Wer Twitter hat, braucht keine Feinde mehr

Peter Tauber von der CDU hat sich online einen Fehltritt geleistet. Dafür musste er büßen. Auch nachdem er sich entschuldigt hat, ist der Mob nicht mehr zu stoppen. Wann ist Twitter zum größten public shaming Monstrum des 21. Jahrhunderts geworden?

Meist sind es dieselben, mutigen Akteure, die öffentlich gegen Onlinemobbing vorgehen. Die sich auflehnen, wenn Menschen wegen ihres Körpers gemobbt werden, wegen ihrer Größe oder Behinderung. Für den unermüdlichen Einsatz muss man ihnen dankbar sein. Dumm nur, wenn diese selbst zum Troll werden.

Liebe mir sonst so teuren Internetmenschen. Wieso bringt ihr mich dazu einen von der CDU zu verteidigen? Was ist aus euch geworden – und was aus mir! Vor Jahren noch wäre ich in die Debatte mit eingesprungen. Hätte mich aufgeregt, hätte nicht losgelassen. Ich kann verstehen, dass es Spaß macht, sich in einer Ungerechtigkeit zu verzetteln, wenn die Timeline mit schlechten Nachrichten durchspült wird. Wenn wir das Gefühl haben, in dieser globalisierten Welt nichts ausrichten zu können. Mittlerweile stehe ich fassungslos bei euren Hexenjagden daneben. Könnt ihr nicht auch mal Dinge gut sein lassen? Besonders solche, die euch morgen nicht mehr interessieren? Morgen wird der Minijob nämlich wieder das sein, was er vorher war: Eine Tragödie, die am Rande der Gesellschaft vor sich hin mäandert.

Was hatte Peter Tauber gesagt? Er hatte Minijobber die Schuld an ihrer eigenen Misere gegeben. Sicherlich war diese Aussage töricht; er wird nicht gerade zufrieden in sein Wochenende gehen. Vielleicht ist Peter Taubers Karriere endgültig vorbei, wegen eines Fehltritts, für den er sich entschuldigt hat. Wer meint, dass er als Person des öffentlichen Lebens selbst daran schuld sei, glaubt auch, dass die Hollywoodschauspielerin ihre Privatsphäre mit dem Millionengehalt abtritt.

In seinem Buch “So you’ve been publicly shamed” erzählt Jon Ronson die Geschichte eines Universitätsprofessoren, dem sämtliche Ehrentitel aberkannt wurden, weil er einen dummen Witz über Frauen auf einer Konferenz machte. Oder die von Justine Sacco, die 140 verhängnisvolle Zeichen vor einem Flug nach Südafrika absetzte, um am Flughafen von einem wütenden Internetmob empfangen zu werden. Ronson zeichnet das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, die im digitalen Zeitalter jegliches Maß an Menschlichkeit verloren hat. Mir scheint, dieses Phänomen habe sich exportiert.

Sicher ist Peter Tauber ein Politiker und muss sich seinen politischen Aussagen stellen. Sicher hat er ein wenig Spott und Häme für seine unsensible Aussage verdient. Dass eine Debatte losgetreten wurde, ist positiv. Aber spätestens, wenn wir 800 Mal in der Twitter-Timeline lesen müssen, was jeder Dorftroll ihm “Ordentliches” (haha!) zu sagen hat, ist auch der älteste Witz auserzählt. Wir sollten auch bei Twitter mehr Souveränität wagen. Nicht auf jede Dorfsau aufspringen, im Sinne der Netzkompetenz über unser eigenes Verhalten nachdenken. Oder wie der Historiker und Schriftsteller Prof. Timothy Gorton Ash es formuliert: „Das Recht, etwas zu sagen, heißt nicht, dass es richtig ist, etwas zu sagen.”

Lange nach der Entschuldigung wird Tauber von allen Seiten gedemütigt. Die gestern noch so überschwänglich begrüßte Gesellschaft des Scheiterns ist gescheitert. Twitter kann ein großer Spielplatz für Erwachsene sein. Erwachsene, die nach dem sechsten Mal auffordern immer noch nicht ins Bett wollen; die den Bauklotz unermüdlich an die Wand werfen. Es gibt Kämpfe, die bis zum bitteren Ende gekämpft werden müssen. Aber ein bisschen Bubu tut auch mal gut.