Ashak mit Amir

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Salam Alaikum.“ Amir schaut zur Decke, als er meine Wohnung betritt. Ob er das immer machen müsse, frage ich ihn. “Ich lasse das Gebäude von Gott segnen”, sagt er. „Aber nur beim ersten Besuch, so viel Zeit hat er nicht.“

Amir ist Anfang 30. Er lebt seit knapp zwei Jahren in Frankfurt, so lange gebe ich ihm in unregelmäßigen Abständen Nachhilfe. Manchmal treffen wir uns zum Essen. Heute hat er Ashak mitgebracht, das sind afghanische Nudeltaschen. In Kabul war er Englischlehrer. Er ist auf einem Schlauchboot über die Türkei nach Griechenland gekommen. Über Mazedonien und Österreich ist er mit dem Zug weiter nach Deutschland eingereist.

Am Anfang lernte er jeden Sonntag Deutsch bei einer Gruppe Ehrenamtlicher. ‘Wie geht es Ihnen?’, ‘Wie alt sind Sie?’, ‘Ausstieg in Fahrtrichtung links.’ Erst kürzlich hat er die Prüfung zu B1 bestanden. „Ich dachte wirklich, ich kann zur Uni gehen“, sagt er.

Jetzt soll er abgeschoben werden.

Klage gegen den Bescheid hat er eingereicht, den Anwalt muss er in Raten bezahlen. Aber er macht sich keine Hoffnungen. „Inschallah“, sagt er und schaut dabei betreten auf den Teller. „Wenn Gott will, sterbe ich früh und alles ist vorbei.“

Amir erzählt, dass der Motor seines Schlauchboots auf dem Mittelmeer drei Mal ausgefallen war. Schlepper in schwarzen Kapuzen hatten sie mit 50 Menschen auf ein kleines Boot gedrängt. Jeder, der umkehren wollte, wurde mit der Waffe bedroht.
Auf der Hälfte des Weges stand ihnen das Wasser bis zu den Knien. Sie versuchten das Wasser auszuschöpfen – mit einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Die teuer erstandenen Rettungswesten ließen sie am Ufer zurück.

Das alles, bei Weitem nicht so schlimm, wie die Anschläge. „Wenn sie glauben, dass du mit der Regierung zusammenarbeitest, drohen sie dir“, sagt Amir. Die, das sind die Taliban. Jeden Tag könnten seine Eltern und Geschwister ihnen zum Opfer fallen. Nach zehn Uhr abends geht in Kabul niemand gerne auf die Straße. Strom gibt es nur stundenweise. “Du musst den Deutschen sagen, dass in Afghanistan nur der Tod auf uns wartet“, sagt Amir.

Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, warum er Deutschland verlassen muss. Er, der seit zwei Jahren jeden Deutschkurs macht, der ihm angeboten wird – obwohl er diese jedes Mal selber finanziert. Er, der zu jeder Jobmesse geht, der Bewerbungen schreibt, der zur Uni will, um zu studieren, seinen Beitrag zu leisten. Wie soll ich ihm erklären, dass in der Leistungsgesellschaft Leistung nichts wert ist, solange du nicht deutsch bist? Wie den ganzen Ehrenamtlichen begreiflich machen, dass ihre Arbeit umsonst ist, wenn einer am Ende sowieso abgeschoben wird?

Amir schaut zur Decke. „Warum soll ich mich integrieren, wenn ich keine Chance habe, zu bleiben?“ Er ist kaum zwei Jahre hier und denkt logisch wie ein Deutscher. „Das ergibt doch keinen Sinn.”

Auf dem Weg zur U-Bahn reichen wir uns die Hände. Wir gleiten in eine freundschaftliche Umarmung über. Unsere Wangen berühren sich, wie es in Afghanistan so üblich ist. Wir machen ein Selfie für seine Familie in Kabul.

„Ich sehe schlimm auf dem Foto aus“, sagt Amir, dem türkische Polizisten die Nase gebrochen haben.
„Schau dir mal meine Augenringe an“, sage ich, die am Wochenende zu tief ins Glas geschaut hat.
Dann verabschieden wir uns. Ob wir uns nächste Woche treffen?
Inschallah. Wenn Gott will, sehen wir uns wieder.

2 thoughts on “Ashak mit Amir

  1. Hi Laura, ein Text wie eine Daumenschraube. Kurz, knapp, lakonisch und schnell auf den Punkt gebracht. Der Leser wünscht sich Erklärendes, Bildliches, Adjektive … er wünscht sich Trost! Das Verfahren geht in Revision, die junge Frau verliebt sich in ihn und brennt mit ihm durch, jemand Prominentes setzt sich für ihn ein, die Abschiebung war ein Versehen, die Zustände in Afghanistan wenden sich überraschend zum Besten … Aber nein, Laura tut uns den Gefallen nicht! Wir erfahren genau so viel, dass wir A mir auch nicht wieder ziehen lassen wollen und dann zieht sie die Daumenschraube an. Dieser Text schmerzt. Die Autorin weiß uns zu packen. Wir bleiben ohne Trost – dass ist gut so!

    • Ich muss dir wie immer für deinen Kommentar gesondert danken. Ehrlich, du gibst dir solche Mühe mit deinen Gedanken, ich freue mich immer sehr darüber.

      Dickes Herz. Laura

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