Der letzte Tag des Rauches

Ich habe den Schal um mein Gesicht gewickelt, kann kaum etwas sehen. Unter meinem Rucksack trage ich zwei dicke Wollpullover. Wie immer sind die Produkte des Westens unzulänglich gewappnet gegen die tödliche Kälte, die Straßenkinder und Alkoholisierte auf der Straße festfrieren lässt.

Als wir aus dem Zug steigen, haben wir den niedrigsten Temperaturstand der Reise erreicht. Bei fast Minus dreißig Grad versuchen wir die lästigen Taxifahrer loszuwerden, die uns für viel Geld fahren wollen. Erst als wir einige hundert Meter entfernt sind, bemerken wir, dass sie gegangen sind – so sehr pfeift uns der Wind um die Ohren.

Nach etwa einer Stunde haben wir uns in Ulan Bator verlaufen. In einem kleinen Café suchen wir nach der Adresse unseres Hostels. Laut Google Maps sind wir keine zehn Minuten davon entfernt. Und doch hat diese Anzahl etwas Bedrohliches, jede Minute in der Kälte ist zu viel. Ich wecke die Bedienung, die auf dem Tresen schläft. Sie gießt mir einen mongolian tea ein. Das ist ein Schwarztee aus Wasser, Milch und Salz.

Ich denke an die warme Wolldecke unter der ich noch vor einigen Stunden die Wälder aus dem Fenster beobachtet hatte. Ich will die stillen Stunden zurück, in denen die Schienen sanft im Takt ruckelten. Das scharfe Abbremsen war wie eine willkommene Erschütterung, die jedes Leben braucht, um den Stillstand zu überwinden. Der Zug, das erkenne ich jetzt, ist die eigentliche Reise.

In Ulan Bator – die kälteste Hauptstadt der Erde – lässt es sich kaum eine Stunde laufen, ohne dass Erinnerungen an raue Kindertage wach werden. Ein älterer Mann mit zerfetzten Handschuhen und einem kaputten Bein öffnet uns die Tür. Wir haben das Haus mithilfe eines Bildes aus dem Internet gefunden. Straßennamen und Hausnummern sind das Gold einer glorreichen Zukunft.

Ulan Bator ist eine moderne Großstadt. Nomaden in Trachten stehen neben Bänkern in Anzügen und Straßenkindern, die um ein paar Tugriks betteln. Ein Smartphone kann bis zu einer Million kosten, ein Kleid zweihunderttausend. Die Inflation steht und fällt mit jeder Minute. Im Supermarkt finden wir auch deutsche Produkte, sie kosten umgerechnet das dreifache. Die Mongolei darf nichts selbst produzieren, sie hängt an den russischen Großnachbarn, die Süchbaatar aus Angst vor den Chinesen in der Revolution um Hilfe gebeten hatte. Die Rohstoffe des Landes werden an China exportiert, aber auch an Deutschland. Der Wille nach Unhabhängigkeit ist stark.

Wir verlassen die Stadt und fahren in den umliegenden Nationalpark, um bei einer Nomadenfamilie zu essen. Es ist uns unangenehm in ihren intimsten Lebensbereich einzudringen, aber als wir die weiße Jurte betreten, erfreuen wir uns an der Wärme des Ofenfeuers. Dort sitzen die Eltern und ihre drei Kinder auf den kleinen Betten; ein Flatscreen und eine Waschmaschine stehen daneben. Die Mutter tippt auf ihrem Iphone etwas ein.

Schon auf dem Hinweg waren mir die großen Anzeigetafeln aufgefallen, die, unweit der Gobi-Wüste, in den Himmel ragen. Hier gibt es Camps, die ausschließlich an Touristen vermietet werden und kleine Karaokebars, die zur Unterhaltung der Massen dienen: das traditionelle Leben der Nomaden ist Vergangenheit.

Unser Guide erzählt uns von der Vertreibung ganzer Stämme, die in Ulan Bator ihr Glück versuchen. Mit 40 % Arbeitslosigkeit und einer doppelten Alkoholikerrate bringt man sich weiterhin um Erfolge. Aber das Land verleugnet nicht etwa seine Helden. Es ruht sich darauf aus. Dschingis Khan, einer der größte Massenmörder der Geschichte, wird hier für das größte Weltreich der Geschichte gefeiert. Eine tonnenschwere Silberstatue thront über der Wüste, darunter gibt es ein Museum. Auch ich stimme für eine Weile in die Feiergesänge mit ein. Seine Offenheit gegenüber Religionen und Kulturen hat das alte Karakorum als Hauptstadt seines Reiches schon vor Jahrhunderten zu einem beispiellosen Schmelztiegel aufsteigen lassen. Khans Schattenseiten hat das Land vergessen, auch leidet es an historischer Demenz, wenn es um die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit geht. Deutschland, wie ich realisiere, ist das einzige Land auf der Welt, das sich mit der eigenen Schuld auseinandersetzt.

Wir sehen vereinzelte Jurten auf den Hügeln; sie liegen nur teilweise unter Schnee. Ehemalige Stammesführer werden durch Bauherren ersetzt. Nach und nach werden die Camps vertrieben und der Rauch aus den kleinen Öffnungen erlischt. Wann der letzte Tag des Rauches anbricht, das mag niemand voraussagen. „Happy Village“ steht auf einem Schild neben einer amerikanischen Siedlung.

Die bunten Stofffetzen der Schamanen sind an Büsche geknotet. Darüber kreisen große, schwarze Adler. Wir spielen die Europäer, die von allem zutiefst beeindruckt sind. Uns graut es vor der Rückkehr in die Stadt. Was haben wir hier verloren, das es für uns aufzusammeln gilt, wenn sich alles in diesem Land verändert?

„Look here“, sagt die Mutter und zeigt auf ihr Handy. Ich nehme es in die Hand, die warm vom Feuer ist. Es ist ein Video von Taylor Swift, in dem sie verlassen in der Wüste umheirrt. Vor der Jurte wiehert ein Pferd.
“A man needs a horse, a woman needs a family”, sagt sie. Dann geht sie zum Herd, um das Essen vorzubereiten. Aus dem Ofen zieht der Rauch in den weiten Himmel über uns.

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