Ausländer zu sein

Manchmal nennen sie mich Hitler, manchmal Merkel. Sie sagen “Arbeit macht frei” und fragen mich, was ich von Juden halte. Ich lache, manchmal ist es ein wenig komisch, manchmal schweige ich und senke nachdenklich den Kopf.

Wenn ich mit der Schwarzhaarigen mit dem Popeye-Tattoo in der Tabaccheria ein Gespräch anfange, zögere ich.
“Un pachhetto di …”
“Si … ?”, sagt die Tattoo-Frau.
“Di sigarette?”
“Perfetto.”
Die Frau ist stolz auf mich, sie lächelt, wartet, bis ich den Satz beendet habe, sie kennt mich nicht, ist daran interessiert, dass ich die Sprache lerne. Jeden Morgen stellt sie mir ungefragt meinen café hin.

Die Farbigen im Bus sprechen fließend Italienisch. Für ältere Damen stehen sie auf. Einer, der gebrochen spricht, hat einen Zehneuroschein in der Hand: Die Ticketmaschine nimmt nur Kleingeld. Ich gebe ihm einen Euro und verlange nichts. Er bedankt sich überschwänglich, ich weiß nicht, was er durchgemacht hat. Wir sitzen jetzt im selben Boot.

Ich spreche Infinitiv-Italienisch. Ich haben, gehen, sein. Zeiten lerne ich jeden Abend auf dem Laufband, beim Abendessen, wenn ich auf den Bus warte. Oft fehlen mir die richtigen Worte; mich verlässt der Mut vor anderen zu sprechen. Ich werde rot, setze neu an, zeige auf Gegenstände. Ich werde nicht verstanden. Fremd zu sein, Ausländer zu sein, ich kann nur erahnen, was das bedeutet. An Frustration, an Hass, an Ausgrenzung.

Aber ich bin Deutsche. Ich stehe nicht an. Nicht in Pozzallo. Nicht in Mineo. Dort, wo die größten Auffanglager für diejenigen sind, die über Lampedusa mit Bussen aufs Festland verfrachtet werden. Ich bin freiwillig hergekommen, habe im Zug meinen Ausweis nicht zeigen müssen. Wenn ich etwas falsch sage, wird mir freundlich erklärt, wie es richtig ausgesprochen wird; sie finden meine Sprachfehler süß.

Ich komme aus dem Frankfurter-Westend, wohne in Modena nicht weit vom Centro entfernt. Manchmal, wenn ich Unterhaltungen lausche, am Nebentisch, wenn sie schnell reden und ich nichts verstehe, fehlt mir mein deutscher Humor, mit dem ich unangenehme Situationen überspiele. Mein altes Ich? Verschwunden, aus dem Kopf, und das Neue betet, dass es die richtigen Worte finden möge.

Sie nennen die Aussätzigen aus Lampedusa gli stranieri. Die Fremden. Bin ich nicht auch ein Fremder? Bin ich nicht auch einer, der in Italien sein Glück finden will? Alles ist neu. Für die, die in das gelobte Land wollen. In dem, in dem ich einst wohnte, zünden sie Heime an.

2 thoughts on “Ausländer zu sein

  1. Wunderbar auf den Punkt gebracht! Mit mir unterhielt sich einemal eine italienische “Mama” mehrere Stunden lang, ohne dass ich auch nur ein Wort verstand. Und sie hörte nicht auf, mit mir zu sprechen, obwoh ich ihr verständlich machte, dass ich kein Italienisch spreche. Sie war fürsorglich, hatte Angst, dass ich mit vollem Bauch (leckeres Essen) die Trattoria verlasse, um mit dem Motorrad weiterzufahren. Sie wollte, dass ich erst ein paar Stunden raste … und sie erreichte ihr Vorhaben: ich blieb bis zu Kaffee und Kuchen.
    Bin sehr bewegt von Deiner Geschichte, Laura Elisa Nunziante. Bis bald!

    • Huch, hab ich darauf nicht geantwortet? Das was du da über die italienische Mamma erzählst, passt sehr gut zu allem, was ich hier kennenlerne. Die Italienier sind, glaube ich, gespalten zwischen Ihrem Gerechtigkeitssinn und der eigenen, gerade ansteigenden Armut. (Besonders im Süden.) Ist sehr interessant hier. Und mangiare, mangarie ist hier natürlich das Wichtigste. :-) Vielen lieben Dank für dein Kompliment! Laura

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