einem e-Reader lesen.

4 thoughts on “Schlimmer als Hollywood: Der Buchmarkt verprellt junge Autorinnen, nicht Amazon

  1. Ach’ Laura, saß ist alles so wahr und gut auf den Punkt gebracht. Trotzdem wünschte ich Dir, allen Autoren und Autorinnen die Erfahrungen eines ambitionierten Verlegers. Neon, ich rede nicht vom Sich-Selbst-Verlegen, das gab’s auch vor 30 Jahren schon, war aber viel teurer als heute. Nein ich meine, sich auch noch für andere Texte begeistern als die eigenen. An einen jungen talentierten oder einen alten, zu unrecht vergessenen Autor zu glauben und sich für ihn einzusetzen. Gegen so viel Ignoranz und Trägheit zu kämpfen, alle Ersparnisse zu plündern, um an irgendeinem unattraktiven Außenanlage dabei zu sein, bei der Buchmesse und nach Tagen festzustellen, dass diese Außenwände nur genutzt werden, weil man dort schnell voran kommt … aufs Klo, in eine andere Halle, zu einem Meeting. Und dann Gast Du nach viel Arbeit einen großartigen Pressespiegel – Rundfunk, FAZ, Die ZEIT, SZ, Berliner Zeitung, WOZ, NZZ – alle sind sie dabei mit mindestens einer halben Seite, aber Du verkaufst kein einziges Exemplar, weil die Buchhandlungen die zuvor angebotenen Exemplare zur Kommission nicht angenommen haben, sagen sue hätten keinen Platz und die wenigen Anfragen, die überhaupt kommen abspeisen, indem sie sagen, der Verlag sei bei KLO nicht zu finden, es gäbe ihn nicht oder noch viel Abstruseres (alles mit Testläufe überprüft). Und nach zwanzig Jahren Arbeit und Verzicht erkennt Dir irgendein Oberfinanzgericht die “Gewinnerzielungsabsicht” ab, weil Du mit handwerklich schönen Büchern, guten Übersetzern und Illustratoren, akzeptablen Ladenpreisen, 12/10 er Partien, guten Konditionen, hervorragenden Autorinnen und Autoren einfach keine Gewinne machst. Weil unbekanntem qualitativ hochwertige Literatur, wie Kunst überhaupt, etwas ist, womit man kein Geld verdienen kann! Das war nie anders, und da muss ich jetzt nicht nur auf Van Gogh verweisen. Andere verdienen später die Millionen, wenn die unbekannten Autoren eben nicht mehr unbekannt sind, weil man alles daran gesetzt hat, sie zu etablieren. Aber dann sind sie längst bei den großen Verlagen, die ganz andere Möglichkeiten haben. Vielleicht ist es auch gut, wenn sie dorthin wechseln, denn der Ein-Mann-Verlag könnte einen Erfolg seiner Autorinnen gar nicht “”handeln”. Wie sollte er hunderttausender Auflagen vorfinanzieren, wo sie lagern, wie vertreiben, mit welcher Logistik die Nachfrage bedienen, sich weiterhin um die weniger bekannten Autorinnen kümmern? Nein, mir war damals schon klar, ein richtiger Megaseller hätte meinem Verlag das Genick gebrochen.
    Ich ärgere mich aber, wenn die “Großen” sich als die Talentschmieden ausgeben, die alleinigen Förderer der Literatur, wenn sie sich für einen Idealismus feiern lassen, der bei ihnen nicht bedeutet, auf Gehalt, Urlaub, neues Auto oder was auch immer zu verzichten, um die Buchprojekte zu finanzieren. Ich hatte damals noch einen acht Stundenlohn in einer Druckerei, um das alles machen zu können. Ich denke schon, dass die etablierten Verlage mit großen Programmen, Mischkalkulation, Longsellern, Bestsellern auch jungen Newcomerinnen oder vielversprevhenden Talenten mehr bezahlen sollten (oft verdienen Autoren weniger als Lektoren oder Setzer), dass sie großzügiger Freier empfand bekommen sollten und natürlich besser im Buchhandel vertreten sein sollten, sowohl mit ihren Nüchern als auch mit vernünftig honorieren Lesungen!
    So, jetzt bin ich ganz abgekommen. Wenn man alle Seiten in diesem Vanity-Gewerbe kennt, also zu Schreiberling, und Verlegerlein (Kleinverleger) noch die Buchhändler, das herstellende Gewerbe, Übersetzer, Medien, Literaturzeitschriften, Blogger, Leiter von Literaturhäusern, Deutsche her und was weiß ich noch alles … dann könnte es passieren, dass man wie ich, heute beschließt, die Eintrittskarte für die Buchmesse wegzudenken und weder morgen noch übermorgen zu den Fachbesuchertagen nach Frankfurt zu fahren. Ich bin mit niemandem verabredet, mich erwarten keine Begegnungen auf die ich mich freue, ich habe noch einen ganzen Stapel Bücher zu besprechen, der ambitionierte Roman, den ich vor Jahren begann wartet noch immer auf seinen Schluß … ich weiß aber nicht mehr, warum ich ihn veröffentlichen sollte.
    Im letzten Jahr war das schönste Treffen auf der Buchmesse, die knappe Stunde mit Dir – und Du warst so im Messefieber! Ich hätte mich anstecken sollen von Dir. Leider hatte ich direkt nach der Messe über eine Woche lang tiefe Niedergeschlagenheit, Sinnkrise, fast schon ein Burnout. Das kann ich in diesem Jahr nicht auch noch gebrauchen, deshalb bleibe ich daheim! Und im nächsten Jahr, wenn Dein nächstes Buch kommt

    • Ich habe in der Tat auch an dich gedacht, lieber Rolf, als ich diesen Text schrieb. Die Menschen, die den Beruf des Verlegers oder Lektors mit Herzblut betreiben, haben auf Dauer auch heute keine Chance mehr. Sie geben irgendwann auf oder geraten dann selbst in die Maschinerie. Wobei es den Publikumsverlagen ja auch nicht unbedingt besonders gut geht. Was dir da damals passiert ist, habe ich immer schon als Unding empfunden. Ich habe jetzt schon selbst ein paar der Bücher aus deinem Verlag gelesen – und fand sie qualitativ mehr als hochwertig. Aber sowas interessiert dann wiederum die Bürokraten nicht. Ein wirklich schrecklicher Teufelskreis, aus dem nicht mehr herauszukommen ist.

  2. Ich lebe mit einer Sachbuchautorin zusammen und der geht es nicht besser. Miserables Marketing vom Verlag (einer der kleinen), kaum Betreuung und traurige Honorare (aber immer noch mehr, als die Großen zahlen).
    Wie heißt das Buch aus dem Fundus deiner Eltern? Ein solcher Cliffhanger braucht dringend eine Auflösung.

    • Ja, es ist echt heftig, wie viele Geschichten da zusammenkommen, wenn man sich mal anfängt, umzuhören. Es war “Die Päpstin” von Donna W. Cross. Kann man sich das vorstellen?
      Viele Grüße,
      Laura

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