Horror Hypochondria

Ich hatte meinen Blick auf das dunkle, große Altbaugebäude gerichtet. Draußen war es schon dunkel.
Erst nachdem ich meinem Arzt stundenlang mit meinen Beinschmerzen in den Ohren gelegen hatte, hatte er mich an einen Radiologen verwiesen. Ein MRT sollte jetzt Klarheit verschaffen. Er hatte von einer Vorwölbung gesprochen, einem lästigen Türstopper im Bein, der mich seit Tagen nur noch hatte humpeln lassen.
In jedem Wort meines Arztes hatte ich einen Tumor herausgehört, eben so wie in den Jahren zuvor.
Noch nie hatte man etwas Ernstes gefunden. Einzig die Angst um meine Gesundheit war real.

In der Eingangshalle stand eine riesige Skulptur aus schwarzem Marmor, deren Gliedmaßen abgetrennt waren.
Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich einen Tisch, der als Rezeption diente. Ich ging etwas näher heran; eine kleine Lichtquelle kam unter einer Abstufung des Tisches hervor und eine ältere Dame mit strengem Zopf und einer Baumwollstrickjacke blätterte in einem Ordner.
„Sie haben einen Termin?”
Ich überreichte ihr meinen Überweisungsschein.
„Das ist hier nicht nötig.” Sie schaute unter ihrer Brille zu mir auf.
Ich spürte, dass ich die Grenzen jeglicher Vernunft in diesem Gebäude weit hinter mich gelassen hatte. Ich steckte den Schein wieder in meine Jackentasche.
Sie wies mich an, ihr zu folgen. In einem weiteren Raum öffnete sie eine Tür und schob mich in eine kleine Kabine.
„Ziehen sie sich bitte bis auf das Shirt aus,” sagte sie. „Ich hole Sie dann ab.“
Ich tat wie mir angewiesen wurde und stand danach noch eine Weile herum. Sie hatte mir zu viel Zeit eingeräumt für eine Tätigkeit, die man als Mensch zeitlebens täglich vor dem Zubettgehen ausübte.

Es klopfte. Die alte Dame geleitetet mich zu der Röhre, die aus Goa Holz angefertigt worden war. Sie war an jeder Stelle perfekt abgeschliffen und dunkelbraun im Farbton. Ich fragte mich, warum ein Radiologe in seinem Behandlungszimmer-Interieur so großzügig investieren würde. Dann erinnerte ich mich an meinen ehemaligen Zahnarzt, der einen echten Monet an der Wand gehabt hatte. Somit schrieb ich es dem Berufsstand zu, stets dicker auftragen als die Situation es verlangte.
Die Liege, an die mich die ältere Dame – hingegen all meiner praxisüblichen Erwartungen – festschnallte, war hart und schmerzte am Kreuz.
„Könnte ich vielleicht schon vorab mit einem Radiologen sprechen?“ fragte ich.
Mir wurde plötzlich ganz schlecht. Wohl die Anfänge einer Lungenembolie.
Doch die alte Dame lachte nur.

Ich wurde mitsamt der Liege eingefahren. Je weiter ich in die Röhre kam, desto mehr bemerkte ich, dass zwischen der Decke und meiner Nase nur wenige Zentimeter lagen. Ich schloss die Augen und hoffte, dass es bald vorbei sein würde. Dann hörte ich ein dumpfes Geräusch. Eine Wand war an meinen Beinen heruntergefahren und hatte meine Füße und meinen gesamten Körper in der Röhre mit eingeschlossen. Zunächst dachte ich das sei normal, aber dann stieg sie hoch, die unaufhaltsame Panik. Sie fing in meinem Bauch an und krallte sich ganz fest an meinen Hals. Ich bewegte meinen Körper auf und ab und versuchte das Holz vorne mit den Füßen einzubrechen. Nichts bewegte sich außer mir. In diesem Moment kam die Decke noch einen Schritt weiter zu mir herunter und presste stark auf meine Nase. Mir fiel es schwer normal zu atmen und ich hörte schon das Knacken meiner Knochen. Ich wollte schreien, aber meine Luft reichte nicht aus; so spuckte ich eine Menge Schleim.
Jetzt schnellte ein Metallstock zwischen meinen Beinen in die Liege und zog sich sofort wieder in die Decke zurück. Dann wanderte das Konstrukt einen Schritt weiter und schoss noch einmal in die Liege. Mit dem dritten Stoß bemerkte ich einen reißenden Stich in meiner Bauchdecke; der Metallstock hatte sich tief darin festgebohrt. Der schmerzende Fremdkörper ließ mich mehrmals hintereinander laut aufheulen, während das Licht in dem Holzkasten schwächer wurde. Ich krallte mich an der Liege unter mir fest, bis auch meine Finger nacheinander wegknackten.

Als ich nach kurzer Zeit wieder bei Bewusstsein war, hörte ich das tiefe Rauschen des Meeres. Ein schöner Traum, denn der Schmerz durchfuhr mittlerweile jede Stelle meines Körpers. Noch versuchte ich mich ein letztes Mal aufzurichten. Dabei spürte ich wie meine untere Körperhälfte sich langsam von meiner oberen Hälfte abtrennte. Ich stellte mir das MRT-Bild vor, das mein Körper jetzt abgeben würde. Ich stellte mir vor wie ich mit meinen Zeigefingern an den Linien meiner Wirbelsäule entlangzeichnen würde, sobald ich die Röhre wieder verlassen hatte. Dann hörte ich eine Stimme, die mir sagte, dass es bald vorbei sein würde. Dass ich ganz ruhig bleiben soll.

Mein Leben lang hatte ich mich außerhalb einer Arztpraxis verloren und unsicher gefühlt. Niemals aber hätte ich gedacht, dass mein Tod mich in einer solchen heimsuchen würde. Meine Zwänge und der dunkle Groll, sie hatten endlich ein Ende.

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