Sag mir wann und wo

Ich warte auf einen Anruf. Einen Anruf, der eine Person von dieser Welt und ihrem Scherz erlöst und der mich meine Zeit besser planen lässt. Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen, wann es so weit sein wird, wann ich in meine Heimatstadt reisen muss, ob ich das Wochenende mit Freunden, das ich seit Monaten plane, absagen muss. Das Einzige was ich nicht weiß, ist, wann dieser Anruf kommen wird.

Ich habe keine Kontrolle. Das bin ich nicht gewohnt. Meine Wochen sind durchgetaktet, meine Wochenenden genau aufgeteilt, ich weiß, in welcher Stadt ich wann sein werde und buche die Tickets, wenn sie am günstigsten sind.

Also befrage ich jeden Tag die Deutsche Bahn, wie teuer ein Ticket jeweils am darauffolgenden Tag wäre, wenn ich spontan Abschied nehmen muss in der Heimatstadt. Ich lasse meine Freunde wissen, dass ich eventuell am Wochenende doch nicht kommen kann und plane schon das Nächste. Meinen Tiefpunkt erreiche ich, als ich Google frage:

Wie lange lebt ein Mensch noch, wenn er nicht mehr isst und trinkt?

Alles im Leben ist planbar. Alles. Ich weiß, wann ich wohin fliegen werde, wo ich an jenem Tag sein werde, denn mein Kalender ist synchronisiert. Es macht mir Freude Termine zu finden und sie zu besetzen, von der ersten bis zur letzten Minute. Jeden Tag suche ich in meinen Apps nach Möglichkeiten. Wann kann ich günstig nach London fliegen, nach Bologna? In den Whats-App-Gruppen kontrollieren meine Freunde und ich jedes Detail eines Geburtstags, einer Hochzeit; sogar eine Geburt könnte ich, wenn ich denn wollte, auf einen bestimmten Tag legen. Und wenn ich abends im Bett liege, plane ich, wie viele Folgen meiner neuen Lieblingsserie ich schaffe, bevor ich einschlafe.

Manchmal erwische ich, wie ich auf der anderen Seite anrufe und frage, wie es aussieht, aber ich erhalte keine Antwort, natürlich nicht. Sie steht mir nicht zu, ich bin gerade die geringste Priorität in dieser Angelegenheit und muss erkennen: Unplanbar bleibt alleine der Tod. Er ist vielleicht der letzte Überraschungsmoment in einem durchgeplanten Leben. Zynisch ist nur mein Wunsch, ihn nach seiner Planung zu befragen.

Der Tod reißt ein riesiges Loch in den Tag. Mit eiserner Faust regiert er wie ein Diktator, er ignoriert die Tickets für den Zug, er zerbröselt die Stunden, die ich durchgeplant hatte. Ich weiß um seine Kraft, aber wann er zuschlagen wird, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es bald sein wird und alles, was mir dazu einfällt zu tun, ist zu googlen:

Wie bald denn ungefähr?

Fotoquelle: https://www.flickr.com/photos/realhorax/

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