Ziehen Sie eine Nummer

Ich wünschte, es würde etwas passieren. Ich wünschte, ich würde hier nicht nur sitzen und warten; nicht nur auf Facebook den Dünnschiss von Unbekannten lesen, hier weiter sitzen und warten.

Ich wünschte, ich würde einen Anruf bekommen. Nicht wieder einen von RTL Extra, die eine zehnminütige Reportage über Liebesbriefe machen wollen, um diese dann auf dreißig Sekunden zu kürzen. Nein, ein richtiger, professioneller Anruf von einer Literaturagentur, die mein Manuskript für gut befunden hat. Also das gesamte Skript, nicht nur wie sonst immer die ersten zwanzig Seiten. Schön wäre auch ein Anruf von dem großen Publikumsverlag, der vor zwei Jahren reges Interesse an meinem Schreiben bekundete. Der seitdem wohl immer noch den Telefonhörer anstarrt, weil er sich einfach nicht traut, zurückzurufen. Dabei habe ich doch so viel Verständnis.

Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Zeit. Oder würde sie nicht damit verbringen, im Sessel zu sitzen und über die Spiegel Bestseller Liste nachzudenken. Würde mir nicht dauernd vorstellen, wie mein Name darauf falsch geschrieben worden wäre – gab es mal Rechtschreibfehler auf der Liste? – und wie ich öffentlich darüber hinwegsehen würde. “Nunziante wird doch mit einem U geschrieben, hahahaha!” Gnädig, selbstironisch, ein wenig herrisch. Eben so, wie ich mich selbst gerne sähe.
Aber ich verbringe einfach zu viel Zeit damit, die Löffel in meiner Schublade zu sortieren und die Zeitungsseiten umzuschlagen, nur, damit ein Geräusch in der Wohnung entsteht.

Im Büro, da mache ich viel. Aber es ist so, als würde mein Kopf diese Dinge von alleine erledigen. Manchmal, da starre ich lange auf den Schreibtisch meines Vordermanns und frage mich, ob er auch so viel Zeit mit dem Warten verbringt. Ich frage mich, ob er auch so einen großen Traum hat wie ich. Einer von diesen Träumen, die die eigenen Schultern nicht mehr tragen können. Frage mich, ob er auch nachts um fünf Uhr aufwacht und nachschaut, ob eine E-Mail oder ein Anruf eingegangen ist. Hat er auch einen Traum, der ihn so einnimmt, wie ein zu großer Wintermantel? Oder trägt er nur den seines Vaters auf?

Ich finde das schwierig, dass eine Nachricht so viel verspricht, und so wenig halten kann. Dieses Mal ist es eine von einem Radiosender in Luxemburg, der etwas mit Ghostwritern und Herzkissen machen will. „Das wäre doch schön, oder nicht?“ – „Hm, ja sehr schön.“ Das ist darum schwierig, weil ich mich so schlecht begeistern lassen für Dinge, die die Miete jenes Büros zahlen, in dem ich Texte schreibe, die keiner liest. Folter für die Seele ist das. Wenn man einen so großen Traum hat, dass der die ganze Zeit wie ein Ballon über dem Schreibtisch hängt, und immer wieder ein bisschen zu einem herunterkommt. Um dann schnell wieder hochzugehen. Um außer Reichweite zu gelangen.
Aber irgendwann, da muss etwas passieren. Und sei es, dass der Ballon platzt.

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