Atemlos durch die Nacht

Sie hatte alles eingepackt. Verstaut in ihre Handtasche.
Eins für den täglichen Gebrauch, ein Tuch zum Abwischen. Wurde einfach reingesteckt und rausgezogen. Hatte sie sich alles erklären lassen. Nochmals las sie seine Nachricht.

Sie würde es heute endlich tun.

Sie betrat den Raum. Schuhe quietschten auf den Fliesen, Flüssigkeit klebte auf dem Boden.
Arme wurden ungelenk in die Luft gerissen. Haare, die verschwitzt auf den Häuptern auflagen: gleich würde sie die seinen bearbeiten.
Die Einladung hatte sie schon vor Wochen bekommen. Sie kannte mehr als die Hälfte der Gäste. Dennoch. Wer sollte sie jetzt noch aufhalten? Gleich würde sie das tun, worauf sie durch monatelangen Dauerbeschall vorbereitet war. Sie würde bis zum Äußersten gehen.

Ob sie die Handtasche abnehmen wolle?
Sie hielt diese umso fester an ihre Schulter gedrückt.
Ein Glas Cola Korn?
Ja. Ohne Cola, bitte.

Farben erhellten und verdunkelten abwechselnd die Gesichter der Anwesenden. Rötliches Licht streifte das ihre. Jemand ließ ein Glas fallen. Ein anderer lallte in ihr Ohr: lallte etwas, das sie an Urgeschrei erinnerte. Von der anderen Seite des Raumes – dort wo er gerade versehentlich einen Klappstuhl umgeworfen hatte – kam er auf sie zu. So nah, dass sie seinen Atem riechen konnte. Immer wieder nahm er von den Stehtischen abgestandene, in Flüssigkeit eingeweichte Salzstangen in sich auf.
Sie nahm derweil noch einen Schluck von ihrem Korn.

„Moinsen”, sagte er.
Sie nickte. Atmete durch. Ihre Herzschläge konnte sie nur vor sich selbst verbergen.
Er öffnete den Mund. Sie konnte seine Zunge sehen.
Dann fing er an zu singen. Laut und ohne Tongrundlage sang er die folgenden Zeilen:

Atemloooos durch die Nacht …

Sie griff in ihre Handtasche. Zog das Gerät heraus und schlug damit direkt in die Mitte seines Schädels. Eine Axt für den alltäglichen Gebrauch, so hatte es der Verkäufer angepriesen.
„Für jede Art von Holz geeignet“, hatte er gesagt. Sie war sich nicht sicher, ob der Verkäufer das hier gewollt hatte. Aber die Axt war ihren Preis wert; spaltete sie doch wirklich jedes Holz.
Sie schlug in einen anderen Schädel ein, der gerade noch gesungen hatte. Blut tropfte auf ihre Bluse und auf ihr Gesicht, das immer noch vom roten Licht gezeichnet war. Vier weitere kamen auf sie zu, wie Zombies, unbeirrt singend, und sie schlug auch auf jene Köpfe ein; immer weiter, bis die dreizehn Anwesenden allesamt übereinander lagen.
Gehirnmasse hing aus ihren Schädeln. Zwischenzeitlich konnte sie wegen des Bluts nicht mehr erkennen, wo noch Alkohol verschüttet lag, oder der eitrige Nachlass der einst so inbrünstig Singenden.

Als sie fertig war, stellte sie sich an den Tresen. Zog ihre Bluse zurecht. Trank den Rest des Korns. Atmete tief ein. Ein friedliches Gefühl überkam sie. Im Hintergrund hörte sie laut ertönen:

Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich …

Bevor sie den Raum verließ, warf sie einen letzten Blick auf die Leichen.

2 thoughts on “Atemlos durch die Nacht

    • Ja, ich hasse sinnlosen Schlager und Verehrung von perfekt wirkenden Frauen, die alles können müssen. (Heute bin ich mal Feministin)

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