Spuren der Migration: Palermo, amore nostro

Leoluca Orlando. Bürgermeister von Palermo, wiedergewählt nach zwölfjähriger Pause, einstiger Schrecken der Mafia. Symbol für ein Italien ohne Korruption. Morde, die in seiner Amtszeit auf das Konto organisierter Kriminalität gingen, wurden von mehreren Hundert auf Null reduziert. Er steht unter Personenschutz.

Orlando hat eine neue Mission: Die Mehrheit der Einwohner für Flüchtlinge gewinnen. Was gerade in Deutschland passiert, hat Sizilien hinter sich. Lager, die in der Kritik standen, wurden geschlossen, auch auf Lampedusa. Die Solidarität der Einwohner wurde bereits vor Jahren auf die Probe gestellt. Heute ist es ruhiger geworden um die Flüchtlingskrise, trotz neuer Tragödien; jeden Tag werden Asylsuchende auf See gerettet. Das rote Kreuz und die Guardia di Costiera ist dennoch routinierter im Umgang mit den Ankömmlingen – auch nach Eindämmung der Marineoperation Mare nostrum. Aber es gibt neue Ausnahmezustände. So wie jene, die gerade wie eine riesige Welle auf Europa zukommen.

Palermo ist kein typischer Touristenmagnet. Es liegt weniger Dreck auf den Straßen als in Napoli, hier lässt sich die Müllabfuhr sogar bei der Arbeit erwischen; die orangenfarbenen Lichter erleuchten Barockbauten. Die Kirchen im normmanisch-arabischen Stil mit den rotfarbenen Kuppeln und den Mosaikwänden zeugen von Einwanderung und Kolonialisierung.

Ich bin mit dem Schiff nach Palermo gekommen. Zehn Stunden Fahrt auf einem Luxusliner für dreißig Euro. Ich reiste im gemütlichen Sessel, dank Schlafmaske schlief ich einige Stunden. Meine einzige Angst: Seegang. Mir war vorher nicht bewusst, dass es Turbulenzen auf dem offenen Meer gibt, aber wenn wir untergehen – so male ich mir das im Moment eines Windstoßes aus – kann ich zum Festland schwimmen.

Viele der Flüchtlinge, die vor Sizilien kenterten, konnten das nicht. Davon bemerke ich nichts, als ich im Hafen von Palermo auf Spurensuche gehe. Es ist ein idyllischer Hafen, die Sonne scheint, die mit blauer und roter Farbe bemalten Fischerboote reihen sich neben Jachten ein. Jogger laufen die Promenade auf und ab.

Die Menschen in Palermo reden ungerne über Immigration. Es ist in etwa so, als würde ein Tourist uns über das Dritte Reich ausfragen. Er mag uns dabei anschauen wie ein neugieriges Kind, wir aber werden die Augen verdrehen. Die Flüchtlingskrise ist hier ein alter Hut, eine Sache, die ebenso integriert ist wie sie an anderen Stellen nicht funktioniert. Da gibt es auf der einen Seite Freiwillige und Auffanglager, auf der anderen Seite ist die Umverteilung auf Europa in den letzten Jahren ziemlich schlecht gelaufen. Das prangern die Italiener an. Das Bild eines ertrunkenen Jungen hat den Vorhang jetzt fallen lassen.

Ich besuche den ehemaligen Gerichtspalast Palermos. Es ist später Nachmittag. Der Fontane Pretoria – ein Brunnen bestückt mit unbekleideten Figuren, die sich teils die Genitalien abdecken, teils offen mit ihrer Sexualität umgehen – beeindruckt mich gleichermaßen am Tage, auch ohne die Leuchtkraft der finsteren Stadtkulisse. Ich gehe in den zweiten Stock des Gebäudes, dort wo das Parlament tagte, dort wo Bänke, ausgestattet mit Mikrofonen, einen Hinweis darauf geben, dass hier wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Es wird kein Eintritt verlangt. Täglich besuchen diesen Ort viele Touristen. Was tut Orlando? Er legt eine Schrift aus. In mehreren Sprachen. Sie beinhaltet wenige Seiten, die eine Erklärung zur Flüchtlingspolitik abgeben.

„It is time that the EU abolishes the residence permit for all those migrate, reaffirming the freedom of movement of people (…) in the globalized world.“

Leoluca Orlando hat sich neu erfunden. Er ist die Madonna der sizilianischen Politik. Nach dem Kampf gegen die Mafia will er eine Welt ohne Grenzen, will sichere Fluchtwege auf See und in der Luft. Er erfährt Zustimmung in der Bevölkerung, die die gleichen Erfolgsstorys schrieben, wie wir sie in diesen Tagen in München erleben. Orlando hat den Druck von oben nach unten erhöht. Anders als in Deutschland, wo sich stets der Druck aus der Bevölkerung heraus auf die Politik entlädt. Er ist das Unikat, das in dieser Sache als Beweis dienen kann, dass Politiker nicht nur an Geld interessiert sind, sondern an der Quintessenz eines gesellschaftlichen Altruismus. Nach der Ära Berlusconi gleicht das einer Balsamierung traditioneller Korruption.

Ich sitze lange auf einer dieser historischen Bänke, schaue auf das Stadtzeichen Palermos. Die Wiege der Mafiosi ist in eine der Solidarität evolutioniert. Wer schon mal die Ehre hatte bei einer italienischen Familie zu nächtigen, weiß, was das bedeutet. Sicher. Es ist radikal zu fordern, dass Immigration in jedem Land legal sein soll. Eine Welt ohne Grenzen, das hatte Nietzsche mit Abschaffung der Staatenidee gefordert, das fordern Menschenrechtler und Linksgerichteten, die in Diskussionen dafür belächelt werden.

So wie Leoluca Orlando. Dafür setzt er sein Leben aufs Spiel. Das hat er immer getan, das tut er heute. Ich bin auf den Spuren der Migration. Dieser Besuch war wichtig. Wichtiger, als den Dom zu sehen, der mahnend über Palermo wacht. Sizilien ist eine solidarische Region. Aber so sind sie wahrscheinlich alle. Jene, die nahe am Wasser gebaut sind. Die ein Vorbild haben, welches das beste aus ihnen herausholt.

2 thoughts on “Spuren der Migration: Palermo, amore nostro

  1. Ein dichter, atmosphärischer Text, ohne Schnörkel und Eitelkeiten. Und ein faszinierendes Portrait eines aufrichtigen Menschen, von dem wir hier noch nicht gehört haben. Bin gespannt auf den zweiten Teil.

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