Sinnlicher als Weihnachten: Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2016


Ein älterer Mann beugt sich auf den Tisch vor sich hinunter. Er zieht etwas Koks durch die Nase. Eigentlich riecht er nur an den Seiten eines Buches. Schade. Ich dachte, hier wäre dieses Jahr richtig was los.

Ich habe Bauchschmerzen von den ganzen Süßigkeiten, die es umsonst gibt, von den Bonbons und Lutschern, eventuell war ein Radiergummi darunter, das weiß ich nicht mehr so genau, im Rausch passiert das schnell.

Ich habe gestern viel Wein getrunken und am Ende gab es Wodka und das nächste, an das ich mich erinnere, ist wie ich in Halle 3 an meinen Brüsten, der Hüfte und dem Hintern durch die Gänge geschoben werde. Tausende Jutebeutel vor und hinter mir grapschen sich Kullis und neue Biobeutel von den Empfangstischen der Verlage.

Wenn man etwas von der wirklichen Geschäftstüchtigkeit der Verlagswelt mitbekommen will, geht man entweder in den Agenten-Pavillon oder in die Halle der internationalen Verlage. Dort wird einem bewusst, was die Buchbranche eigentlich für ein hartes Business ist. Es wird wild gestikuliert (bei den Italienern), charmant unter dem Kopftuch hervor gelächelt, während man Verträge unterschreiben lässt (Iran) und der Weg auf den Stand jedem versperrt, der keinen offiziellen Termin hat. (UK) Mit Lesen und Blättern hält man sich hier nicht auf.

Buchreporter im Social Media Alter fotografieren „mega sweete“ Cover und Postkarten und erfinden dafür dann vor aller Ohren lustige Hashtags. Im Orbanism Space, der digitalen Hauptbesetzung auf der Buchmesse, gibt es Bier und Schnaps umsonst. Ich werde von einer Agentin angequatscht, die irgendwas mit meiner Stimme machen will. Hörbücher vielleicht. Über Texte will sie noch nicht sprechen. Ich quatsche wiederum einen Autor an, der mir seinen Schreibstil als eine Mischung aus Hunter S. Thompson und Dave Eggers pitcht. Wir lachen und kippen Schnaps in uns rein.

Ich nehme die U-Bahn nach Hause. Die S-Bahn ist was für langweilige Lektoren und Nicht-Frankurter. Ich stelle einen Flasche Weißwein auf den Tisch und eine zweite in den Kühlschrank. Ich zünde kleine Teelichter an, die ich auf der Fensterbank verteile. Dann koche ich Spaghetti für meine liebste Buchmessenfreundin.

Später falle ich volltrunken und ohnmächtig vor Freude darüber, dass die Buchmesse wieder in der Stadt ist, ins Bett, auf zwei offene Buchseiten. Wenn ich aufwache, habe ich bestimmt schwarze Buchstaben im Gesicht.

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