Antisemitismus-Debatte: Der Fremdenhass dringt tiefer

Die Geschichte der Shoa zu missbrauchen, um Muslime gesamtgesellschaftlich in die Diaspora zu drängen: Das ist das religionsgewordene Paradoxon. Es relativiert ein weiteres Mal den Holocaust und gibt der Debatte einen ganz neuen Anstrich des Fremdenhasses. Der Faschismus drängt sich wahrlich immer tiefer in die Mitte der Gesellschaft.

Als hätten sie alle drauf gewartet. Die Faschisten, die Demagogen, die Populisten und Besorgten. Endlich können sie die vermeintlich richtige Thematik für sich beanspruchen, um gegen Muslime zu hetzen. Von Abschiebungen ist wieder die Rede und von einem „importierten“ Antisemitismus, der im Grunde eine verschleierte Kritik an der liberalen Flüchtlingspolitik ist.
In Berlin wurden jüdische Mitbürger von arabischen Jugendlichen angegriffen. Dass die Täter dafür vor der Justiz Verantwortung zu tragen haben, steht überhaupt nicht zur Debatte. Zur Stunde sucht die Polizei nach den Tätern. Aber das reicht den Besorgten nicht.

Ohne Frage: Dieser Vorfall ist beschämend und gefährlich für Juden in Deutschland, die ein Anrecht darauf haben frei und offen mit ihrer Religion zu leben. Dass sie nun aber noch ungefragt für eine ausländer-und religionsfeindliche Stimmung in diesem Land herhalten müssen, verhöhnt sie nur noch weiter. Auf diese Kampagne hereinzufallen, ist eines demokratisch sozialisierten Europäers nicht würdig. Ein wenig Kontinentalstolz wäre hier angebracht.

Der europäische Geist ist viel wacher und feingeistiger, als dass er meine, man könne diese Probleme einfach “abschieben”. Die Aufklärung ist europäisches Erbe – und somit auch eine jüdische Errungenschaft! Eine Religionsgruppe gegen die andere auszuspielen ist schlicht nicht unser Stil. Wer Paris, London, Berlin seine Heimat nennt, ist nicht nur in der Regel passabel gekleidet, er hat auch ein intelligentes Verständnis von Demokratie – und lässt sich nicht von den billigen Kampagnen rechtsgerichteter Parteien vor den Karren spannen.

Wir erinnern uns an Bernd Höcke aus der Thüringer AfD, der zum Holocaust-Mahnmal kommentierte, dass dieses ein „Denkmal der Schande“ sei, das wir Deutschen uns auch noch in die Hauptstadt pflanzten. Unvergessen auch die Rede von Alexander Gauland, als er suggerierte, dass das einzig Fatale am Zweiten Weltkrieg gewesen sei, dass die Deutschen ihren Nationalstolz verloren hätten. Die Heldentaten der unschuldigen deutschen Soldaten müssten wieder in den Vordergrund treten. 6 Millionen Juden sind für ihn offenbar Kollateralschaden.

Alice Weidel ließ nun auf Facebook in einem Video verlauten, dass ihre Partei sich mit aller Macht gegen den Antisemitismus in unserem Land stellen will, ausgeübt vornehmlich von „asozialen Marokkanern“. Das ist paradox – und höchst opportunistisch. Wer hier nicht kapiert, dass die AfD Wählerstimmen abgreifen will, dem kann auch ein aufgeklärter Geist nicht mehr helfen.

Auf Facebook werden Stimmen laut, die den sogenannten „importierten“ Antisemitismus am liebsten abschieben wollen. Für sie scheint der Muslim per se grundantisemitisch zu sein. So wie er für andere frauenfeindlich ist, arbeitsfaul und Terrorist. Das dreht die Diskussion um die Flüchtlingspolitik in der Zeit zurück, nur haben wir ein neues Thema gefunden. Am Ende sind es halt immer die Anderen. Mit Verlaub, aber das haben schon unsere Großeltern behauptet.

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