Out of Office

So sieht Entspannung im Urlaub aus Jetzt Griechenland. Sonne, Strand, schweres, dunkelblaues Meer mit gelben Glitzersteinchen bedeckt. Ein Spuckefaden folgt dem Motorboot, das am Horizont verschwindet. Meine Gedanken kreisen. Das Handy ist mein Feind, es bombardiert mich mit Nachrichten. Zu jeder Zeit, nie Stille. Niemand gönnt dir Ruhe auf dieser Welt, alle wollen alles wissen. Drei Tage Wartezeit sind eine Zumutung. Ich hätte das Handy ausmachen sollen, von Anfang an. Ich bin selbst schuld.

Jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland checkt seine Mails im Urlaub. Ich bin einer von ihnen. Es könnte ja eine wichtige Nachricht auf mich warten, jede E-Mail verspricht einen Karrieresprung. Es könnte sein, dass mein Leben sich verändert und ich habe am Strand gelegen und nichts bemerkt. Warum fühle ich mich so wichtig, so unersetzlich? Wurde ich als Kind etwa zu viel geliebt? Warum reicht es mir nicht, aufs Meer zu schauen?

Ich verwandele jeden Gedanken in eine Idee. Schreibe im Kopf Kurzpitches, während ich eine griechische Familie dabei beobachte, wie sie abwechselnd eine pinkfarbene Luftmatratze aufbläst. Morgen könnte ich den Pitch abschicken und übermorgen einen Artikel über die verheerende Situation in Griechenland schreiben. Könnte darüber schreiben, dass der Tourismus die einzige Hoffnung für dieses Land ist, von dem die Deutschen am Strand sagen: „Merkel hat genug Geld hier rein gesteckt.” Ich könnte endlich die Korrekturen zu meinem Manuskript einarbeiten; sollte wirklich die 20 Seiten Leseprobe für den Agenten ausformulieren, der an meinen Ideen interessiert ist. Er ist vielleicht meine letzte Chance. Ich will meinen Urlaub monetisieren, will ihn produktivisieren. Jede Sekunde Schlaf, jeder Wasserspritzer, jeder Ouzo wird von einem schlechten Gewissen begleitet.

“Du hast doch das ganze Jahr Urlaub.” So reden Freunde und die Familie. Sie haben keine Ahnung, dass du als Selbstständiger nie abschalten kannst. Dass du jeden Tag in der Lobby sitzt, um das WLAN zu nutzen. Dass deine Arbeit dein ganzes Sein bestimmt. Dass der Urlaub gar keiner ist. Er ist eine Lüge. Vor dem Schlafengehen sorgst du dich um die Broschüre, die erst kurz vor deinem Urlaub in den Druck gegangen ist. Du fragst dich, ob dein Kunde es wohl aushalten wird, dass du dich erst nach dem Wochenende wieder melden wirst.

Dabei fällt mir ein, ich muss noch Postkarten schreiben. Muss unbedingt dieses neue Stand Up Paddeling ausprobieren und Rhodos-Stadt sehen. Muss das Beste aus diesem Urlaub machen. Das Maximale herausholen. Ich muss nachdenken. Über alles. Muss aufräumen in meinem Freundeskreis, alte Beziehungen prüfen. Muss mich trennen, lösen, muss unbedingt einen Text für meinen Blog schreiben. Seit Tagen habe ich nichts Gescheites mehr auf Instagram gepostet.

Vielleicht schmeiße ich mein Handy ins Wasser. Vielleicht checke ich weiterhin meine Nachrichten, sobald ich WLAN habe. Vielleicht mache ich es ganz aus. Ich werde mich zwingen aufs Meer zu schauen, werde mich zwingen, den Urlaub zu genießen. Werde dösen, lesen, dämlich kleine Verse in meine Kladde schreiben. Ich werde diesen Text nicht mal Korrektur lesen. Vielleicht kann ich dann entspannen. Meine Gedanken halten mich fest in der anderen Welt.

2 thoughts on “Out of Office

  1. Du sprichst mir aus der Seele, ich kenn das nur zu gut. Immer wieder werde ich als Freelancer darauf angesprochen, wie schön ich es denn hätte – no work, immer Freizeit. Dabei sehen die nicht, dass ich auch das ganze Wochenende arbeite und eigentlich nie richtig Pause habe. Es gibt keine Freizeit nach der Arbeit, weil es das Nach-Der-Arbeit nicht gibt. Ich arbeite in etwa 50 Stunden in der Woche, natürlich kann ich mir selbst einteilen, wann ich die arbeite und ja, ich habe Zeit, am Vormittag auf einen Kaffee zu gehen, allerdings muss ich dann eben dafür Abends arbeiten oder früher aufstehen, um die fehlende Zeit einzuarbeiten. Auch im Urlaub muss ich arbeiten. Ich tu das gern was ich mache und bei 35 Grad auf der Terrasse mit Meerblick arbeitet es sich schöner, als zuhause. Aber das ist kein Urlaub sondern Arbeit in einer Umgebung mit Möglichkeit im Meer zu baden. Naja, Menschen die normale fixe Arbeitszeiten haben, sehen das nicht. Ich liebe aber meine Arbeit und ich habe erst heute auf http://www.schicksal.com gelesen, dass 2017 der Stress weniger werden wird und ich einen tollen Urlaub weit weg verbringen kann, den ich jetzt schon planen kann. Haha ich glaube jetzt einfach mal ganz ganz fest daran! Lg Georg

    • Das freut mich doch, dass dir der Artikel gefallen hat. Gut, dass wir mal Licht ins Dunkel bringen, wie viel Selbstständige eigentlich wirklich arbeiten. Es tut ja unter anderem ganz schön weh, wenn man sich zehn Stunden am Tag um die Ohren haut und so Sprüche hört, wie: “Na, schon wieder ausgeschlafen?” Von daher, einen kameradschaftlichen Gruß an dich. Liebe Grüße, Laura

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