Gegen den Faschismus – Die Stimmung vor der Wahl in São Paulo

Mulheres contra o facismo, steht auf einer riesigen Bande. Frauen gegen den Faschismus.
„Ele não“, schreien die Tausenden von Menschen, die heute auf der Straße in São Paulo sind. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, aus der LGBT-Community und diversen Frauenverbänden. Ihnen scheint es beinahe egal, für wen die 145 Millionen Wahlberechtigten in Brasilien stimmen werden. Hauptsache nicht für Jair Bolsonaro.

Der extrem rechte und der PSL zugehörige Kandidat wird bereits weltweit mit Donald Trump verglichen. Auf der Straße sieht man heute allerdings viel öfter eine Fotomontage, auf dem seine linke Gesichtshälfte mit der von Hitler ausgetauscht wurde.

„Wie kann jemand für dieses Arschloch nur einen Funken Sympathie übrig haben?“, schreit Anna in ihr Megafon. Die 27-jährige Studentin zeigt keine Angst, als sie scheinbar jeden vor ihr laufenden Demonstranten persönlich anspricht. „Er will unsere Rechte eingrenzen. Habt ihr das nicht kapiert?“ Bolsonaro sagte einmal in einem Interview, dass er nur einen schwachen Moment hatte, als er eine Tochter zeugte. Aber die Frauen, die heute auf die Straße gehen, sind nicht schwach. Sie sind hier, um ein Zeichen zu setzen.

„Lateinamerika braucht einen Feminismus, keinen Machismus“, schreit eine Gruppe älterer Frauen. Eine davon hat die Militärdiktatur Brasiliens selbst erlebt. „Bolsonaro verherrlicht die Zeiten, die so viele Leben und so viel Angst gekostet hat”, sagt sie. „Die jungen Wähler, die für ihn stimmen, wissen nicht, was wir durchgemacht haben.“
Regenbogenfahnen wehen durch die Luft, ein kleines Orchester hat sich zusammengefunden, um Lieder für den Widerstand anzustimmen. Einige tanzen, andere trinken Bier.

Der 22-jährige Software Engineer Feliz steht abseits, schaut sich die Demonstration aus der Entfernung an. Er wird für Bolsonaro stimmen, das sei ihm seit Wochen klar. Er wisse, dass der Mann ein schlechter Mensch sei, sagt er. Aber die Fehler die Lula und die PT gemacht hätten, dürfe sich dieses Land nicht noch einmal leisten. „Ich habe mich auf Youtube informiert“, sagt er. „Ich weiß, wovon ich rede.”

So wählen nicht wenige Brasilianer Jair Bolsonaro aus reinem Protest. Fernando Haddad, der Nachfolger Lulas, der für die Arbeiterpartei PT antritt, weil Lula selbst wegen Korruption im Gefängnis sitzt, hat zumindest gute Chancen, in die Stichwahl mit Bolsonaro einzuziehen. Andere Kandidaten, wie die Umweltschützerin Marina Silva, die bereits zum wiederholten Male zur Wahl antritt, hat nur mäßig gute Umfragewerte erzielt.

Die Stimmung bleibt friedlich. Auch, als er an einer Stelle stockt, an der viele Polizisten sich versammelt haben. Die Demonstranten fordern diese mit Sprechchören auf, die Seite zu wechseln und gegen den Faschismus mitzulaufen. Jetzt schreien sie auch nach dem Militär. Was nach einer Aufforderung zu einem Putsch riecht, ist bald verflogen. Die Polizisten lächeln müde. Die Meute zieht weiter.

Es ist mittlerweile dunkel in São Paulo und über dem Theatro Municipal kreisen Hubschrauber. Einige Angestellte in einem Supermarkt rennen auf die Straße und winken den Demonstranten zu. Immer wieder hupen Autos aus der Ferne und Vorbeilaufende klatschen. Das Gebäude ist erleuchtet und in seinem Lichtkegel platzieren sich die Demonstrierenden mit Plakaten. Es sind wütende Gesichter voller Anstrengung, voller Sorge. Spätestens jetzt wird jedem Außenstehenden klar, dass es in Brasilien bei dieser Wahl um alles geht. Und darum, die immer weiter nach rechts abdriftende Welt vielleicht doch noch vor dem Faschismus zu bewahren.

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