Warten auf die Revolution – ein Monat in Caracas

Ein Knall, ein Raunen, der Boden bebt. Ich komme mit Matias vom Einkaufen, es ist der Besitzer meines Hostels, er und seine Freundin sind in den letzten Tagen zu meiner Ersatzfamilie geworden. Wir gehen die Avenida Universidad entlang, das ist 500 Meter vom Palácio de Miraflores, dem Regierungspalast, entfernt, als uns Dutzende Soldaten entgegen laufen. Erst am nächsten Tag erfahren wir, dass ein Anschlag auf den Präsidenten Venezuelas verübt wurde.

Matias lädt mich zu einem Kaffee ein, obwohl er diesen selbst kaum bezahlen kann. „Tranquilla. Das Geld hat auf dem Konto sowieso nichts zu suchen. Wer weiß schon, was es morgen wert ist”, sagt er.
Seine schwangere Freundin Patrizia erzählt mir von den Alltagsproblemen vieler Venezolaner inmitten der Hyperinflation. Sie selbst weiß nicht, woher sie Calcium für ihre Schwangerschaft, geschweige denn Antibiotika herbekommen sollen. Oder überhaupt etwas zu essen. Alleine eine Packung Kaffee ist für die meisten Venezolaner zu einem unbezahlbaren Luxus geworden.

Es ist kein Bargeld im Umlauf in Caracas und ich habe das vorher nicht gewusst. Seit drei Tagen habe ich nichts gegessen und kaum getrunken. Keine meiner Kreditkarten kann ich einsetzen, denn diese werden nach dem offiziellen Währungskurs abgerechnet, nicht nach dem Schwarzmarktpreis. Ergo 172000 im Gegensatz zu 4 Millionen Bolivar Fuerte. Das kann mich schnell die Privatinsolvenz kosten. Trotz all dieser Probleme fragen mich Matias und Patrizia jetzt zu den wirklich wichtigen Themen aus. Ob ich einen Freund habe? Bald heiraten werde? Ob ich wohl einmal Kinder will?

In den nächsten Tagen kochen sie für mich, sie versorgen mich mit Wasser. Auch ich bin als vermeintlich reiche Europäerin in eine humanitäre Krise geraten. Wenn ich weiterhin den Menschen, die nichts haben, so auf der Tasche liege, muss ich das Land mithilfe der Botschaft verlassen. Endlich hat Matias eine Lösung für mich: Er stattet mich für den kommenden Monat mit einer seiner Bankkarten aus, nur mit dieser kann man hier noch bezahlen. Die 200 Dollar, die ich ihnen gebe, lassen sie von einem anonymen Kontakt in venezolanische Bolivar eintauschen und auf das Konto einzahlen. Morgen ab 14 Uhr werde ich reicher sein, als sie alle zusammen.

Ich kaufe aus Dankbarkeit nun doch ein paar Nudeln, Kaffee, Chips und Cola mit meiner europäischen Kreditkarte ein. Das kostet mich eine Menge Geld. Es schmerzt 48.000.000 Millionen venezolanische Bolivares auszugeben – umgerechnet sind das nach offiziellem Kurs etwa 200 Euro für ein paar lächerliche Lebensmittel – aber ich will mich der Familie erkenntlich zeigen. Alles bin ich ihnen schuldig. Ich kann es mir wenigstens leisten, auch wenn es wehtut.

Wir verbringen den Tag zu Hause vor dem Fernseher mit Chips und Cola. Ich bin jetzt Teil der Familie, einfach so, das ist höchst venezolanisch und wenig deutsch. Wir wissen jetzt, warum es gestern so geknallt hat in der Stadt. Präsident Maduro spricht schon seit Stunden im Fernsehen. Er wettert, dass ein Angriff auf sein Leben auch ein Angriff auf die venezolanische Nation sei. Schon bald wird er die Hintermänner zur Rechenschaft ziehen.

Nach dem vermeintlichen Anschlag auf Maduro durch eine Drohne geht es eigenartig friedlich in der Stadt zu. Meine Eltern bitten mich, so schnell es geht, auszureisen, meine Freunde fragen mich ständig über WhatsApp, wie es mir geht. Ich aber fühle mich erstaunlich sicher, denn am Montag soll das Leben hier wieder normal weitergehen. Zumindest so normal, wie es in einer Stadt mit einer Hyperinflation möglich ist. So laufe ich zwischen Straßenhunden, Schulkindern und Alten, die auf der Suche nach Essen die Müllsäcke absuchen. An einer Busstation prügelt sich eine Gruppe älterer Frauen um die letzten Bustickets in Richtung Kolumbien.

Ein paar Tage später präsentiert Präsident Maduro den Venezolanern über zwei Stunden lang die Ergebnisse seiner Untersuchungen. Da werden Bekennervideos präsentiert, Mitschnitte von kolumbianischen Terroristen bei der Planung ihres Vorhabens. Jetzt soll es sogar Verbindungen zur Opposition gegeben haben; kurzerhand werden diese verhaftet und gefoltert. Das Geld aber sei alleine aus Florida State gekommen. Imperialisten: die altbekannte, sozialistische Mär. Am Schluss hebt Maduro ein Büchlein in die Luft, während er eindringlich in die Kamera spricht. Es ist die Konstitution der bolivarischen Revolution im Geiste seines Vorgängers Hugo Chávez.

Die Venezolaner selbst warten noch immer auf die ihnen so lange versprochene Revolution. Täglich erleben sie den Sozialismus, der ihnen nichts, aber auch gar nichts geschenkt hat. Das Warten ist das Schlimmste. Stundenlang. Auf Busse, in Supermarktschlangen, überall wird in Caracas gewartet. Teilweise müssen die Menschen um vier Uhr aufstehen, damit sie rechtzeitig zur Arbeit kommen. Zu einer Arbeit, bei der sie nicht mehr bezahlt werden und wenn, übersteigt das Gehalt kaum 2 Dollar im Monat. Das Verkehrssystem ist zusammengebrochen, die Busse können nicht repariert werden, es gibt oft nur einen Bus für Hunderte von immerzu Wartenden.
Aber dieser Volkssport hat die Venezolaner lethargisch werden lassen, so starten sie erst gar keine Rebellion: Es ist eine weitere Methode des Staates seine Bewohner mürbezumachen und ihnen die lang ersehnte Hilfe – wenn sie dann durch die um Wochen verspäteten Essenspakete oder einen Bus kommt – als eine Art Gottesleistung im Sinne des Assistenzialismus zu verkaufen.

Mittlerweile ist mehr als eine Woche seit dem Anschlag vergangen, die Menschen demonstrieren für ihren Comandante Maduro, sie stellen sich entschieden gegen den angeblichen kolumbianischen Terrorismus. Feurig schmeißen sie ihre Parolen auf die Straße, als sei der Sozialismus das einzige Heilmittel in der Hyperinflation. Ich laufe ein wenig mit, dann will ich mit am Regierungspalast vorbei. Ein paar bewaffnete Soldaten sind dort abgestellt hinter kleinen Buchten aus Sandsäcken und Stacheldraht. „Señora?“ Ein Staatsbediensteter greift mich am Arm und schickt mich zu ihnen. Sie lassen ihren Waffenlauf haarscharf an meinem Gesicht vorbeischrammen, angeblich, um die Zone zu sichern. Aber ich spüre es gleich: Sie wollen mir nur zeigen, wer hier das Sagen hat. Ich bin blond und weiß, eine Gringa. Offenbar haben sie Angst, dass ich als CIA-Agentin auf eine weitere Gelegenheit warte, um Maduro umzubringen.

Aber sie haben nichts zu befürchten. Nicht von mir. Es sind die Millionen Venezolaner, die in den Barrios vor Hunger sterben, vor denen die Regierung Angst haben sollte. Die laut in der Metro über ihren Präsidenten schimpfen und jede seiner Ankündigungen so bissig amüsiert abschmettern, wie die Aussage eines ehemals Geliebten. Und doch warten die Venezolaner noch immer auf die bolivarische Revolution. Dass diese nur von ihnen ausgehen kann, ist die größte Tragik dieses Landes. Wer hungert, hat kaum Kraft, den Arm zu heben.

2 thoughts on “Warten auf die Revolution – ein Monat in Caracas

  1. Ein packender, bedrückender Bericht, nicht von außen, sondern direkt aus dem Herzen des Geschehens. Das berührt, weckt Ängste um Dich! Kommst Du da noch mal weg, wo wärst Du im Augenblick besser aufgehoben? Muss ich mir Sorgen machen? Kann ich was für Dich tun? Soll ich Deinen Bericht posten, teilen?
    Und dahinter, ungern, ein Fitzelchen Ärger – warum erfährt man hier nichts davon? Weil wir seit Monaten nur um uns selbst kreisen, die Politik voran und weite Teile der Bevölkerung auf Nebenschauplätzen! Es wird Zeit, dass wir uns wieder mit der Welt beschäftigen, bevor die Welt die Lust verliert, sich mit uns zu beschäftigen …

  2. Momentan bin ich in Brasilien und schaue mir die Wahlen an. Es war wirklich eine aufregende, aber auch sehr anstrengende Zeit in Venezuela, aber ich bin froh, dass ich da war. Danke fürs Sorgenmachen, aber hier ist alles gut. <3

    Ja, ich frage mich das auch! Dabei können wir Europäer so viel von Lateinamerika lernen. Es gibt zwar auch viel Rassismus gegenüber den Venezolanern in Kolumbien und Brasilien, aber der Gedanke der Solidarität steht ganz klar oben und die Politik entwickelt gerade Programme und so weiter. Eurozentralismus, pffft.

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