Burka, Hotpants oder Botox – Tragt doch, was ihr wollt

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Immer wieder tauchen Online-Petitionen und Pseudodiskussionen über das auf, was frau tragen darf. Nationalfeministen plädieren auf ein Burka-Verbot, weil sie es als alleiniges Symbol der Frauenunterdrückung sehen wollen. Schulleiterinnen schützen sich vor aufreizenden Schülerinnen in Hotpants. Die Boulevardpresse rechtfertigt ihre Auflage mit der Besprechung von Botox-Kuren weiblicher Prominenten. Wann dürfen Frauen tragen, was sie wollen?

Baden-Württemberg 2015. Dort wurde an einer Realschule darüber diskutiert, ob junge Mädchen Hotpants tragen dürfen. Die Schulleiterin verfasste einen Brief an die Eltern, in denen sie sich gegen aufreizende Kleidung aussprach und stattdessen lange Shirts verteilen wollte. Ihr Wortlaut: „Wir wollen damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.” Es ist eben jene Individualität, eben jene freie Entscheidung der Frauen, die hier im Keim erstickt werden. Denn es ist ja nicht nur das Problem einer Schule, das dort zutage getreten ist. Offenbar scheint es vielen immer noch nicht klar, dass ein Minirock unter das Recht der freien Selbstentfaltung fällt. Was in Großstädten längst angekommen, liegt auf Dorfackern eher brach: Dort fängt der Eklat oft an, wo sich junge Frauen mit Minirock auf der Straße zeigen.

Blättern wir in Boulevardmagazinen, wird uns regelmäßig der Körperbau und die Cellulite prominenter Frauen vorgeführt. „Die ist ja auch nur ein Mensch“, soll uns damit suggeriert werden. Was zunächst begrüßenswert wäre, hat einen hohen Preis. Nämlich den der Privatsphäre. Warum müssen Frauen vor die Linse gezerrt und entmündigt werden, damit wir uns besser fühlen? Haben sie ihr Recht auf Privatsphäre mit ihrem überdurchschnittlich großen Gehalt verwirkt? Auch Frauen, die sich Botox-Kuren unterziehen, sind vor der ständigen Beobachtung der Öffentlichkeit nicht sicher – es ist übrigens dieselbe, die sie bei nicht behandelter Haut an den Pranger stellen. Sicherlich ist zu diskutieren, ob Eingriffe in die Schönheit der richtige Weg sind, um Anerkennung zu erlangen. Grundsätzlich gilt auch hier: Botox ist ein Menschenrecht.

“Ich will meinem Gegenüber in die Augen schauen.” Dies, ein beliebter Satz, der in der Diskussion um das Burka-Verbot immer wieder angeführt wird. Unser Wohlbefinden soll fortan wichtiger sein als geltende Gesetze: Individualwohl über Gemeinwohl, so soll es laufen. Nachweislich ist es in Frankreich, wo das Burkaverbot 2011 durchgesetzt wurde, zu Zwischenfällen gekommen. Frauen kassierten hohe Geldstrafen, weil sie sich weigerten, ohne Burka oder Nikab das Haus zu verlassen. Andere bissen Polizisten in die Hand, als diese sie zwingen wollten, ihre Vollverschleierung abzulegen. Nachdem sie sich körperlich gegen diese Grenzverletzung wehrten, gab es die Quitting: Sie wurden in die radikal-islamistische Ecke eingeordnet. Wir müssen behutsamer argumentieren, um Radikalismus einzudämmen. Wir müssen uns auf die Justiz verlassen, wenn wirkliche Unterdrückung herrscht. Ein Amerika der Herzen gibt es nicht.

Burka-Verbot, Hotpants-Aus, Botox-Kur: Das ist die komplexe Welt, die uns diese Differenzierung abverlangt. Wir leben in einem Europa, das auseinanderzubrechen droht. Uns erreichen jeden Tag viele Flüchtlinge; Weltvölker vermischen sich. Frauen aus allen Völkern sind heute gefragt, sich vermehrt Fragen zu stellen: Welches Recht will ich in dieser Gesellschaft durchsetzen? Dass ich anziehen darf, was ich will? Oder, dass ich meine Individualität und Religionsfreiheit fortan staatlich reglementieren lasse? Es liegt gerade heute, am Weltfrauentag, aber auch sonst an uns, das neue Frauenbild in Europa zu formen. Das geht nicht über Facebook, auf Twitter und nicht mithilfe der AfD. Auch wenn alle uns einen Umbruch versprechen. Dies ist unsere Zeit. Wie wir uns darin zeigen, sollte unsere Sorge sein.


Das Bild habe ich mit freundlicher Genehmigung von Claudia Dea benutzt.

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