Rituale und Heimat

Morgens, um kurz nach acht, nehme ich die 13 in Richtung Ospedale Bravvaggio. Bevor ich in die 9 umsteige, die mich zu meinem Büro in der Cittanova fährt, gehe ich in die kleine Tabaccheria, an deren Wände die rote Farbe abbröckelt und der Sonnenschirm auf der Terrasse ein wenig zur Seite knickt. Ich trinke un café, einen Espresso, wie wir ihn in Deutschland nennen, nur, dass der Name hier verpönt ist.

Meine Cousine sagt, in Italien ist ein normaler Kaffee, ein café americano, eine Vergewaltigung der Bohne. Dieses Land hält es für eine Sünde historischen Ausmaßes, aus einem 100 ml Getränk eine versione lunga, eine verlängerte Variante zu machen und diese auch noch zu trinken. Porka miseria. Was für eine Schweinemisere.

Der Bus kommt weitgehend pünktlich, selten warte ich länger als eine Viertelstunde. Ich nehme immer denselben Platz ein und schaue aus dem Fenster. Neben mir ziehen die Zypressen, die toskanischen Bauten mit den Flachdächern und grünen Fensterläden vorbei und eine alte Dame spricht mit ihrem Hund.

Mit jedem neuen Tag verstehe ich die Sprache besser. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinem Bruder und den Eltern für einige Wochen in Modena war und nach nur wenigen Tagen ein passables Italienisch sprach. Sie hatte eine Leichtigkeit, diese Sprache, damals, als sie noch mutig von meiner Zunge sprang. Diese kann ich heute bestenfalls unter Alkoholkonsum nachahmen.
Zwanzig Jahre später spreche ich vorsichtig, frage drei Mal nach, bevor ich etwas Falsches sage. Es ist vor allen Dingen die Melodie, die ich versuche aufzunehmen. Das Deutschsein hat mich Jahre gefangen gehalten. Loslassen fällt schwer.

Ich glaube, dass Rituale wichtig sind, wenn wir eine Heimat suchen. Es ist eben dieser beschissene café, den ich jeden Morgen trinke; den ich von dem dicken Mann mit den Schweißflecken unter dem weißen Hemd bekomme.

Es sind die klimatisierten Busse, die mich jeden Tag ans Ziel bringen, es ist der Schlüssel, den ich von meiner Cousine habe; der Code, den ich eingeben muss, wenn ich das Haus betrete. Es ist das buongiorno, das ich flüstere, wenn ich mir am Mittag ein Stück Pizza kaufe, um den Tag bis zum späten Abendessen zu überstehen.

Es ist die Stimme meiner längst verstorbenen Großeltern, die in mir summt, wenn ich daran denke, wie mein Vater als junger Mann in ein anderes Land gegangen ist, um dort etwas zu finden, was ihm lange verwehrt wurde. Eine Arbeit, ein Zuhause. Eine Familie.

Am Abend, wenn ich auf dem Balkon sitze und den Ramadan-Gebeten aus dem Muslim Center lausche, grüße ich unsere Brüder im Geiste. Es ist die Fremdheit, die uns zu Verbündeten macht in einem Land, das vielen Hoffnung schenkt. Ob wir aus dem Krieg flüchten, uns vom Freund getrennt haben oder die Reise über das Meer überleben. Das Glück liegt nicht in uns: Es zieht weite Kreise. Lassen wir uns darin treiben, im Blut der Hinterbliebenden. Wir sind auf dem Weg in eine bessere Welt.

2 thoughts on “Rituale und Heimat

  1. Und ich dachte, es wird zu ausführlich, wenn ich von Deinem Italien-Aufenthalt lese, aber es ist einfach wunderbar und leicht…von Dir zu lesen. Und es macht ganz viel Spaß. Und Lust auf Italien. Buona Serata. Liebe Grüße, Heike

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