Kartenlos

Dresden, 9 Uhr 28. Ich weiß genau, wie spät es ist, weil ich alle drei Sekunden auf mein verdammtes Handy schauen muss. Ich will den Weg wissen, welchen Bus oder welche Tram ich nehmen muss, um in die Innenstadt zu kommen. Drei Mal verlaufe ich mich, weil mir Google Maps die falsche Richtung anzeigt. Dann stecke ich das Handy weg und wage mich in unbekannte Sphären: Ich frage nach dem Weg.

Ich versuche mich daran zu erinnern, nach welchem Prinzip ich früher die Anzusprechenden ausgewählt habe. Nach ihrem Geschlecht, ihrem Alter, der Statur? Heute habe ich keine Wahl, denn an der Bushaltestelle vor mir steht nur ein Mädchen mit einem Schulrucksack.

„Wo fährt die 62 eigentlich hin?“, frage ich sie, denn an dem Schild über uns wird nur diese Buslinie angezeigt.

„Wowolln Sie dennin?“ Das Mädchen dreht sich zu mir. Ihr Gesicht ist von Akne befallen, ihre dünnen Haare sind fettig. Sie spricht undeutlich, ich muss genauer hinhören.

„Ich schätze, zum Hauptbahnhof“, sage ich.

„InehmSi mid“, antwortet das Mädchen. Sie richtet ihren Blick wieder nach vorne.

Der Ostwind rauscht mir um die Ohren. Ich befinde mich außerhalb der Stadt, gegenüber steht ein eigelber Plattenbau, an den Fenstern hängen Deutschlandfahnen und auf einem der Balkons sind Gartenzwerge in einer Reihe aufgestellt. Wenn jemand das alte Deutschland sucht: Hier ist es.

Ich gehe einen Schritt vor, stelle mich neben das Mädchen. Wir schauen gemeinsam auf die Hauswand.

„Ganz schön große Stadt”, sage ich.

„Sie sinnich von hier?“, fragt sie.

Mich stört, dass sie mich siezt, allerdings habe ich es in ihrem Alter genauso gemacht. Ich will ihr das Du anbieten, aber ich weiß, dass sich das Bedürfnis der Höflichkeit mit den Jahren von alleine legt.

„Ne, ich komme aus Berlin”, antworte ich also.

Ihre Augen werden größer. „Da warnwirr lesses Jahr!“ Dann erzählt sie mir jeden der dort mit der Schule verbrachten Tage chronologisch auf. Es habe eine Stadtrallye gegeben, bei der sie den letzten Platz gemacht habe, eindeutig die Schuld ihrer Gruppe sei das gewesen. Abends, da hätten die anderen immer trinken wollen, aber sie hatte natürlich abgelehnt und am letzten Tag – zufällig ihr Geburtstag – da seien sie in ein „Wusikell“ gegangen.

„Du meinst ein Musical?“, frage ich vorsichtig.

„Ja, genau das.“ Sie bemüht sich bei der Aussprache, konzentriert sie auf die einzelnen Silben. “Kläckna vonnodre Damm.”

Der Bus kommt, wir springen hinein und die Deutschlandfahnen winken, vom Ostwind getragen. Das Mädchen klopft auf den Sitz neben sich. Sie hat sich hinter den Fahrer gesetzt und ich will ihr erklären, dass das der uncoolste Platz im Bus ist. Das war schon vor fünfzehn Jahren so, das ist heute noch so: Da darf keiner sitzen, der was auf sich hält. Aber das Mädchen muss jetzt erst mal an ihr Handy gehen.

“Mama?”, spricht sie in den Hörer. So viel verstehe ich noch, der Rest ist mir neu. Als sie auflegt, schaut sie zufrieden raus auf die Elbe, die wir jetzt mit dem Bus überqueren.

„War das Holländisch?“, frage ich in die Stille zwischen uns.

Das Mädchen lacht, wie kann ich auch nur so dumm sein. Sie erklärt, dass sie Russin ist und vor acht Jahren nach Dresden gekommen sei. Seitdem beherrsche sie weder Deutsch noch Russisch, weil sie ständig zwischen zwei Sprachen wechseln muss, daher auch ihre undeutliche Aussprache.

Ich bin erleichtert, dass dieses Mysterium gelöst ist. Egal, wo dieses Mädchen mich hinführt, egal, in welchem Teil Dresdens ich heute lande: Wenigstens weiß ich, warum dieses arme Mädchen so verflucht undeutlich spricht.

Sie zieht mich am Jackenärmel mit, offenbar müssen wir aussteigen. Ich fliege beinahe, ihr jugendlicher Unsinn für gesellschaftliche Gepflogenheiten macht mich glücklich. Draußen landen wir direkt vor einem Einkaufscenter, davor fahren die Tramlinien.

Das Mädchen sagt, dass sie um die Ecke wohnt, sie nennt mir ihre Adresse. Sie denkt sich nichts Böses dabei, für sie ist Dresden eine sichere Stadt. Sie bewegt sich wie eine, die nicht erst seit ein paar Jahren hier wohnt, sondern die hier geboren ist: lässig, zügig, sie muss sich nicht umschauen, wenn sie eine neue Richtung einschlägt.

Gegenüber stehen keine Plattenbauten mehr, sondern viktorianische Gebäude. Keine Deutschlandfahnen, keine Gartenzwerge. Nur Arztpraxen und Yogastudios.
„Ibin übrikens Sofia“, ruft das Mädchen aus der offenen Tram heraus. Aber es ist zu spät, ich kann nicht mehr antworten, die Türen schließen sich, kein Laut dringt mehr hinein.

Ich warte einen Moment, will mein Handy rausholen, sehen, ob mir jemand geschrieben hat. Dann schaue ich nochmal hoch. „Sönentarg Sofia!“, rufe ich ihr hinterher und winke.

Sag mir wann und wo

Ich warte auf einen Anruf. Einen Anruf, der eine Person von dieser Welt und ihrem Scherz erlöst und der mich meine Zeit besser planen lässt. Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen, wann es so weit sein wird, wann ich in meine Heimatstadt reisen muss, ob ich das Wochenende mit Freunden, das ich seit Monaten plane, absagen muss. Das Einzige was ich nicht weiß, ist, wann dieser Anruf kommen wird.

Ich habe keine Kontrolle. Das bin ich nicht gewohnt. Meine Wochen sind durchgetaktet, meine Wochenenden genau aufgeteilt, ich weiß, in welcher Stadt ich wann sein werde und buche die Tickets, wenn sie am günstigsten sind.

Also befrage ich jeden Tag die Deutsche Bahn, wie teuer ein Ticket jeweils am darauffolgenden Tag wäre, wenn ich spontan Abschied nehmen muss in der Heimatstadt. Ich lasse meine Freunde wissen, dass ich eventuell am Wochenende doch nicht kommen kann und plane schon das Nächste. Meinen Tiefpunkt erreiche ich, als ich Google frage:

Wie lange lebt ein Mensch noch, wenn er nicht mehr isst und trinkt?

Alles im Leben ist planbar. Alles. Ich weiß, wann ich wohin fliegen werde, wo ich an jenem Tag sein werde, denn mein Kalender ist synchronisiert. Es macht mir Freude Termine zu finden und sie zu besetzen, von der ersten bis zur letzten Minute. Jeden Tag suche ich in meinen Apps nach Möglichkeiten. Wann kann ich günstig nach London fliegen, nach Bologna? In den Whats-App-Gruppen kontrollieren meine Freunde und ich jedes Detail eines Geburtstags, einer Hochzeit; sogar eine Geburt könnte ich, wenn ich denn wollte, auf einen bestimmten Tag legen. Und wenn ich abends im Bett liege, plane ich, wie viele Folgen meiner neuen Lieblingsserie ich schaffe, bevor ich einschlafe.

Manchmal erwische ich, wie ich auf der anderen Seite anrufe und frage, wie es aussieht, aber ich erhalte keine Antwort, natürlich nicht. Sie steht mir nicht zu, ich bin gerade die geringste Priorität in dieser Angelegenheit und muss erkennen: Unplanbar bleibt alleine der Tod. Er ist vielleicht der letzte Überraschungsmoment in einem durchgeplanten Leben. Zynisch ist nur mein Wunsch, ihn nach seiner Planung zu befragen.

Der Tod reißt ein riesiges Loch in den Tag. Mit eiserner Faust regiert er wie ein Diktator, er ignoriert die Tickets für den Zug, er zerbröselt die Stunden, die ich durchgeplant hatte. Ich weiß um seine Kraft, aber wann er zuschlagen wird, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es bald sein wird und alles, was mir dazu einfällt zu tun, ist zu googlen:

Wie bald denn ungefähr?

Fotoquelle: https://www.flickr.com/photos/realhorax/