Spuren der Migration: Im Hafen von Augusta

Woran denkst du, wenn du an die Flüchtlingstragödien der letzten Jahre denkst? Denkst du an die Bilder von farbigen Menschen, die vor dem Hafen schlafen? Oder an jene, die zu Hunderten von kleinen Booten auf dem Mittelmeer gerettet wurden? Vielleicht denkst du an Lampedusa. Seitdem die Auffanglager geschlossen wurden und es ruhiger geworden ist um die Insel, sind andere sizilianische Häfen in den Fokus der Schlepper gerückt. Einer davon liegt in Augusta.

Ich habe mir einen Mietwagen genommen, weil ich so von Catania aus schneller ans Ziel komme. Ich brauche eine Weile, bis ich den Hafen finde, obwohl Augusta eine Stadt mit nur 40.000 Einwohnern ist. Ich bin müde vom Reisen; bin müde die immer gleichen Dinge zu hören. „Ja, wir nehmen Flüchtlinge auf, irgendwo müssen sie ja hin. Aber wir brauchen Hilfe von Europa. Italien hat genug eigene Probleme.“ Vermutlich sind die Sizilianer selbst müde geworden. Egal, wie tragisch ein Thema uns aufstößt: Je öfter wir darüber hinwegscrollen, desto mehr verliert es an Brisanz.

Mich zieht das Wasser an; – so war es bis jetzt in jeder Stadt – es ist von Zäunen und Steinen umgeben. Dort wo der Hafen endet, klettere ich durch einen offenen Zaun ans Ufer. Sofort umgibt mich der Geruch von Salz, Möwenscheiße und Erbrochenem. Ein graues Schiff der Guardia di Finanza geht auf den Wellen auf und nieder, auf und nieder. Hier kommen jeden Tag die Flüchtenden an, hier werden sie längst nicht mehr so öffentlichkeitswirksam von der Presse empfangen wie vor ein paar Jahren. In einer Woche sind es in der ganzen Region Tausende. Sie werden in Lager gebracht, bevor sie auf das Land verteilt werden. Die Schreie der Verzweifelten gehen im Meeresrauschen unter.

Die Fliesen in den Supermärkten sind nicht gewischt, das Toastbrot kostet 12 Cent. Vor dem Supermarkt, in dem ein Toastbrot also 12 Cent kostet, steht ein Farbiger im gebügelten, blauen Hemd. Er hat einen Plastikbecher in der Hand. Er nimmt den Becher herunter, so recht will er sich nicht mit dem Betteln als Tätigkeit abfinden. Niemand beobachtet ihn, er ist unsichtbar. Ich will ihn ansprechen, aber er winkt vorher ab. Wie töricht von mir, einen Bettelnden als Flüchtling einzustufen, nur weil er eine andere Hautfarbe hat.

Ich gehe vorbei an den hohen Mietshäusern, an beschmierten Fenstern und zerrissenen Gardinen; vorbei an heruntergerissenen Wäscheleinen. Ein Hakenkreuz ziert eine Wand, davor steht das Stadtschild der Comune di Augusta. Wo der Feind einfällt, da muss man ihn benennen. So müssen die Rechten gedacht haben. Ich fotografiere und gehe weiter. Mich schockt das Hakenkreuz als solches nicht mehr. Es ist ein Teil unserer Lebensrealität geworden. Vielleicht sogar eine Gewohnheit. Wo es Verständnis gibt, gibt es Hass. Damit habe ich mich abgefunden.

Ein paar Jugendliche sitzen auf einer Bank. Sie schmeißen Steine ins Meer, reißen Blätter von Büschen. Sie reden ein Sizilianisch, das ich nicht verstehe.

“Geht’s euch gut, Jungs?”
“Vaffanculo.”
Geh zum Arsch.

Ich gehe, wie mir empfohlen. Zwei Asiaten tragen ein Sofa. Eine Mutter zieht ein weinendes Kind hinter sich her. Seine Schuhe ratschen auf dem Bürgersteig wie Schmiergelpapier. Ich ende an einem kleinen Strand. Der Sand ist körnig, nass vom letzten Regen. Ich sehe zwölf Boote, die verrotten. Es sind Fischerboote in blassem Blau. In einem liegt eine tote Möwe. In einem anderen ein Bügeleisen. Dahinter steht ein Gebäude auf einem riesigen Gelände. Es ist umgeben von Stacheldraht.

Augusta ist eine hässliche Stadt. In jedem Haus wohnt Armut. Die Wände sind beschmiert mit Widerwärtigkeiten; niemand ist bereit zu reden. Wellen rauschen hinter Zäunen. Sie spülen Tag für Tag Menschen an. Das große Meer liegt noch vor mir. In drei Tagen fliege ich nach Lampedusa. Woran denkst du, wenn du an jene denkst, die ihrer Zukunft beraubt wurden?

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