Horizont

Ich schreibe diesen Text auf meinem Macbook Pro, trinke dabei einen Ingwer-Fenchel Tee und esse ein Croissants, beschmiert mit Bon Maman Feigenmarmelade. Neben mir steht ein Bett, bezogen mit warmer Biberbettwäsche und zwei bis drei Diogenes Romane; gebundene Ausgaben.

Ich schaue aus meinem Fenster direkt in die Wohnung eines Nachbarn. Ich erkenne es nicht richtig, aber ich glaube dort hängt ein – echter oder gefälschter – Monet an der Wand. Eine riesige, orangenfarbene Designerlampe ragt in den Raum hinein, auf einen verglasten Schreibtisch, auf dem Stifte und Blätter gleichmäßig verteilt sind. Es scheint genug davon zu geben.

Ich gehe auf die Straße und sehe Menschen, die dicke Wintermäntel tragen und Stiefel mit Woll-Einlage. Ich sehe vor meiner Haustür einen Mini, in den meine Nachbarin gerade einsteigt. Ich grüße sie mit der Hand, an dem ein silbernen Ring aufblitzt. Hinter dem Mini steht ein rotes Hollandfahrrad, an einem dicken Eisenschloss befestigt, vor einem Mietshaus, in dem Menschen leben, in dem Heizungen stehen und warmes Wasser läuft. Es wird Winter.

Ich gehe in den Rewe um die Ecke und sehe Obst und Gemüse, von jeder Sorte etwa fünfzig Stück.
Daneben etwa zehn Brotsorten, jedes Regal droht an der Menge der Produkte auseinanderzubrechen.
Ich sehe Kinder, die an den Händen von Müttern hängen, die Spangen im Haar tragen, die in der Vegan-Abteilung auf den Humus zeigen und „das da“ zum Abendbrot wollen. Eine alte Frau läuft mir in die Hacken, sie entschuldigt sich nicht, weil ihr Blick bei dem Käse hängen geblieben ist, der ihr hier in über sechsunddreißig Sorten angeboten wird. Für welchen wird sie sich entscheiden?

Zugegeben, Entscheidungen sind nicht einfach. Aber die Entscheidung, Flüchtlinge wieder zurück in ihr zerrüttetes Heimatland zu schicken, ja gar gegen sie zu demonstrieren; einfach gegen sie zu sein, weil man meint, es sei nicht genug für den deutschen Bürger da – das ist für mich eine Entscheidung gegen die Humanität. Und somit eine wesentlich wichtigere, als jene, welchen Käse ich heute kaufe, welchen Laptop ich mir als Arbeitsgerät anschaffe, welchen Wintermantel ich anziehe, damit er zu meinen pinkfarbenen Schuhen passt.

In einer Gesellschaft, die den Überdruss nicht nur gewöhnt ist, sondern ihn auch mit ihrem Leben verteidigen würde, ist es umso wichtiger ein Zeichen zu setzen. Mein Horizont endet dabei eben nicht in diesem Land, sondern geht hinaus, bis in die ganze Welt.

Sag mir, wo endet deiner?

2 thoughts on “Horizont

  1. Hi,
    Du scheinst bei dem Thema sehr engagiert zu sein. Das motiviert mich, deinem Beispiel zu folgen. Kannst du mir eine Flüchtlingshilfeorganisation nennen, der ich spenden kann? Der Vertrauenswürdigkeit wegen, am besten die, der du selbst schon gespendet hast. Auch bei der Höhe der Spende weiß ich nicht, was angemessen ist. Wieviel hast du gespendet? Und wo kann man sich in seiner Freizeit für Flüchtlinge ehrenamtlich einsetzen? Wo bist du aktiv? Wie sieht deine Arbeit in deiner Flüchtlingshilfeorganisation aus? Ist für mich Neuland. Weiß nicht, was auf mich zu käme.

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