Alles egal

Alles ist egal. Alles. Ob du anrufst oder nicht, ob wir uns verabreden, komm halt auf nen Kaffee, stress nicht. Ob du kurz vorher absagst, ob wir uns kennen oder nicht, ich brauch dich nicht, aber ich halte das aufrecht, du hältst das aufrecht, weil wir uns vor zehn Jahren kannten. Alles ist sauegal. Wenn du nicht da wärst, wenn du da bist; juckt mich nicht, berührt mich nicht, da sind noch andere, die mir schreiben. Kann nur antworten, auf die Tasten hausen, scheißegal, wer da vorsitzt; immer der gleiche Witz, immer die gleichen Smileys.
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Ob du anrufst oder nicht? Heute eh keine Zeit, so viel zu tun, so vielen Leuten zu schreiben, kann ich heute, kann ich morgen? Scheißegal. Jeder Tag gleich. Man guckt auf sein Handy und schläft. Zwischendurch isst man, nie alleine, immer mit Ton. Du sagst kurzfristig ab, passt schon, tinder ich halt, treffe jemand, gucke Netflix, hab eh keine Zeit, muss Dinge erledigen, noch dem und dem schreiben, muss ein Buch lesen; muss los, raus, die Stadt entdecken; liege im Bett und scrolle und Alter: eh alles egal.

Ich kann mir Wissen kaufen, kann Intelligenz vorheucheln, kann alles lesen, was ich wissen will. Selbst der Dümmste kann sich einen Scheiß im Internet zusammen klauen und sich schlau stellen. Ich muss nicht alles wissen, muss nicht wissen, wo Syrien liegt. Was der Generationsvertrag ist? Komm Alter, geh. Alles egal, die Werte verschoben, alles dummes Rumgeprolle; Schlacht zwischen intellektualisierten Idioten. Kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal schreiben, kann den Satz drei Mal.

Muss nicht mehr trauern, nicht mehr reflektieren, nicht mehr nachdenken, kann ständig mein Gehirn zuballern, kann mich daneben benehmen, kann ständig unterwegs sein, kann Bier saufen, mit wem ich will. Bin groß, kann zuhause bleiben, kann nachts Cornflakes essen. Was mich an dir gestört hat? Kein Plan, wollte alleine sein, nicht gebunden, eh alles egal, Sex ist anstrengend, zu viel Bewegung, ich will liegen, will alles vergessen, brauche mehr Häuslichkeit. Muss mich nicht mehr selbst entdecken, muss keine Fantasie haben, alles ausgemalt, alles ausgedacht, alles bebildert, alles da.

Kann nicht mehr unterscheiden, wer mir wichtig ist und wen ich nur flüchtig kenne. Alle können mir schreiben, ich kann allen schreiben. Nichts dahinter, kein Gefühl. Ich schicke allen dieselben Smileys, die reihen sich in Chats untereinander. Ich kann Männer vollabern, weil ich ihre Nummer habe; alles austauschbarer Müll, den ich produziere, den ich verbreite. Alles dumme Repetition.

Blauer Himmel, dunkler Himmel, egal. Wo ich wohne, wo ich morgen aufwache? Egal. Weil wir alle überall schon waren, nichts mehr, was es zu entdecken gibt, alle schon mal da gewesen, ständig Abschiedspartys, weil einer ein halbes Jahr weggeht, ständig Fotos von Menschen, die an so viele verrückte Orte fahren, dass ausgerechnet Mallorca einen Touristenboom erlebt. Alles inhaltslos, alles Leere, alles tot. Alle Dinge tot, keiner atmet. Verlust ist unerheblich, Welt ist egal, Freunde sind egal, Tiefe ist egal, Leben ist egal. Ende: eh egal.

3 thoughts on “Alles egal

  1. Liebe Elisa, – brich die Zelte ab, geh’ nach Portugal, nach Italien, fahr mit der Transsibirischen! Suche Menschen, rette Deine Seele! Dieser Zwangsjackentext, dieses in sich hinein Drillbohren, das ist Berlinprosa, aber die Nachtseite! Vorne die Flaneure, Exoten, Paradiesvögel, Nachtschwärmer, die glauben, sie seien die Größten, nur weil ihre Postleitzahl mit eins beginnt. In der Mehrzahl Künstler, Literaten, Theaterleute, Modephilosophen und Fela Kutis “very important persons”. Und auf der Kehrseite Dropouts, die Heizer im Maschinenraum der Stadt, Gescheitert, künftige Selbstmörder, Borderliner, die den Verstand verlieren werden, wenn die sich nicht retten könnnen.
    Berlin kann man nur lieben und hassen zugleich; Berlin ist Medizin und Krankheit. Vor allem aber ist Berlin nur ein aufgeschäumter Mythos. Hast Du das erkannt, wird alles etwas farb- und bedeutungsloser, aber Du kannst in der Stadt überleben!
    Zum Schluß aber lass es mich sagen: Du Elisa, hast Berlin nicht nötig, denn Berlin ist etwas für die Farb- und Phantasielosen! Geh’ in die Welt! Viel Glück!

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