Die Birken am Ende der Rampe

Ein Besuch in Auschwitz Birkenau

Wir fahren mit dem Bus nach Birkenau. Das Vernichtungslager liegt ein paar Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt. Ich folge der Gruppe durch den Haupteingang, laufe unter freiem Himmel. Er gibt mir die Freiheit nach oben zu schauen, liegt nicht weniger bedrückend auf meinen Schultern. Wir gehen die Gleise entlang zur Rampe, an der die Gefangenen selektiert wurden, nachdem sie in überfüllten Zügen aus ganz Europa eingefahren waren. Arbeitsfähig oder nicht, darüber entschied ein Daumen. Alte, Kranke und Kinder wurden sofort in die Gaskammern geschickt. Damit sie vor ihrem Tod nicht aufbegehren, wurde ihnen erzählt, sie würden in ein Sonderlager kommen. Eines, in dem sie nicht arbeiten müssten, in dem es frische Milch für die Kinder gäbe. Den Nazis war keine Lüge zu perfide, damit ihre Tötungsmaschinerie reibungslos funktionierte. Aber ich weiß jetzt, was hier passiert ist.

Ich folge Barbara zu den Gedenktafeln am Ende der Rampe. „Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder”, steht da. An den Massengräbern lauschen wir Barbaras Worten. Beide Krematorien wurden zerstört, erst teilweise bei einem Aufstand vom “Sonderkommando”, also von den ausgewählten Juden, die gezwungen wurden, ihr Volk aus den Gaskammern herauszutragen, zu plündern und zu verbrennen. Am Ende des Krieges zerstörten es die Nazis vollständig, um Spuren zu verwischen. „Mögen die Opfer in Frieden ruhen”, schließt Barbara diesen Teil der Führung nach einer inoffiziellen Gedenkminute. Zum Schweigen auffordern musste sie uns kein einziges Mal an diesem Tag.

Vom Scheißmeister und den Todesbaracken

Barbara will uns jetzt die Baracken zeigen. Die meisten sind unbegehbar aufgrund eines Unwetters, das vor ein paar Jahren den Grund auf den Feldern aufgeweicht hatte. „Uns fehlt das Geld, diese zu konservieren.” Zwei Baracken dürfen wir näher betrachten. Durch die Fenster sehe ich zwanzig Löcher in einem Balken: Toilettensitze. Hier hatten die Häftlinge 30-40 Sekunden Zeit zur Benutzung, das wurde genauestens angeordnet, die Häftlinge nannten die Aufsicht dafür “Scheißmeister“. Das erste Mal muss ich heute lächeln. Was für ein zutiefst menschliches Bedürfnis selbst im schrecklichsten aller Vernichtungslager geherrscht haben musste, den Dingen einen Namen zu geben.

Die zweite Baracke wirkt auf mich wesentlich bedrückender. Hier schliefen die Häftlinge. Am Ende der Pritschen stehen zwei kleine Öfen, die im Winter nicht ansatzweise ausreichend geheizt hatten, wie Barbara uns erzählt. Auf den Pritschen selbst, davon waren drei übereinander gereiht, schliefen bis zu neun Menschen unter zwei Decken. Die Kranken schafften es meist nur in die unterste Pritsche auf den Steinboden. Kein Heu, keine Kissen. Nur Decken und Holz, von harten Steinen gehalten. Anders als im Stammlager Auschwitz lebten die Menschen hier nur zum Sterben. „Hunderte von ihnen waren in diesen Baracken zusammengepfercht. Kaum eine Chance auf ein Überleben.”

Der Himmel über Auschwitz Birkenau lockert sich auf, ein weiches Rosa erhebt sich über ihn und erhellt den Kommandoturm. Ich werde den verbrannten Geruch in der Nase nicht los. Ob ich mir diesen einbilde, weiß ich nicht. Ich drehe mich um, zum Ende der Rampe, dort wo die Birken stehen, die Namensgeber für diesen Ort. „Ich kenne eine Überlebende, die bis heute keine Birken sehen kann”, erzählt Barbara. Ihrer Stimme ist ebenso ruhig wie am Anfang der Führung. Sie fordert weder Trauer noch Mitleid. Ich frage Barbara, wie viele Deutsche das Lager im Jahr besuchen. „Es sind verhältnismäßig wenige. Dafür kommen viele Japaner.”


Wir alle tragen eine Erbschuld in uns

Wir klatschen, die Tour ist beendet. Ich gebe Barbara zehn Zloty, umgerechnet sind das zwei Euro. Sie lächelt und bedankt sich höflich. Eine Schweizerin, die mit ihrer Tochter und ihrem Mann hier ist, fragt mich, ob es mich nicht nerve, dass die Deutschen das Thema Holocaust immer wieder hervorholen würden. „Das ist doch längst Geschichte“, sagt sie.
„Waren Sie heute nicht mit uns hier?“, frage ich. „Ich finde, man kann das Thema gar nicht oft genug herausholen.“

Ich glaube der Frau, dass die deutsche Aufarbeitung der Nazizeit für Ausländer schwer zu begreifen ist. Ich habe meine Erbschuld als Teil meiner Identität längst akzeptiert. Sie gehört für mich zum Deutschsein dazu und ich werde niemals begreifen, wie es auch nur einem Menschen einfallen kann, das Thema auf sich beruhen zu lassen. Wie kann man den systematischen und grausamen Mord an Millionen von Juden vergessen wollen – und wieso fühle ich mich davon gestört? Wichtiger noch: Was ist das für eine lächerliche Bürde, die ich zu tragen haben im Gegensatz zu den Opfern? Für mich war dieser Besuch heute wichtig. Ich fühle mich aufgeklärt, ich habe die Opfer betrauert, ich habe mich diesem Teil unserer Vergangenheit gestellt. Und ich werde davon erzählen.

Dies ist der zweite Teil meines Besuchs im Vernichtungslager Auschwitz Birkenau.

2 thoughts on “Die Birken am Ende der Rampe

  1. Hallo Laura,

    beeindruckt, ja wir dürfen unser deutsches Erbe nicht aus den Augen verlieren. Und wir sollten uns abundzu dem stellen.

    LG Heike Zimmermann

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