Die Frauen in Amsterdam

Abends, wenn sie schläft, erzähle ich ihr von den Frauen aus Amsterdam.
Sie haben meist lange Beine, ihre blonden, braunen, roten Haare reichen bis an die Hüfte; manche tragen sie zu einem strengen Zopf, andere haben nur eine Schleife im Haar. Es ist das Relikt einer Kindheit, die nie zuende gedacht wurde, eine Kindheit, die noch immer irgendwo besteht. Sie sind bedeckt, nicht angezogen, tragen Kleider, kleiner als eine Buchseite und sie sprechen nicht, manche von ihnen beißen sich an den Nägeln, so geben sie ihrem Kummer einen Laut und ihre Augen münden irgendwo auf einem Steinweg, auf dem man sich leicht die Füße zerschlägt. Die Frauen stehen an den großen Glasfenstern und ihre Fingernägel tippen daran entlang, kaum hörbar, aber jeder Vorbeigehende versteht, wenn sich ihre Lippen zu dem unsichtbaren Takt bewegen.
Wenn ich zu ihr gehe, dann meist an einem Samstag. Wir reden nicht, wir schweigen nicht, ich gebe ihr ein Stück Papier, das in ihrem Land keine Bedeutung hat und sie gibt mir etwas, von dem ich denke, dass es Worte in mir auflöst, die im Tumult einer kahlgeschorenen Nacht entstehen.

Ich zahle, ich gehe. So erzähle ich es ihr, bevor sie einschläft.
Den Mittelteil verschweige ich. Was fatal ist für das Geschichtenerzählen, ist wichtig für das Herz eines Kindes. Denn sie ist zu jung, um zu verstehen, zu alt, um es nicht zu tun. Die Frau mit den langen Beinen, manchmal nennt sie sich Tascha. Das letzte Mal hieß sie Rita, wer weiß schon, wie sie wirklich heißt. Ihren Namen nennt sie hier nicht, dort, wo das Licht die Flecken auf dem Fenster verdeckt. Jedes Mal muss ich mich an einen neuen Namen gewöhnen, jedes Mal ist es ein anderer, den ich leise flüsternd vor mich hinbete, wenn ich – die Hände in der Jackentasche, den Rücken nach vorne gebeugt – den Kanal entlang taumele, noch Stunden, nachdem ich bei ihr war.
„Diese ganze Fickerei bin ich Ihnen schuldig.“ Ihre Stimme klingt wie Motoröl.
Es ist einer der wenigen Sätze, die ich jemals von ihr gehört habe. Ich frage sie nie etwas.

Wenn ich ihr abends von Tascha erzähle, schläft sie meist schon. An den richtigen Stellen versteht sie es zu seufzen, die Augen fest geschlossen. Sie kennt die Geschichte auswendig. Sie ist zu jung zu verstehen, zu alt um zu schweigen und später will sie einmal Lieder schreiben. Ich sage ihr, dass sie hübsch genug dafür sei, fast so hübsch, wie ihre Mutter es einst war. Seitdem es passiert ist, fahre ich jeden Monat ein Mal nach Amsterdam.
Dort, wo die Lichter eine Farbe haben, dort wo die Grachten mich spalten, dort wo ich auf einer Bank sitze und rauche. Meine Füße folgen den Pflastereinschlägen, das Zeugnis eines unausgefochtenen Krieges. Ich gebe ihr die Hand, ich sage, „Hallo Tascha.“
Sie sagt, sie heiße doch Victoria und ich folge ihr in das Fenster, hinter den Vorhang,
bis mein Zug wieder in die Heimat fährt.

Ich decke sie zu, sie, die zu jung ist zu verstehen, zu alt, um zu schlafen.
Eines Tages wird sie einmal Lieder schreiben, vielleicht über die Frauen in Amsterdam.
Eines Tages, wenn ich noch immer dem roten Licht folge, ihr meine Hände über die Brücken
hinweg reiche, wenn sie das Fenster verlässt; Scherben in der nackten Haut.

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