Tutte il mondo

Da öffnet sich eine Tür, du gehst auf kalten, weißen Fliesen. Du schwitzt, hast deinen Rucksack abgenommen; tief eingeschnitzte Riemen an deinen Schulterblättern. 
Da geht eine Tür auf, dahinter neue Gesichter, Altbekannte, das ist jetzt deine Familie, alles bereit, in deinem Zimmer, ein Laken übers Bett geworfen, nicht die leichte Daunendecke in 4-Sterne-Qualität.

Jeder bezahlt für dich mit, vergeblich versuchst du ihnen die Euroscheine in die Tasche zu stecken, es ist für sie eine Beleidigung, sie geben dir ihr Auto, ihr Fahrrad. Keine Sorge um Versicherungen oder, dass du sie ausnutzt. Ohne Grenzen, Bedenken, wer ablehnt, wird kein zweites Mal gefragt.

Da draußen scheint die Sonne, eine andere, der Himmel ist weiter, das helle, rosafarbene Knäuel versteckt sich unter dem dunklen Faden, der dich vor der Nacht trennt. Sie riecht nach Lavendel, nach Kaugummi; diese Nacht. Der Morgen nach Pinien und Zucker.

Da ist eine neue Welt in dir aufgegangen, du bist auf die Reise gegangen, du suchst Antworten, noch nie hattest du so viele Fragen. Es trübt dich, hier zu sein, gleichzeitig tut es gut, wie ein Druckverband, der Schmerz mit mehr Schmerz ausgleicht.

Da geht eine Tür auf, eine neue Welt mit Redewendungen, die du nicht kennst, die aber in dem Moment in dich übergehen, in dem du sie zum ersten Mal benutzt; da ist ein neuer Mensch in dir, ewig hat er geschlummert, er wird wach, will sich beweisen, im jugendlichen Leichtsinn die Hochhäuser dieser Stadt erklimmen; er trägt drei Einkaufstaschen an den Fahrradlenkern und kippt. Er fällt niemals.

Da ist ein Koffer voll Tupperdosen, deine Gedanken recycelt. Du weißt nicht, wie es weitergeht, du springst in den kalten Fluss. Wenn du hochkommst, spürst du die Strahlen der Sonne auf deiner blassen Haut. Sie will rote Flecken schießen.

Da ist eine Tür, ohne Schlüssel, die ganze Zeit geöffnet. Du musst hindurchgehen, wenn du ein neues Leben führen willst. Eines, das zu dir passt. Du musst Mut beweisen, jeden Tag, bis alles leicht von der Hand geht, bis sich alles fügt, diese: deine letzte Chance.

Du musst dem Leben vertrauen, dich ihm zuwenden, dich in einer dunklen Höhle zusammenkauern, du hinterlässt Leichen auf deinem Weg; Blutspuren und Angstschweiß. Jeder, der geht, verliert etwas auf dem Weg.

Da ist eine Tür, ihr altbekannten Gesichter. In dir gibt es viel zu entdecken. Zu dieser Zeit, an diesem Ort.

Tutto il mondo é paese.

2 thoughts on “Tutte il mondo

  1. Toll! Genau so siehts jenseits des Tellerrands aus. Das ist authentisch, wahr. So meibte ich das, als ich Dich gefragt habe, ob Du nicht über Deine Erlebnisse schreiben willst. Bitte, mach weiter.
    Sommerliche Grüße

    • Alexandr! Vielen Dank für deinen Kommentar. Tut gut zu wissen, dass meine Texte ein wenig Relevanz haben. Viele Grüße und bis zum nächsten Autorentreff!

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