Die Frau von gegenüber

Wenn ich mich an mein Fenster im vierten Stock stelle – meist kurz nach zwanzig Uhr, wenn ich von der Arbeit komme – und auf das Haus gegenüber schaue, sitzt sie meist schon da.
Sie sitzt aufrecht, als hätte sie nur auf mich gewartet.
Ihre graue Tischlampe auf dem Holzschreibtisch leuchtet und sie hat einen langen, grünen Bleistift in der Hand. Mit dem einen Handballen stützt sie sich das Kinn und die andere Hand liegt nur so daneben, immer bereit sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Zuweilen geht sie einen mentalen Schritt nach hinten und schaut sich das, was sie gerade geschrieben hat, von ein paar Zentimeter weiter weg an. Dabei nimmt sie den Kopf ein bisschen zurück, legt ihn schief. Ein kurzer andächtiger Blick reicht ihr aus, um zu bewerten. Schon ruht der Stift wieder auf dem Blatt. Kritzelt und radiert. Ihren Namen kenne ich nicht, aber ich stelle mir vor, dass sie Margit heißt. Margit’s sind weich, ruhig, herzlich. Keine Schnattertanten. Ausgeglichen. Nicht so wie Sabine’s oder Ruth’s.

Ich beobachte die Frau von gegenüber schon seit ein paar Monaten. Seit wir hier eingezogen sind, sitzt sie jeden Abend an ihrem Tisch und schreibt. Ein paar Mal habe ich sie beim Rewe unten gesehen, aber mich nie getraut sie anzusprechen. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich sie verehre wegen ihrer Disziplin und sie bemitleide wegen ihrer Einsamkeit. Was eine absurde Gefühlsmischung.
Und doch ist sie der einsamste Mensch, den ich nicht kenne. Es ist wie mit Schopenhauer. Er: ein philosophisches Genie und er: ein krankes, zynisches Arschloch mit scheinbar wenig Interesse an Zwischenmenschlichkeit.

Und dann ich: mittendrin, fröhlich und dunkel, diszipliniert und ich: wie zwölf Stunden Schlaf. Schreibe jeden Tag, aber nie das was ich will. Bekomme mein Manuskript nicht von der Festplatte herunter und in einen Briefumschlag gesteckt. Stehe immer viel zu spät auf und gehe viel zu spät ins’ Bett. Und dazwischen passiert nichts.
Abends sehe ich sie – um zwanzig nach acht – und jeden Abend mache ich etwas anderes. Entweder koche ich gerade Essen oder ich liege auf dem kaputten, braunen Sofa vor dem Fernseher und schaue Tatort oder ich versuche meinen Freund zum tausendsten Mal von dem Computer wegzureden; oder ich sitze nur in Unterwäsche auf ihm. Für mich ist das Routine. Für sie wohl echte Abwechslung.
Ich glaube sie hat noch nie zu mir rübergeschaut. Bietet sie mir doch immer das gleiche Bild:
den Schreiberling mit grauem Haar. Niemand ist da, dem sie sich erklären muss. Niemand, der sie ablenken könnte.
Sie und das grelle Schreibtischlicht und ihre Hände bilden ein Arrangement der Disziplin und Standhaftigkeit und das weiße Bücherregal hinter ihr wirkt alt und verstaubt.

Dreiundzwanzig Uhr dreißig. Sie schließt ihre wohl selbstgestickten Gardinen und ich höre auf, bevor ich überhaupt irgendetwas angefangen habe. Ich gehe in mein Bett und träume mit wachen Augen von grünen eckzähnigen Fabelwesen, Kindern in einem Sommerzeltlager und einer Mitzwanzigerin in der Großstadt; gegeben ist immer der Konflikt. Das alles will ich aufschreiben, jetzt, solange ich den flachen und energischen Atem der Jugend in mir trage. Jetzt, da ich samstags noch nicht in irgendeinen dämlichen Freizeitpark mit einem vollgepackten Kombi düsen muss. Jetzt, wo meine debütantische Schreibart etwaige Fehler noch als eigenen Stil akzeptiert.

Wenn ich dann so alt bin wie sie und in meiner Wohnung lärmt nur noch die Kaffeemaschine; beobachtet mich mein fünfundzwangig-jähriges Selbst.

Mich, die Frau von gegenüber.

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