Dröge Parties, Neurechte, das gedruckte Buch: Die Literaturbranche braucht mehr Bumms


„Das ist wie Party im Internat hier“, sagt meine Freundin Magda, als wir im Literaturhaus Frankfurt ankommen. „Wie so eine Studentenparty in der Mensa.“ Sie findet noch fünf andere Metaphern, die ich nicht mehr wiedergeben kann, da ich die Langeweile dieses Abends versuche in Weißwein zu ertränken. Koks hätte vielleicht geholfen, aber selbst das lastet sich diese Branche nicht an, schließlich müssen jeder morgen früh raus und das weiße Teufelszeug ist schädlich. „Ich muss noch bis nach Odenwald“, höre ich eine junge Lektorin auf der Toilette einer anderen erzählen. „Ich nehme mir aber ein Taxi, muss um acht wieder auf der Matte stehen.“ Und das von Leuten, die in derselben Branche wie einst Hemingway und Simone de Beauvoir arbeiten.

Wir hängen unsere Jacken an einer für alle zugänglichen Kleiderstange auf: Das hier geklaut wird, ist unwahrscheinlich. Dabei sind wir in Frankfurt, der Stadt mit einer der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Aber ich kann die Korrektheit förmlich in der Luft riechen; jedes Jahr tanzen hier Lektorinnen gegensätzlich des Taktes auf die unbeholfene Musikauswahl von den Autoren der unabhängigen Verlage.
Dieses Korrekte zieht sich durch die gesamte Messe. Kaum eine andere Branche hat mit der Spießigkeit und dem gähnend langweiligen Bürgertum zu kämpfen, wie die der Literatur. Am Ende mag die Frankfurter Buchmesse sogar Nazis körperlich walten lassen und plädiert dann schlussendlich für einen besonnenen Dialog auf beiden Seiten. Eine Branche, die von Vielfalt lebt, die Marginalen eine Stimme gibt, hat den Faschisten wirklich nur Bücher entgegenzusetzen: nichts als Bücher?

Halle 4 aber spielt exzellente Zukunftsmusik und lässt erahnen, wozu die Frankfurter Buchmesse fähig wäre. Die Comic Solidarity setzt sich alleine durch die Farbauswahl der Standwände für mehr Vielfalt ein. Die Künstler kommen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen und sprechen verschiedenste Themen in ihren Werken an. Der stark digital ausgerichtete Orbanism Space bietet Veranstaltungen dazu, wie man mit Andersdenkenden ins Gespräch kommt und sie überzeugt. Und Plakate, auf denen “Kein Ort für Nazis” steht, zieren die Wände rund um den Stand der rechtsgerichteten ‘Junge Freiheit’.

Man kann nur hoffen, dass von dieser jungen, kreativen Branche mehr ausgeht, dass dieser Keim in den nächsten Jahren heranwächst zu einer herrlichen Pflanze, die auch in die anderen Hallen übergeht. Bis jetzt herrscht in denen sonst nur dröges Business; einen richtigen Knaller gab es dieses Jahr wieder nicht. Vielleicht hat die Literaturszene nicht verstanden, dass gerade auf Messen, Kongressen und Weihnachtsfeiern mehr Sex in der Luft liegt, als in einem Swinger Club. Dass dies die besten Gelegenheiten sind, Rassisten mehr Protest zu bieten, als nur einen Stand, als nur die gedruckten Bücher.

Den ganzen Abend im Literaturhaus schütte ich Weißwein in mich rein. Ich hatte bis zum Schluss gehofft, dass jemand einen Bus voller Berliner Hipster ablädt, die den Laden mal so richtig aufmischen. Die lautesten Statements auf der Buchmesse aber werden jene von Faschisten und neutralen Veranstaltern bleiben. Aber nichts muss ewig so bleiben, wie es immer war. Besonders, wenn Wegschauen einfach nicht mehr funktioniert.

Same old, same old: Die Frankfurter Buchmesse 2017

Jedes Jahr das Highlight einer ganzen Branche: Die Frankfurter Buchmesse. Egal, wie verstaubt und spießig sie zuweilen sein mag, egal wie rechtsgerichtet und politisch, wie europäisch oder zögerlich in ihrer aufklärerischen Tätigkeit. Man muss allerdings das Buch lieben, um sie zu verstehen.

Rund 278.000 Besucher hatte die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2016 vorzuweisen. Ob es dieses Jahr mehr werden, ist noch nicht abzusehen, aber schon am Mittwochnachmittag ist die Halle 3 gut besucht: ungewöhnlich für einen ersten Messetag. Die Cebit konnte dieses Jahr nur mit 200.000 Besuchern auftrumpfen, seit Jahren kämpft sie mit Besucherzahlen und hat sich nun auf Fachbesucher ausgerichtet. Ähnlich ist die Idee auf den ersten drei Messetagen der Frankfurter Buchmesse. Nur, dass sie trotz des intellektuellen Anstrichs des Mediums auch branchenferne Leser, vor allen Dingen Cosplayer, zu begeistern weiß. Am Samstag und Sonntag ist die Messe für Leser und Fans geöffnet. Manch ein Fachbesucher verlässt da die Stadt; ihn ängstigen die Massen, die plötzlich durch die Hallen drängen.

Zu viel Zukunftsmusik darf man hier nicht erwarten. Keine neue Technik, vor der die Besucher staunend stehen, vor der Journalisten sich tummeln, um ein Interview mit den Erfindern abzugreifen. Keine Holgramme, die Buchcharaktere ins Kinderzimmer beamen, keine Computergreifarme, die die Buchseiten umschlagen. Auf der Buchmesse geht es um Persönlichkeiten, um Autoren, ihre Bücher, die Verlage: um den Zustand einer ganzen Branche. Das Buch muss dabei für sich alleine kämpfen. Dabei ist das E-book mehr oder minder unerheblich, still und heimlich hat es sich in den Markt etabliert. 5,4 Prozent des Buchmarktes macht es aus, so zumindest war es im ersten Halbjahr 2017.

Aber es riecht ja auch so gut, das Buch. Es ist ein haptischer, paradiesischer Zustand, der dort mit den Seiten geliefert wird. Auch, wenn oft die Zeit nicht bleibt am Stand zu verweilen und sich in einer Geschichte zu vertiefen – die Lektoren und Lektorinnen wittern in jedem Vorbeigehenden einen potenziellen Hobbyautoren, der sie zu Tode nerven könnte – ist es das Buch, dass Besucher und Aussteller antreibt. Man mag das als konservativ betiteln, als reaktionär. Aber es macht den Buchmarkt sympathisch. Dabei verzichtet dieser keinesfalls auf ihren Profit. Wie immer wirken die Hallen der Internationalen Verlage geschäftig, wie immer ist der Agenten-Pavillon in kalter Büroatmosphäre darauf ausgerichtet, Projekte vorzustellen und Deals abzuschließen.

Die Halle 4 zeigt sich derweil mit dem Stand der Comic Solidarity als nischenmäßigen Gegenpol, mit einer großen Antiquariatsfläche und der THE ARTS+, der Repräsentation der digital vernetzten Kultur- und Kreativbranche. Das Gastland Frankreich stellt sich, wie immer, mit eigenem Pavillon vor. Die Frankfurter Buchmesse ist also durchaus vielfältig.

Besonders aufregend ist sie für Außenstehende aber nicht. Wer hierher anreist, darf keine Epiphanien oder die digitale Zukunft erwarten, trotz durchaus beachtlicher Zwischentöne. Wer hier herkommt, der hat zu Hause nichts zu erzählen. Aber er wird das Buch wiederentdecken. Und wer das Buch liebt, der weiß, was das bedeutet.