Anders rauscht das Meer in Island

Rauer Wind schleicht in meinen Mantel, ich ziehe die Mütze weiter ins Gesicht. Neben mir stehen rissige Bauten, es fliegt eine Unabhängigkeit in jeder Seele umher, die mir entgegen kommt.
„Wo ist die Hallgrímskirkja?“, frage ich einen älteren Mann, der auf einer Bank sitzt und eine Möwe füttert. Er zeigt nach links, da lang, einfach da entlang. Vorbei am Bonus, am billigsten Supermarkt, der ist vollgepackt mit Touristen. Vor Jahren, während der Finanzkrise, soll die isländische Premierminister Jóhanna Sigurðardóttir im Fernsehen gesagt haben: „Möge Gott uns alle beschützen“. Jetzt ragen riesige Baukräne über der Stadt.

Ich finde die Hallgrímskirkja, die größte Kirche des Landes, sie zeigt Tag und Nacht Punkt zwölf Uhr an, in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. Ich nehme den Aufzug nach oben, im achten Stock entkleidet sich vor mir der Blick auf Reykjavik: auf die bunt gestrichenen Häuser, die Plattenbauten in der Ferne, die mit Schnee bedeckten Berge. In der Kirche selbst zählt kein Prunk. Es gibt nur hohe, weiße Decken und Wände mit leichten Einkerbungen, einen Altar aus klar geschnittenem Holz, kein Gold, kaum Statuen, keinen Jesus am Kreuz.

Beim Laufen steigen die Straßen an. Ich zügle das Tempo, ich komme nicht ins Schwitzen; ich will zum alten Hafen, hier soll es billige isländische Fish und Chips geben. Ich bin einer jener Reisenden, die dem Land nicht viel Geld bringen: Ich will lediglich seinen Mythos begreifen.
Ich bestelle „white hake“ mit Salzkartoffeln, alles ist auf Englisch beschrieben, Isländisch sehe ich nur selten in diesen Tagen. Auf jedem Tisch steht eine Flasche Leitungswasser, das so sauber ist, dass es exportiert wird. Ich frage den Kellner, ob man in Reykjavik Trinkgeld gibt. Ich will freundlich sein, will Fragen stellen, die mein Reiseführer nur ohne die kulturellen Zwischentöne beantwortet. Er nickt ab, weicht meiner Frage aus, er schaut auf sein Handy. Ich bin ihm mit meiner forschen, deutschen Art vielleicht zu nahe getreten.

Ich biege ab in Richtung des „old harbour“, des alten Hafens. Hier reihen sich Restaurants aneinander, aber auch kleine Pop-up-Stores. Ich besuche einen nach dem anderen, immer ist sofort jemand da, der dich dann in Ruhe lässt. Reserviert stehen die Verkäuferinnen in der Ecke, drehen sich die Haare zurecht, warten in Leggings, Boots, Wollpullovern, tiefdunkelrotem Lippenstift. Ich laufe weiter auf den Fjord zu, die Farbe an den Fabrikgebäuden blättert ab, Seemänner schreien aus vollem Halse, sie sammeln Netze ein oder scheuchen Möwen weg, die ihnen auf die Schulter scheißen. Sie sehen längst nicht mehr, was ich sehe oder nehmen dies nur als Unterton wahr: die weißen Bergspitzen, die in die Wolken ragen, das kaltblaue Wasser, das in geraden Wellen sein eigenes Lied spielt, die riesigen Schiffe, die auf dem Weg in die Arktis sind. Würden sie fragen, ob ich mitkommen will: Keine Sekunde würde ich zögern. Island ist ein schwerer Traum und eine leichte Realität. Alles, was mich in Deutschland hält, würde im Moment der Entscheidung in den Hintergrund geraten. Wie die Berge, die mich begleiten, wo immer ich bin. Wie die ruhigen Isländer, die neben mir, vor mir, hinter mir laufen; mit denen ich aber nie zusammenstoße.

In der Laugarvegur-Straße, die einzige Partymeile Islands, bestelle ich einen Pint Gullbier für 8 Euro. Ich bin darüber sehr wütend, setze mich an einen Tisch, an dem bereits ein Mann in einer Daunenjacke Platz genommen hat. Seine Wollmütze ist so weit nach hinten gezogen, dass ich seine Geheimratsecken sehen kann.
„Teuer, was?“, flüstert er.
Ich nicke. „In Deutschland kostet ein Bier die Hälfte.” Woher kommt nur der Reflex, alles mit dem Heimatland zu vergleichen; eine einzige Sache zu vergleichen und daran alles andere abzuleiten?
„Ihr müsst alle sehr reich sein“, sage ich noch, weil Bier macht mutig.
Der Mann stiert in sein fast leeres Glas. „Die meisten von uns kommen kaum über die Runden.” Er trinkt aus, steht auf und klopft auf den Tisch. „Wenigstens ist das Leitungswasser so gut, dass man es aus dem Hahn saufen kann.“
„Wir haben noch ein paar Plätze in der EU frei“, rufe ich zum Abschied. Seit der Europameisterschaft lieben wir die Isländer. Und alles, was der europäische Geist liebt, will er besitzen.
Der Mann dreht sich ein letztes Mal zu mir um. „Und was wird dann aus unseren Fischen?“

Ich schlendere die Partymeile hinunter, es ist Freitagabend, betrunkene Engländer torkeln mir entgegen, die müssen aber auch jedes Land vollkotzen. Der Sonnenuntergang steht kurz bevor, beinahe hätte ich ihn verpasst. Aber in einer kleinen Stadt wie diesen bist du nie zu spät. In Reykjavik? Bist du immer da, wo du sein solltest.

2 thoughts on “Anders rauscht das Meer in Island

  1. Spät abends im Bett mit trüben Augen gelesen und Dein Streiflicht zündet trotzdem noch. Island, da wollte ich schon immer mal hin. Gute Aufgabenteilung: Du reist und ich lese bei einem Gläschen preiswerten Wein Deine Erfahrungen als wären es meine eigenen … Du machst das gut! Nur ob die Deutschen immer direkt sind, – da bin ich mir nicht sicher. Mach’ weiter so, bleib tapfer!

  2. Danke, du treuer Leser. Fahr unbedingt mal hin, aber ja und du hast auch recht: Die Deutschen sind nicht immer so direkt, wie man von ihnen denkt – und es kommt ja auch auf die Person an sich an. Guter Punkt!

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