Was wir aufs Spiel setzen, wenn wir unsere Verletzlichkeit verleugnen

Es ist okay, Schwäche zu zeigen. Es ist okay, diesen Text mit Klarnamen zu schreiben. Es ist okay, sich zu entschuldigen, aber auch zu zeigen: Du hast mich verletzt – ich finde, jetzt bist du mal dran. Wo Menschen eher töten, als zu diskutieren, ist das die einzige Chance, die uns bleibt.

Die neue Welt der Kommunikation hat uns viel Gutes gebracht. Sie ist laut und aufregend; sie bildet weiter und schafft Arbeitsplätze. Aber sie verdammt auch Meinungen zu Postulaten und kultiviert Plattitüden zu Jahrhundertwerken. Sie lässt wenig Zeit für Zwischentöne. Die Musik dieser Welt wird eintöniger.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, lieber Leser. Aber ist es in deinem Umfeld auch zur Seltenheit geworden, dass Menschen ehrlich miteinander kommunizieren? Ist es denn keine Last für dich, auf allen Kanälen präsent zu sein, und gleichzeitig die wichtigsten Menschen in deinem Leben wahrzunehmen? Ihnen das zu geben, was sie verdient haben – und von ihnen ehrlich zu fordern, was du brauchst? Ich meine damit nicht die verletzende Ehrlichkeit, die in ihrem Wesen unauthentisch ist, weil sie von der eigenen Unzufriedenheit ablenken will. Sondern die Art von Ehrlichkeit, die die Luft zwischen uns vibrieren lässt.

Wir aber haben einen anderen Weg gewählt. Wir kommunizieren durch Hass und Verletzungen. Wir glauben, je cooler und abgeklärter wir wirken, desto besser lässt es sich in dieser Welt überleben. Es ist schwer gegen die ganze Welt zu kämpfen, wenn man kein nordkoreanischer Diktator ist. Aber in dem Moment, wo wir nicht mehr die Größe finden, offen zu unseren Gefühlen zu stehen – egal, wie dunkel diese sind –; wenn wir nicht mehr das Herz in uns finden uns unter all’ der Coolness auch mal verletzlich zu zeigen, verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit. Und nichts wird in Zeiten des Terrors und der Atombombe dringender gebraucht.

Wir müssten wieder auf die Straße gehen. Sowieso. Dem Gegenüber ins Gesicht schauen und ihm sagen, was wir fühlen. Ob das auf einem Plakat ist oder in einem privaten Gespräch. Ob das auf einem ersten Date ist oder innerhalb einer jahrelangen Freundschaft. Wir werden dafür verurteilt werden. Vielleicht sogar verachtet. Aber damit müssen wir umgehen lernen. Die Kraft dazu finden wir in unserem diskursiven europäischen Geist verankert. Wahrhaftigkeit schützt Frieden.

Auf Datingportalen, zum Beispiel, wird Frauen und Männern dazu geraten, ihre Emotionen im Zaum zu halten. “Wenn du sie ins Bett kriegen willst, musst du das Arschloch spielen.” “Sei nicht die emotionale Frau die du bist – sonst bekommst du ihn nicht.” Der Tenor: Stehe niemals zu deinen Fehlern; niemals zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen, wenn du geliebt werden willst.

Das Internet ist voll von diesen How-to-Texten. Sie gaukeln uns eine einfache Welt vor, dabei könnte sie komplexer gerade nicht sein. Sie lassen uns glauben, dass wir uns nur der inneren Sonne zuwenden müssen. Aber das Glück liegt, wie so oft, in der dunkelsten Ecke unseres Darmtrakts begraben.

Diesen Unannehmlichkeiten müssen wir uns stellen. Unserer Scham und Schuld, unserem Neid, unserer Angst. Nicht über Whatsapp, über Twitter, über Tinder. Nicht mit austauschbaren Sprüchen, die wir auf Postkarten klatschen: Das sind nichts weiter als Plattitüden, die uns weismachen wollen, dass wir okay sind. Denn wir sind überhaupt nicht okay. Zumindest nicht immer. Wir sind auch das Schlechteste in uns. Wir machen Fehler, wir verletzen, wir werden verletzt. Wir lieben zu früh, wir hassen zu intensiv; wir brauchen Aufmerksamkeit, um die Einsamkeit in uns zu überdauern. Uns allen geht es schlecht, weil die Welt gerade schlecht ist. Dazu werden wir irgendwann stehen müssen.