Über Texte von Laien im Internet

Alle sagen zu Allem Alles. Was für die Demokratie ein Segen ist, ist für Kunstschaffende ein Eklat. Wie messen wir in Zeiten des Internets noch Qualität?

Wir leben in einer freien Gesellschaft. Jeder sollte sagen, was er denkt. Aber dieses Prinzip hat seine Grenzen. Bei Volksverhetzung zum Beispiel. Und bei Texten aus dem Internet.

„Warum ich keine Kinder will“, „Warum ich unbedingt Kinder will“, „Warum ich nur vier Tage die Woche arbeite“, „Warum ich gar nicht arbeite“, „Warum ich Monogamie richtig finde“, „Warum Polygamie zu meinem Mantra geworden ist“, „Warum ich diesen Text schreibe, „Warum ich diesen Text nicht schreiben sollte – es aber trotzdem tue (Ätsch)“.

Zu jedem Problem gibt es einen Text. Das nervt. Wir sind über 80 Millionen Menschen in diesem Land. Ich habe keine Zeit und keinen Bock, jede Einzelne davon im Internet nachzulesen.
Vielleicht bin ich aber auch ein verkappter Spießer. Einer der denkt, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben sollte. Der findet, dass Modebloggerinnen zumindest von einem Fashion-Hintergrund profitieren, bevor sie über die Branche schreiben. Dass Youtube-Stars sich aus dem Syrienkonflikt raushalten sollten, wenn sie sonst hochbeschäftigt sind, Produkte von amerikanischen Konzernen in die Kamera halten. Selbst dieser Ich-Text ist mir peinlich, obwohl ich mein Handwerk gelernt habe.

Wo Menschen eine Plattform bekommen, da sollen sie sich austoben. Wo Kunst gemacht wird, da offenbart sie ihre schlechte Seite. Wir sollten die Meinungsfreiheit nicht beschneiden, sondern den Mitteilungsdrang der Menschheit in Relation setzen. Auf Dauer können wir so nicht glücklich werden. Jeder hat bald in erschreckender Geschwindigkeit Alles zu Allem gesagt. Und was kommt dann?

Professionell Schreibende müssen sich mit dem, was der Leser will, beschäftigen. Zumindest, wenn sie damit Geld verdienen wollen. Wer sich ernsthaft mit dem Berufsbild auseinandersetzt, versteht, dass Schreiben ein Kompromiss zwischen persönlichem Geschmack und den Erwartungen des Lesers ist. Aber was passiert, wenn diese Komponenten rapide undurchsichtiger werden?

Dass das Internet für unerkannte Talente einen neuen Weg der Veröffentlichung bereithält, ist selten ein Vorteil. Viele interessante Projekte wurden mithilfe des Internets verwirklicht und sie haben ihre Abnehmer gefunden. Die erschreckende Mehrheit hat aber keine Ahnung, was sie auf der digitalen Bühne soll. Der gemeine Leser kommentiert mittlerweile nur noch so: „Toll geschrieben!“ – „Das Beste, was ich je gelesen habe.“ – „Du sprichst mir aus der Seele!“
Dass nicht jeder Blogpost eine Offenbarung sein kann, nunja: Das Internet ist und bleibt das Land der Superlative. Dennoch verlieren wir den Überblick darüber, was wir wirklich als bemerkenswert empfinden.

Jeden Tag lese ich Texte zum Burnout, zum unterdrückten Kinderwunsch. Diese kommen zu oft nicht von Berufsschreibenden oder Experten aus dem jeweiligen Geschäftsbereich – sie kommen von Menschen, die nichts über Stil und Dramaturgie gelernt haben. Die vielleicht innerhalb von Tagen entschieden haben sich einer Bewegung anzuschließen und bedeutungsschwanger darüber schreiben. Die betrunken mit ihren Mannschaftskollegen diskutieren und meinen, ihre Weltsicht würde die Welt wirklich interessieren.

Mich langweilt das. Dabei erachte ich „Depressionen“, „Flüchtlingspolitik“ und „Europa“ als wichtige Themen für die Gesellschaft. Aber es wurde zu vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich öffentlich zu äußern. Mittlerweile kann ich nicht mehr an der Überschrift erkennen, ob ein Artikel mir Mehrwert bietet: Sie klingen alle gleich.

Neulich wollte ich ein Plädoyer für Europa schreiben, weil ich auf diesem Kontinent herumgereist bin. Aber ich kann mich ja selbst nicht mehr hören. Ich bin gehemmt, weil ich gute Qualität nicht mehr als solche erkennen kann. Die Parameter zu Stil und Handwerk sind im Internet verschoben; Spannendes wird schnell zum Banalen. Und Texte mit orthografischen Fehltritten machen heute die Headlines.

Ich frage mich, ob ich in einer Branche arbeiten will, die sich selbst nicht ernst nimmt. Die Buchverträge aufgrund eines erfolgreichen Tweets verteilt, während sie auf ihrer Website dringend davon abrät, sie überhaupt zu kontaktieren. Sie haben ja alle so viel zu tun. Die buchstäblich ihren Darm ohne besonders viel Charme verkaufen – aufgrund der Klickzahlen eines einzelnen Youtube-Videos.

Wir alle profitieren davon, dass wir uns am Internet beteiligen dürfen. Momentan überwiegt der Nonsens. Wenn Autoren und Autorinnen sich deswegen überhaupt nicht äußern, aus Angst, dass ihr Thema bereits von allen Seiten bespielt wurde, dann wird die publizistische Landschaft zur Steppe. Wir sollten wieder für gute Texte kämpfen. Mit allen stilistischen Mitteln.

P.S. Die Groschenphilosophin hat vor mir zum Thema geschrieben. Sehr bemerkenswert.

P.P.S. Fotoquelle

7 thoughts on “Über Texte von Laien im Internet

  1. Danke, Danke, Danke! Das war überfällig. Längst tut sich Qualität nicht zwischen Mittelmäßigkeit hervor, sondern geht in einer Flut unter. Schon in den 80ern, als ich bis zu 3 mittelmäßiger Manuskripte aus dem Briefkasten zog, erschien es mir, es gäbe mehr Schreiber als Leser. Heute ist jeder Produzent und keiner mehr Rezipient. Vielleicht sollte man anstatt Künstlern und Autoren lieber Leser und Kunstbetrachter an den Universitäten ausbilden. Ein Beruf mit Zukunft.
    Dir liebe Laura, mehr Selbstgewissheit. Von Dir habe ich noch nichts überflüssiges, banales gelesen! Bleib Dir treu!

    • Ich danke dir! Gerade beim Schreiben ist es ja doch oft eine Qual, was für eine Konkurrenz da herrscht – die ja am Ende nicht wirklich eine ist und dennoch den Briefkasten für sich einnimmt.

  2. Ich denke, Sie irren sich, und zwar gewaltig.

    Zwar kann heute “jeder ins Internet” schreiben, aber das ist nichts neues, das ging auch vor 20 Jahren schon. Nur dass damals weniger Leute am Netz teilnahmen als heute. Tatsächlich postet die überwiegende Mehrheit der Internetnutzer nie irgendwas irgendwo. Das, was man an Kommentaren bei Facebook oder in irgendwelchen Blogs lesen kann, wird von weniger als 1% der Nutzer verursacht.

    Zu glauben, das Internet sei eine Publikationsplatform, ist an sich schon falsch. Das Internet ist in erster Linie ein Netzwerk aus Netzwerken. Das WWW ist sicher ein signifikanter, aber doch nur ein kleiner Teil davon. Blogs, Medien und dergleichen wiederum sind nur ein kleiner Teil vom WWW. Und Privatleute produzieren wiederum auch nur einen kleinen Teil davon. Angesichts dessen finde ich nicht, dass es daran irgendwas gibt, worüber man sich aufregen könnte.

    Ein grosses Problem (wenn man es denn als solches sehen wollte) ist, dass man eben immer nur einen winzigen Teil wahrnimmt. Doch neben diesem winzigen Teil (der für sich betrachtet in der Tat als ein über die Maßen vollgestopftes Universum erscheint) gibt es noch unzählige weitere: miliarden wissenschaftliche Publikationen (übrigens: die Wissenschaft war die ursprüngliche Zielgruppe, nicht Publizisten oder Privatleute!), gazillonen technische Dokumentationen, Anleitungen, unendlich viele Foren mit z.T. abermillionen Postings, und und und. Ich habe meine Frau in einem Selbsthilfeforum kennen gelernt, was um Himmels Willen soll schlecht daran sein?!

    Ich möchte Ihnen mal ein x-beliebiges Beispiel zeigen: Mutt – Archwiki. Im verlinkten Wiki gibt es zig-tausende solcher Dokus und schauen Sie mal, wie umfangreich die ist! Und wer ist dafür verantwortlich? Irgendwelche Privatleute nämlich!

    Tatsächlich könnten Sie gar keine eigene Webseite betreiben ohne das Engagement freiwilliger Privatleute, die Opensource-Software produzieren, mit der heutzutage fast das ganze Internet betrieben wird.

    Sicher, es gibt viel Mist “da draussen”. Aber viel Mist gab es vorher auch schon. Nur, weil der Herausgeber ein professioneller Publizist ist, heisst das nicht, dass das Ergebnis Qualität hat, oder zu gebrauchen ist. Kaufen Sie sich eine x-beliebige Zeitung und streichen Sie jeden Artikel durch, der einfach nur Unfug ist. Da wird nicht viel übrig bleiben. Oder kaufen Sie sich mal ein Buch des Kopp-Verlags :)

    Hier will ich zum Schluss kommen: Qualität nämlich, ist nicht das Kriterium. Veröffentlichen zu können, DAS ist das Kriterium. Wenn Sie sich für die Texte der Leute nicht interessieren, fein, dann lesen Sie sie halt nicht. Es ist aber trotzdem gut, das es sie gibt. Denn oft genug findet sich manche Perle darunter (und ich bin mir sicher, dass Sie auch schon diverse solcher Perlen entdeckt haben!). Und stellen Sie sich den arabischen Frühling ohne eine solche Publikationsmöglichkeit vor, oder das Thema Polizeigewalt in den USA. Diese Dinge wären ohne die “überflüssigen Ergüsse irgendwelcher Privatleute” überhaupt nicht Thema, niemand würde überhaupt davon wissen, geschweige denn diskutieren!

    Schon dass Ich Ihnen antworten kann, ist doch grossartig. Vielleicht empfinden Sie meinen Kommentar als völligen Mumpitz, was total ok wäre. Aber ich kann mich äussern. Hier sitze ich, tausende Kilometer von Ihnen entfernt, und schreibe Ihnen. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht – und doch findet es statt. Also wenn man das nicht grossartig finden kann, sollte man den Stecker ziehen :)

    Einen lieben Gruss, alles Beste dieser Welt und lassen Sie sich nicht runterziehen!

    - Tom

    • Lieber Tom,

      vielen Dank, dass du dir die Zeit für diesen Kommentar genommen hast. Das ehrt meinen Text! Dennoch bin ich immer noch anderer Meinung.Vor 20 Jahren gab es dieses massive Publikum nicht und – ganz richtig – das ist der Punkt meines Artikels. Dass jeder hier seine Meinung sagen soll: Oh, aber bitte und mit dem größten Vergnügen. Nur so ist dieser Kommentar ja letztlich zu mir gekommen und wir können diskutieren.
      Ich finde, dass eben durch das große Publikum im Netz die Qualität gelitten hat – und der Leser sich mit viel weniger zufrieden gibt, als das vor 20 Jahren vielleicht noch war. Das ist meine Argumentation. Hier soll keine Zensur stattfinden. Das ist mir sehr wichtig! Die Perlen liebe und kenne ich auch, leider werden diese dann wiederum viel zu schnell von Publikationsmedien monetarisiert und verlieren an Glanz. Eben aufgrund dieses massiven Publikums, was ja auch schnell wieder abebbt –und das überhypte Idol fühlt sich verständlicherweise schnell benutzt. Du wirst mir vielleicht zustimmen, dass der alte Spruch “Qualität setzt sich durch” ein wenig gelitten hat in letzter Zeit. Für Menschen, die beruflich mit der Kunst Geld verdienen ist es umso bitterer, dass sie Inhalte umsonst ins Netz gestellt werden. Aber das ist wiederum ein anderes Thema und wird bestimmt mal an anderer Stelle besprochen.

      Tausend Dank für deine Meinung!

      Die Laura

  3. “Ich frage mich, ob ich in einer Branche arbeiten will, die sich selbst nicht ernst nimmt. Die Buchverträge aufgrund eines erfolgreichen Tweets verteilt, während sie auf ihrer Website dringend davon abrät, sie überhaupt zu kontaktieren. Sie haben ja alle so viel zu tun. Die buchstäblich ihren Darm ohne besonders viel Charme verkaufen – aufgrund der Klickzahlen eines einzelnen Youtube-Videos. ”
    Ich würde sagen, die Branche ist tot bzw. schrumpft seit Jahren vor sich hin.
    Das liegt vor allem an der Nutzungsweise der Internetstruktur aus Anbietersicht. Monetarisierung findet nur durch gigantisch viel Werbung und relativ wenig, aber unzureichenden Paywall-Kram statt.
    Anbieter sein/werden ist (da gebe ich Dir recht) zu einfach und gleichzeitig zu hip. Warum wollen denn eigentlich so viele “Freie Werbetexterin & Autorin”, Youtube-Star o.ä. werden? Die Branchen sind gnadenlos überlaufen. Und besagtes “zu einfach” führt nicht nur zu Preisverfall, sondern zum Verschwinden. Denn die Kunden können sich was halbgares in kurzer Zeit auch selber basteln.

  4. Womit eigentlich alles gesagt wäre. Anders formuliert bedeutet es ja das “professionelles Schreiben” darin besteht dem Leser nach dem Mund zu reden ohne sich selbst als allzu sehr anbiedernd zu empfinden.

    Professionelles Schreiben bedeutet nun mal vom schreiben mehr Ahnung zu haben als vom Thema selbst. Das ist es was den Journalismus von hohem ansehen über einen alten Klepper zum bald toten Pferd befördert. Welcher Journalist hat denn mehr Ahnung von einem ein X-beliebigem Thema als einer der es intellektuell durchdrungen hat? Wer von ihnen hat sich Jahrzehnte damit beschäftigt und kann wirklich etwas schreiben? Antwort: Keine(r), sonst wäre Er/Sie ja keine(r). Ein Fachmann klemmt sich mal eben an die Tasten klemmt und schreibt in 30 Minuten Beiträge für die ein Schreibprofi jahrelang recherchieren und verstehen müsste. Für einen einzigen Beitrag wohlgemerkt.

    Das Rauschen im Blätterwald (hier als Störgeräusch gemeint) ist und war im übrigen nie geringer als das in den heutigen Blogs.

    Journaille ist ein Mittlerjob, ursächlich für seine Entstehung waren die Druckmaschine und die Transporter mit den Druckerzeugnissen auf dem Weg zu Kiosk.Kapitalintensität war das Alleinstellungsmerkmal. Dieser Dongle ist weg und er kommt auch nie wieder. Journalismus ist so ne Art moderner MinneAbgesang.

    Es wird immer Nischen geben, Hochglanz, fachbezogenes Lifestyle etc. Dass Medium ist da immer noch die Message. Der Mainstream hat sich aber durch die bedingungslose Unterwerfung unter die Meinung der Herrschenden selbst die Kugel gegeben. Davon wird nichts übrig bleiben.
    Wozu auch?

    • Super, ich freue mich über den Kommentar dazu. Allerdings ist das Thema darin etwas verfehlt, ich bin kein Journalist und habe auch nie behauptet einer zu sein. Mir geht es in der Tat um das “professionelle Schreiben” an sich.

      Viele Grüße, Laura

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