In Italien ist Wahl – und keiner schaut hin

In Italien steht am Sonntag die Parlamentswahl an, und die Lage könnte chaotischer nicht sein: Matteo Renzi, der seinen Ruf mit der Verfassungsreform letzten Winter verspielt hat, tritt mit seiner Partito Democratico wieder an; Luigi Di Maio ist für die europaskeptische Partei 5 Stelle im Rennen, die als hemmungslose Populisten Schlagzeilen machte, und Silvio Berlusconi führt die rechtskonservative Forza Italia als Mitte-Rechts-Bündnis an – ohne sich zur Wahl stellen lassen zu dürfen.

„Ich sage es ja nicht gerne, aber die Wachsmaske hat am meisten Erfahrung“, sagt Roberta und nippt an ihrem caffé in ihrer kleinen tabaccheria im Norden Modenas. Bald wird sie in Rente gehen und alle Parteien haben dieser Gruppierung ausnahmslos attraktive Versprechungen gemacht. Auch wenn Silvio Berlusconi ein verurteilter Steuerhinterzieher ist: Er genießt Ansehen im Land – und ist Besitzer einiger wichtiger Fernsehsender Italiens.

Deswegen tingelt er seit Wochen durch alle möglichen Radio- und Fernsehstationen, um dort Sätze wie diesen zu sagen: „Der Faschismus ist tot, er wurde mit Mussolini und Hitler begraben.“ Das alles nach dem Amoklauf eines ehemaligen Lega Nord Kandidaten, der in Macerata sechs Afrikaner mit der Waffe anschoss, als Reaktion auf den Mord einer 18-jährigen, die in Rom zerstückelt in einem Koffer gefunden wurde und für den ein Nigerianer in Untersuchungshaft sitzt.

Dass Berlusconi mit Matteo Salvini der rechtsextremen Lega Nord koalieren will, ist mittlerweile klar. Das muss er, denn in Italien braucht eine Partei 42 Prozent der Stimmen, um regieren zu können und die bekommt seine Forza Italia alleine nicht. Salvini tourt derweil für die Lega erfolgreich durch das Land und propagiert #primagliitaliani; erst die Italiener. Und findet dabei einiges an Sympathien in einem Land, das für viele Geflüchtete die erste Anlaufstelle ist.

Bis vor wenigen Wochen. Zehntausende Menschen gingen in Mailand auf die Straße um ihre Stimme gegen den Rassismus und Faschismus im eigenen Land zu demonstrieren. Nur der Rest der Welt hat davon kaum etwas gehört. Warum in den Niederlanden oder Frankreich das Augenmerk viel mehr auf den Wahlen lag, kann in diesem Fall nur vermutet werden: Deutsche nehmen das Land auch nach 60 Jahren italienischer Einwanderungsgeschichte nicht ernst. Für sie sind die Italiener pizzabackende Giuseppes, die statt der Arbeit dem dolce vita frönen.

Der Rassismus hat aber auch tiefe Wurzeln im eigenen Land – und beginnt bei der eigenen Bevölkerung. Der Norden schaut spöttisch auf den armen Süden und deren „terroni“, die Erdfresser, wie sie von den “polentoni”, den Maisgriesfressern betitelt werden. Süditaliener sind impulsiver, lauter, für viele Norditaliener gewöhnungsbedürftig. Ihr Bild wird in Filmen oft klischeehaft überzeichnet. Es ist eben nicht das Bild der gemäßigten Mailänder, Modenesen oder Florentiner in Der Pate und The Sopranos.

Außerdem unterliegt struktureller Rassismus längst nicht dem Stigma, wie hier in Deutschland. Auch unter jungen liberalen Leuten ist es üblich, sich gegenseitig als “dreckiger Marokkaner” zu titulieren oder über eine „Rasse“ auszulassen. Das liegt daran, dass Italien sich mit der jüngsten Vergangenheit eher weniger auseinandergesetzt hat. Mussolini wird noch immer augenzwinkernd als Held gefeiert. Aber in der Not würden die meisten Italiener den Geflüchteten trotzdem helfen. Dies ein italienischer Ehrenkodex, die Gastfreundlichkeit geht vor, all der Frust und Ärger wird später ausgeschimpft. „Ich finde ja auch, dass die Ausländer Ärger machen. Sie kommen hierher, nehmen unser Geld und holen dann ihre Großfamilien nach. Aber willst du sie auf der Straße schlafen lassen?“, fragt Roberta.

Renzis Partito Democratico, die liberalste der Parteien, wird interim von Paolo Gentiloni geführt. Zwar will dieser auch nicht aussprechen, was mit dem Amoklauf in Macerata passiert ist, nämlich ein rassistisch motivierter Anschlag, aber die Sozialdemokraten wollen ein geeinigtes Europa, eine gesunde Immigrationspolitik und Wirtschaftsreformen. Dabei muten sie am wenigsten populistisch an – wenn das bei einem Wahlkampf in Italien möglich ist – und sind deswegen auch am wenigsten sichtbar. “Wir sind verloren”, erzählt Chiara, eine junge Werbetexterin aus Sassuolo. “Keine dieser Parteien ist für uns Jungen ernsthaft wählbar.”

Am Sonntag wird sich zeigen, wer bald das Land regiert. Momentaner Regierungschef Paolo Gentiloni hat vor Angela Merkel schon angekündigt, dass es eine stabile Regierung geben wird. In Klammern: Nicht so wie bei euch Deutschen. Der Wahltrend liegt aktuell bei einer Koalition zwischen Berlusonis Partei und seinen rechten Außenanliegern. Die Propaganda gegen die populistischen Partei der 5 stelle hat gewirkt. Verlieren könnte dabei die liberalste der Parteien um Matteo Renzi. Im gebeutelten Italien wäre diese nur das kleinste Übel.

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