Du und Ich in der Cloud

Ich bin in London während meines Studiums fünf Mal umgezogen. Das ist normal in dieser großen Stadt: Du nimmst deine drei Kartons, deine zwei Koffer, lädst alles in ein Taxi und lässt dich zu deiner neuen Adresse fahren. Dein ganzes Leben, in einem Nachmittag verschleppt.
Einmal habe ich den Sommer in Deutschland gearbeitet und meine Kartons in London gelassen. Der Vermieter hat sie weggeschmissen. Davon habe ich mich nie erholt.
Ich weiß bis heute nicht, was in diesen Kartons gelagert war. Ich hatte nichts daraus vermisst. Vielleicht waren es Ikea-Kerzen, alte Briefe oder Klamotten, die ich schon lange nicht mehr getragen habe. Dennoch schmerzt es mir noch heute, diese Erinnerungen verloren zu haben. Erinnerungen, die mir genommen worden sind; Erinnerungen, die ich nie hatte. Kleine Leben, nie zu Ende gelebt.

Wohin mit den Erinnerungen, wenn eine Beziehung endet? In einen Karton packen, alles wegschmeißen? Wohin mit allem, was du je zu mir gesagt hast, was du mir an den Kopf geworfen hast, wenn du wütend warst. Wohin mit den Orten, die wir gemeinsam besucht haben, wohin mit den Bildern, die vergilben, obwohl sie unsere Farben in die Zukunft tragen. Wir fotografieren den Sonnenaufgang, den schiefen Turm von Pisa, nie aber den Moment des Schlussmachens, des Kündigens, des Verlassenwerdens. Wir legen riesige Datenbanken zu unserem Leben an. Auf Festplatten, in Clouds, auf Facebook-Profilen. Keine Erinnerung darauf eine Unglückliche.
„Lach doch mal“, sagst du, wenn du ein Foto von mir machen willst.

In der Psychologie gibt es den Begriff des Verdrängens. Wir vergessen schwierige Ereignisse, spalten uns ab, zum Schutz unserer Seele. Es gibt Vergewaltigungsopfer, die sich jahrzehntelang nicht an die Tat erinnern, bis sie davon eingeholt werden. Am Ende quillt alles heraus, was uns innerlich belastet.
In einer Deutschlandfunk Sendung über die deutsche Erinnerungskultur erzählt eine ältere Frau über ihren Besuch im Konzentrationslager Dachau. Ihre Tante sei dort umgekommen, sagt sie. Sie habe sich nie vorstellen können, wie es gewesen sein muss, an einer Rampe zu stehen und in den Tod laufen zu müssen. Seitdem sie in Dachau war, sei die Angst und der Schrecken, der sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, verschwunden. Sie könne die kollektiven Erinnerungen der Familie nun einordnen. Ob es nicht an der Zeit wäre, den Holocaust ruhen zu lassen, fragt der Moderator.
„Ich arbeite mit Männern, die als junge Soldaten Schreckliches erlebt haben, die nie darüber gesprochen haben“, sagt die Frau darauf. „Jetzt, wo sie dement sind und keine Chance mehr auf eine Erinnerung haben, fangen sie an zu reden.“

Schöne Erinnerungen finden wir in Datenbanken, auf Festplatten, auf Facebook-Profilen. Unsere Schlechten halten wir geheim. Verstecken diese Kartons, in Briefen, trennen uns davon, um keinen Ballast in die neue Stadt, die neue Wohnung zu nehmen. Wir misten unsere Häuser aus, entledigen uns unserer Vergangenheit. Am Ende quillt alles Schlechte aus uns heraus. Ich finde ein Foto, auf dem du in die Ferne schaust, während ich in die Kamera stiere. Noch wissen wir nicht, dass wir bald zu einer Erinnerung des Anderen werden. Im Moment sind wir das Erlebte. Der Übergang bringt die Stärksten von uns um.

Bildquelle Akio Takemoto