Spuren der Migration: Im Hafen von Lampedusa


Wer mehrere Häfen in wenigen Wochen besucht, lernt wenig Neues über sie. Die meisten sehen gleich aus, sie haben einen Eingang, eine ikonische Stelle, die den Hafen ausmacht, es gibt Stellen zum Andocken für kleinere Boote. Dann gibt es die großen Liner, mehr oder weniger luxuriös; es gibt die Schiffe der Guardia di Fianza, die auf dem Meer stehen, bereit zur Rettung, falls ein Schlepperboot auf dem Meer gesichtet wird.

Wer als Schreibender mehrere Häfen in wenigen Wochen besucht, lernt interessante Dinge über sie. Häfen sind idyllisch. Sie sind Meister des Versteckens. Es wird nicht ausgeschildert, wo die Heimatsuchenden ankommen. Wo sie gegen Wellen kämpfen, verdursten und sterben. Flüchtlinge kommen zu den unmöglichsten Zeiten an. Zeiten, in denen wir in Hotelzimmern vom blauen Fernsehlicht gespiegelt werden. Die Auffanglager sind unauffindbar; werden von der Bevölkerung abgeschirmt. Eintreten darf ich nicht ein einziges Mal. Ich müsste an Stacheldrahtzäunen und Mauern vorbei. Mir fehlt die Verzweiflung.

Ich bin auf Lampedusa gelandet. Der Flug zur Insel geht über Agrigento, dann übers Meer. Wir sind mit einer Postmaschine geflogen, fünfzig Sizilianer und ich, ich kann dieses Geruckel und Absacken in kleinen Maschinen nicht vertragen. Wir landen direkt hinter dem Meer, mir wird ganz anders, als ich sehe, dass es keine Landebahn gibt, aber da taucht sie auf, die Insel: Lampedusa, ein Traum aus beigefarbenem Sandstein. Ein byzantinischer Kolonialstein der Geschichte. Von hier aus sollte Nordafrika von den Griechen und Römern erobert werden; von den Sarazenen und Aragonern. Jetzt ist es andersherum.

Ich will die Spuren der Migration finden. Ich gehe die Küste entlang, die Insel ist klein, hat 6000 Einwohner, überall Bungalows und Mosaiksteinchen an den Wänden und auf Treppen. Es gibt Touristenshops, Cafés, an jeder Ecke kann ich Roller mieten oder ein Motorboot. Neben mir sonnen sich Urlauber mit Hut und im Bikini. Mir ist nicht nach bräunen, mir ist nicht nach Bob Marley und – Gott bewahre – erst recht nicht nach Enrique Iglesias.

Hinter dem Porto Nuovo entdecke ich die alten Schiffwracks der Schlepper. Sie verrotten hier – ein Symbol für die europäische Flüchtlingspolitik. Sie sind hellblau oder rot, tragen arabische Schriftzeichen; auf manchen entdecke ich zerfetzte Kleidungsstücke. Es ist bewegend diese Merkmale zu sehen, aber es ist nicht genug. Ich gehe dorthin, wo viel geredet wird, wo ich Fragen stellen kann, gehe zum Friseur. Ich lasse mir die Haare unverschämt kurz schneiden, nur um mehr zu erfahren. Der Friseur mit Igelschnitt und zerzaustem Hipsterbart erzählt mir, dass es sehr wohl ein Mahnmal für das Massensterben auf der Insel gibt, das Port d’Europa.

Lampedusa ist ein Touristenort. Davon zeugen Souvenirshops, die Restaurants und Bars, die sich an der Küste Nachbarn sind. Keine Spur von Flüchtlingen, die am Hafen oder auf der Straße schlafen. „Die werden nach 2 Tagen aufs Festland weitergeschickt.“ Als ich ihm sage, dass ich heute nichts von den Ankömmlingen gesehen habe, wundert ihn das nicht. „Die Regierung versucht Tragödien von den Touristen fernzuhalten. Die wollen keine Leichen am Strand. Die Medien haben das Thema damals einfach zu sehr ausgeschlachtet.”

Als ich in der Dämmerung zu meinem Hotel laufe, sehe ich, wie die Bars ihre schummrige, orangenfarbene Abendbeleuchtung auffahren; höre Musik über die Insel schallen und nerviges, besoffenes Frauengekreische. Die jungen Lampedusaner ziehen mit Kerzen an den Strand. Aus den Küchen und Fenstern riecht es nach Lachs, nach Zitronen. Am Hafen sehe ich blaues, flackerndes Licht und zwei große Militärschiffe. Der Leuchtturm wirft kaltes Licht auf die dunklen Wellen. Daneben stehen drei Krankenwagen. Die Carabinieri haben die Militärzone um den Hafen abgesperrt. Hunderte Dunkelhäutige stehen in einer Reihe und werden mit Decken und Zigaretten versorgt.

Ich laufe los. Ich will helfen, aber man erklärt mir, dass ich nichts tun kann. Nach und nach stellen sich Touristen und Anwohner vor die Zäune. Sie alle wollen helfen. Ein ausrangierter Bus wird von einem dicken Mann rückwärts in die Militärzone eingelenkt. Die Helfer vom roten Kreuz erklären uns, dass diese Überlebenden der heutigen Tragödie sind, in der wieder Dutzende ums Leben kamen.

Als der Bus zurückkehrt, sitzen die Flüchtlinge auf den vorher leeren Plätzen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Niemand richtet sein Handy auf uns, die Presse ist nicht da. Also winken wir. Wir winken und werfen ihnen Kusshände zu. Wir rufen “Ciao”. Einige der Flüchtlinge lächeln. Andere winken zurück. Ich will ihnen sagen, dass sie in Sicherheit sind. Dass sie bleiben dürfen, solange sie wollen. Dass sie willkommen sind. Aber mir bleiben die Worte im Halse stecken.

Ich habe viele Häfen auf Sizilien gesehen. Habe viele Geschichten und Meinungen zu dem Thema gehört. Es ist das erste Mal, dass ich eine Rettung miterlebe. Die Flüchtlinge in den Bussen sind normale Menschen, die Unnormales erlebt haben. Das sind keine Flüchtlinge, die mit Zügen in deutschen Bahnhöfen ankommen. Es sind Gestrandete. Da versuchen Mütter zu lächeln, die ihre Kinder gerade an die Wellen verloren haben. Da winken junge Männer, die in libyschen Camps gefoltert wurden, Monate bevor sie es nach Europa schafften. Wir alle sind Menschen, sind Verbündete. Und Lampedusa ist unser Tor nach Europa. Wer bist du auf dieser Welt, um es zu verschließen?

4 thoughts on “Spuren der Migration: Im Hafen von Lampedusa

  1. Ein gelungener Abschluß dieser so mitnehmenden Reportage. Es “menschelt” ohne Sentimentalität und Pathos. Die Flüchtlinge werden nicht ins Licht gezerrt und sind trotzdem beklemmend präsent. Zudem ein notwendiges Bekenntnis zur Verantwortung ganz Europas! Danke!

  2. Vielen Dank, ich freue mich riesig, dass du die Serie verfolgt hast. Es war echt eine spannende Reise, ich wollte in den Texten nicht zu sentimental werden aus Respekt vor den Opfern. Ich glaube, die meisten wollen kein Mitleid. Sie wollen ernstgenommen werden. Danke nochmal.

  3. Danke, Laura, für deinen interessanten und sehr berührenden Bericht! Eine verrückte Welt ist das. Aber du bist ihr nah auf die Pelle gerückt.

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