Ashak mit Amir

https://www.flickr.com/photos/ricardo_mangual/6011109000/in/photolist-aabvhm-dQPGQS-dQJ5rF-dQJ64k-dQPHz7-SY6q9-6WHS8V-8tbEaG-97vMW9-55q5u3-5F3pYp-5F3siB-ftRPYU-5cVoWg-6Kp7z3-5F3ob6-5F7ArU-9dZHYt-i2EzH6-9yK7oi-6FiFia-8EwFHq-9v4dBj-8j5M2M-7mVLjL-anbfE4-7r9T5T-6EuGyU-7rdQPN-7nV9sL-5F7HRL-8K4LWC-cNGFMo-5F7wwS-9975Dp-7MQP4i-8PTak1-8RM7qa-7vkNcq-8XquXU-9vY2Hf-avwAig-apcKie-7Egt3A-6nNijF-bJBbpK-dAzK59-dNuszu-6Kk3Hr-78mxn4
Salam Alaikum.“ Amir schaut zur Decke, als er meine Wohnung betritt. Ob er das immer machen müsse, frage ich ihn. “Ich lasse das Gebäude von Gott segnen”, sagt er. „Aber nur beim ersten Besuch, so viel Zeit hat er nicht.“

Amir ist Anfang 30. Er lebt seit knapp zwei Jahren in Frankfurt, so lange gebe ich ihm in unregelmäßigen Abständen Nachhilfe. Manchmal treffen wir uns zum Essen. Heute hat er Ashak mitgebracht, das sind afghanische Nudeltaschen. In Kabul war er Englischlehrer. Er ist auf einem Schlauchboot über die Türkei nach Griechenland gekommen. Über Mazedonien und Österreich ist er mit dem Zug weiter nach Deutschland eingereist.

Am Anfang lernte er jeden Sonntag Deutsch bei einer Gruppe Ehrenamtlicher. ‘Wie geht es Ihnen?’, ‘Wie alt sind Sie?’, ‘Ausstieg in Fahrtrichtung links.’ Erst kürzlich hat er die Prüfung zu B1 bestanden. „Ich dachte wirklich, ich kann zur Uni gehen“, sagt er.

Jetzt soll er abgeschoben werden.

Klage gegen den Bescheid hat er eingereicht, den Anwalt muss er in Raten bezahlen. Aber er macht sich keine Hoffnungen. „Inschallah“, sagt er und schaut dabei betreten auf den Teller. „Wenn Gott will, sterbe ich früh und alles ist vorbei.“

Amir erzählt, dass der Motor seines Schlauchboots auf dem Mittelmeer drei Mal ausgefallen war. Schlepper in schwarzen Kapuzen hatten sie mit 50 Menschen auf ein kleines Boot gedrängt. Jeder, der umkehren wollte, wurde mit der Waffe bedroht.
Auf der Hälfte des Weges stand ihnen das Wasser bis zu den Knien. Sie versuchten das Wasser auszuschöpfen – mit einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Die teuer erstandenen Rettungswesten ließen sie am Ufer zurück.

Das alles, bei Weitem nicht so schlimm, wie die Anschläge. „Wenn sie glauben, dass du mit der Regierung zusammenarbeitest, drohen sie dir“, sagt Amir. Die, das sind die Taliban. Jeden Tag könnten seine Eltern und Geschwister ihnen zum Opfer fallen. Nach zehn Uhr abends geht in Kabul niemand gerne auf die Straße. Strom gibt es nur stundenweise. “Du musst den Deutschen sagen, dass in Afghanistan nur der Tod auf uns wartet“, sagt Amir.

Ich weiß nicht, wie ich ihm erklären soll, warum er Deutschland verlassen muss. Er, der seit zwei Jahren jeden Deutschkurs macht, der ihm angeboten wird – obwohl er diese jedes Mal selber finanziert. Er, der zu jeder Jobmesse geht, der Bewerbungen schreibt, der zur Uni will, um zu studieren, seinen Beitrag zu leisten. Wie soll ich ihm erklären, dass in der Leistungsgesellschaft Leistung nichts wert ist, solange du nicht deutsch bist? Wie den ganzen Ehrenamtlichen begreiflich machen, dass ihre Arbeit umsonst ist, wenn einer am Ende sowieso abgeschoben wird?

Amir schaut zur Decke. „Warum soll ich mich integrieren, wenn ich keine Chance habe, zu bleiben?“ Er ist kaum zwei Jahre hier und denkt logisch wie ein Deutscher. „Das ergibt doch keinen Sinn.”

Auf dem Weg zur U-Bahn reichen wir uns die Hände. Wir gleiten in eine freundschaftliche Umarmung über. Unsere Wangen berühren sich, wie es in Afghanistan so üblich ist. Wir machen ein Selfie für seine Familie in Kabul.

„Ich sehe schlimm auf dem Foto aus“, sagt Amir, dem türkische Polizisten die Nase gebrochen haben.
„Schau dir mal meine Augenringe an“, sage ich, die am Wochenende zu tief ins Glas geschaut hat.
Dann verabschieden wir uns. Ob wir uns nächste Woche treffen?
Inschallah. Wenn Gott will, sehen wir uns wieder.

Was wir aufs Spiel setzen, wenn wir unsere Verletzlichkeit verleugnen

Es ist okay, Schwäche zu zeigen. Es ist okay, diesen Text mit Klarnamen zu schreiben. Es ist okay, sich zu entschuldigen, aber auch zu zeigen: Du hast mich verletzt – ich finde, jetzt bist du mal dran. Wo Menschen eher töten, als zu diskutieren, ist das die einzige Chance, die uns bleibt.

Die neue Welt der Kommunikation hat uns viel Gutes gebracht. Sie ist laut und aufregend; sie bildet weiter und schafft Arbeitsplätze. Aber sie verdammt auch Meinungen zu Postulaten und kultiviert Plattitüden zu Jahrhundertwerken. Sie lässt wenig Zeit für Zwischentöne. Die Musik dieser Welt wird eintöniger.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, lieber Leser. Aber ist es in deinem Umfeld auch zur Seltenheit geworden, dass Menschen ehrlich miteinander kommunizieren? Ist es denn keine Last für dich, auf allen Kanälen präsent zu sein, und gleichzeitig die wichtigsten Menschen in deinem Leben wahrzunehmen? Ihnen das zu geben, was sie verdient haben – und von ihnen ehrlich zu fordern, was du brauchst? Ich meine damit nicht die verletzende Ehrlichkeit, die in ihrem Wesen unauthentisch ist, weil sie von der eigenen Unzufriedenheit ablenken will. Sondern die Art von Ehrlichkeit, die die Luft zwischen uns vibrieren lässt.

Wir aber haben einen anderen Weg gewählt. Wir kommunizieren durch Hass und Verletzungen. Wir glauben, je cooler und abgeklärter wir wirken, desto besser lässt es sich in dieser Welt überleben. Es ist schwer gegen die ganze Welt zu kämpfen, wenn man kein nordkoreanischer Diktator ist. Aber in dem Moment, wo wir nicht mehr die Größe finden, offen zu unseren Gefühlen zu stehen – egal, wie dunkel diese sind –; wenn wir nicht mehr das Herz in uns finden uns unter all’ der Coolness auch mal verletzlich zu zeigen, verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit. Und nichts wird in Zeiten des Terrors und der Atombombe dringender gebraucht.

Wir müssten wieder auf die Straße gehen. Sowieso. Dem Gegenüber ins Gesicht schauen und ihm sagen, was wir fühlen. Ob das auf einem Plakat ist oder in einem privaten Gespräch. Ob das auf einem ersten Date ist oder innerhalb einer jahrelangen Freundschaft. Wir werden dafür verurteilt werden. Vielleicht sogar verachtet. Aber damit müssen wir umgehen lernen. Die Kraft dazu finden wir in unserem diskursiven europäischen Geist verankert. Wahrhaftigkeit schützt Frieden.

Auf Datingportalen, zum Beispiel, wird Frauen und Männern dazu geraten, ihre Emotionen im Zaum zu halten. “Wenn du sie ins Bett kriegen willst, musst du das Arschloch spielen.” “Sei nicht die emotionale Frau die du bist – sonst bekommst du ihn nicht.” Der Tenor: Stehe niemals zu deinen Fehlern; niemals zu deinen Gefühlen und Bedürfnissen, wenn du geliebt werden willst.

Das Internet ist voll von diesen How-to-Texten. Sie gaukeln uns eine einfache Welt vor, dabei könnte sie komplexer gerade nicht sein. Sie lassen uns glauben, dass wir uns nur der inneren Sonne zuwenden müssen. Aber das Glück liegt, wie so oft, in der dunkelsten Ecke unseres Darmtrakts begraben.

Diesen Unannehmlichkeiten müssen wir uns stellen. Unserer Scham und Schuld, unserem Neid, unserer Angst. Nicht über Whatsapp, über Twitter, über Tinder. Nicht mit austauschbaren Sprüchen, die wir auf Postkarten klatschen: Das sind nichts weiter als Plattitüden, die uns weismachen wollen, dass wir okay sind. Denn wir sind überhaupt nicht okay. Zumindest nicht immer. Wir sind auch das Schlechteste in uns. Wir machen Fehler, wir verletzen, wir werden verletzt. Wir lieben zu früh, wir hassen zu intensiv; wir brauchen Aufmerksamkeit, um die Einsamkeit in uns zu überdauern. Uns allen geht es schlecht, weil die Welt gerade schlecht ist. Dazu werden wir irgendwann stehen müssen.