Kreativ sein kann jeder? Warum Schreiben Schwerstarbeit ist

Ständig kämpfen Kreative mit den Klischees, die ihr Umfeld über das selbstständige Arbeiten verbreitet. Wir Freien könnten doch immer ausschlafen, ständig Urlaub nehmen, würden den ganzen Tag nur lustige Ideen spinnen. Dass der Beruf voller persönlicher Krisen steckt, bleibt im Verborgenen.

Beim Schreiben zeige ich alles. Ich stelle mich den Teilen meines Selbst, denen ich mich lieber nicht stellen würde. Aber das ist der Job: Schreiben ist intimste Schwerstarbeit. Anders, als beim Kalkulieren oder dem Produktverkauf – übrigens alles Facetten meiner Arbeit – muss ich den Mut aufbringen, mich selbst mit aufs Papier zu schmeißen. Kein Wunder, dass die Größten unserer Spezies Suchtkranke waren.

Die Selbstzweifel

Ich glaube nicht an Schreibblockaden. Ich glaube an Schreibdepressionen. Warum sollte gerade ich schreiben, wenn Millionen von Werken auf dieser Welt gedruckt worden sind? Was habe gerade ich zu sagen, wo bereits alles zu allem gesagt wurde? Im Internet wirkt dieses Phänomen erdrückender: Jeder Mensch mit eigenem Facebook-Account kann heute aufschreiben, was er denkt. Oft sind deren Texte erhellender als alles, was ich hinbekomme, weil unhandwerkliches Schreiben von Natur aus authentischer wirkt.

Warum versuche ich mich überhaupt an Qualität? Warum schwitze ich Dutzende Korrekturrunden aus, nur damit mein Text den richtigen Rhythmus findet? Die, die kein Talent haben – dafür aber ein großes Mundwerk – überholen mich mit einem Fingerschnipsen. Sie werden von der Industrie und ihren Follower gepusht; sie werden zum Hype, der unaufhaltsam rollt. Sie ziehen mit Fanfaren vorbei, während ich bis spät vor dem weißen Papier sitze; es mich anspuckt und in Dauerschleife fragt: Wer bist du denn, du mieser Abklatsch großer Weltliteratur?

Die wenigsten Kreativen bekommen positives Feedback. Wenn deine Geschichte oder deine Idee gefällt, wird kein großes Aufsehen darum gemacht. Dafür wird das deutschbürokratische Beamtentum in Lauf gesetzt: Es werden Verträge geschrieben, Honorare abgesprochen, dann dreht das Rad sich weiter. Die Mail, in dem dir erzählt wird, dass dein großer Durchbruch bevorsteht, bleibt ungeschrieben. Der Anruf, in dem dir ein Werk nachgesagt wird, welches Generationen nach dir beeinflussen wird: An dessen Stelle wird für immer ein Freizeichen bleiben.

Du bist Deutschlands Durchschnitt

Die Wahrheit ist, dass du so lange von der Branche verbrannt wirst, bis eine deiner Ideen vielleicht zündet. Dann kannst du froh sein, wenn sie sich mit mäßigem Erfolg verkauft. Von unzähligen Tagen, an denen du hoffst und wartest, wirst du oft nur mit einem schwachen „Wir melden uns“, erlöst. Du bist der Durchschnitt Deutschlands und publizierst diese Übel vor aller Augen.

Für die, die in der Branche sind, ist dein Erfolg keine Glanzleistung. Er ist ihr Job. Deine Familie und Freunde jubeln zwar mit dir, aber das legt sich mit der Zeit, wenn die Erfolge sich regelmäßig einstellen. Dabei hast du so lange gekämpft, so lange gebraucht, um hier anzukommen. Aber niemals wirst du zufrieden sein mit dem, was du kreierst. Es soll Schriftsteller geben, die ihr Buch nicht mehr in der Hand hielten, nachdem es publiziert worden war.

Woher kommt das Geld?

Dazu der ständige finanzielle Druck. Du führst dein eigenes Unternehmen, aber Kreative werden in Deutschland aus Tradition schlecht bezahlt. Du nimmst neben der Kunst kommerzielle Projekte an, um dich über Wasser zu halten. Du gerätst wiederum in Panik, wenn du drei Wochen keine Projekte findest. So lange brauchst du deine finanziellen Reserven auf und schreibst an Texten, die dir weder Ruhm noch Reichtum bescheren. Nicht mal ein Prozent der Schriftsteller in Deutschland können von ihrem Beruf leben.

Du trinkst hin und wieder zu viel, weil dann die Stimmen in dir leiser werden, die dir ständig sagen, dass du kein Talent hast. Du wünscht dir nichts sehnlicher, als bei einer Versicherung zu arbeiten, weil die Arbeit da unpersönlicher zugeht. Du willst Geld auf deinem Konto, regelmäßig; willst dich nicht ständig mit deinen inneren Dämonen befassen. Du wimmelst Kritiker ab, die meinen, dein Job wäre ach so flexibel und ach so einfach. Sie selbst sind natürlich nur keine Bestsellerautoren, weil sie nicht die Zeit dazu finden.

Dabei bräuchtest du sie nur ein einziges Mal zu fragen:

Willst du wirklich jeden Tag mit Kater, Selbstzweifeln und Minus auf dem Konto aufzuwachen, nur um alle paar Jubeljahre etwas rauszubringen, das im besten Falle Durchschnitt ist? Meinst du, du kannst mit der ständigen Angst leben, niemals gut genug zu sein? Glaubst du wirklich, es macht Spaß dein Inneres durchzukauen, um es vor der ganzen Welt auszubreiten? Dann gratuliere ich dir: Hiermit bist du Schriftstellerin. Und jetzt gib’ mir deinen Rotwein, der wird sonst schlecht. Wir sehen uns morgen um halb acht am Schreibtisch.