Am anderen Ende der Zeit


Es ist Herbst. Die Jahreszeit mit dem besten Ruf. Die Blätter sind gelb und braun. Sie sind welk und knirschen in der Hand. Darin herumzustampfen, kitzelt in der Herzgegend. Wir sitzen unter einer Wolldecke, wärmen das Innerste bei Kerzenlicht. Endlich haben wir Zeit. Für Besuche, fürs Schreiben, für Freundschaften und Ingwertee. Zeit, um auf diejenigen zu warten, die uns immer wieder warten lassen.

Niemand meldet sich mehr. Niemand hat mehr Zeit. Wir sind nur noch unterwegs, die Arbeit macht wohl zu viel Spaß, ein Gespräch am Telefon wird im Laufen erledigt, mit einer WhatsApp Nachricht ersetzt. Alles stresst. Die Wohnung, der Vermieter, der Handyvertrag. Wir wollen wechseln, ein Anruf wäre das. Wir wollen umziehen, aber schaffen es nicht die Kartons zu packen. Wie die Zeit an sich reißen?

Wir haben auf die Viertagewoche umgestellt. Jetzt sind da am Freitag noch die eigenen Projekte. Das Buch mit den fünfhundert Seiten will gelesen werden. Bei der Hälfte blättern wir ans Ende und schauen, wie viele Seiten wir noch müssen. Das Serienfinale droht. Wir stoppen den Balken, um zu sehen, wie viele Minuten kommen, bis wir endlich fressen dürfen. Dafür ist immer Zeit. Tütensuppe. Die steht auf dem Herd und will von uns umgerührt werden. Mindestens alle drei Minuten. 750 ml Wasser aufkochen, acht Minuten auf mittlerer Stufe vor sich hinköcheln lassen. Diese Suppe hat mehr Macht über unsere Zeit als wir.

Dreißig Bewerbungen haben wir in diesem Jahr rausgeschickt. Fünfzehn Exposés und neun Pitchideen.

“Aufgrund der Vielzahl der Bewerbungen können wir keine individuellen Absagen schicken.”

Keine Zeit. Alles stapelt sich, häuft sich, will abgearbeitet werden. Der Tisch droht auseinanderzubrechen. Ist von der Gegenseite ein Interesse da, wird der Tisch plötzlich ganz leicht. Wenn wir, die etwas wollen, allerdings nicht mehr warten können, weil wir meinen, keine Zeit zu haben; weil wir uns herausnehmen wie alle anderen irgendwann zu sterben, dann reicht eine kurze Nachfrage für diese Antwort aus:

“Leider habe ich es bisher nicht geschafft zu antworten. Dafür kann ich mich nur entschuldigen.”

Wir schweigen. Wollen niemandem auf die Nerven gehen. Die Tage, Wochen, Monate, die wir für die Bewerbung auf eine Stelle oder für das Manuskript auf eine Veröffentlichung hin verschwendet haben: alles weniger wert. Immer weniger wert, als die Zeit derer, die am anderen Ende des Hörers sitzen. Immer weniger wert als die, die uns vor dem Café warten lassen, weil sie es verdammt noch mal nie schaffen pünktlich zu sein. Die Zeit ist immer mit denen, die sie kraftvoll einfordern. Die sie an sich reißen und uns – die geduldig Wartenden – herzlos und unwiderruflich genommen wird. Uns, die kleinlaut um die Ihre bitten. Die auf das Glas ihrer Uhr tippen, weil sie insgeheim wissen: Wir alle leben nach der gleichen Zeit. Welche davon ist wichtiger?

Worüber wir reden müssen, wenn wir über die Frankfurter Buchmesse reden

Es ist Sonntag. Am leeren Sektglas klebt ein Herbstblatt, der letzte Tag der Buchmesse ist fast vorbei. Heute tummeln sich die Leser auf der Messe, die schieben sich durch die Gänge, blockieren die Rolltreppen, bilden Schlangen bei den Signierstunden an den Verlagsständen. Eine Nachricht raunt durch die Hallen: Das Buch ist nicht tot.

Und alles, was dahinter steht, atmet ruhig und gleichmäßig. Es hyperventiliert nicht, veranstaltet aber auch kein freudiges Lungenkitzeln. Vor ein paar Jahren war das Ebook laut der Panels und Diskussionsrunden noch todgeweiht. Heute wurde dem Digitalen – natürlich nicht zum ersten Mal, aber vielleicht mit mehr Tiefgang – eine angemessene Plattform geboten.

Mit dem Orbanism Space zum Beispiel, in dem bei Freibier über das Internet und seine Möglichkeiten diskutiert wurde. Der Begriff der neuen Schönheit wurde uns durch Selfies erklärt; bei einem Twittertreffen sah man in Gesichter, denen man endlich Zeilen zuordnen konnte. Mit dem “Blogbuster” allerdings schwimmt das Konzept. Das Publikum war vollzählig, aber die Idee dahinter nicht neu: Im Internet soll nun die literarische Entdeckung des Jahres gefunden werden. Dieses Mal mit der Hilfe von Literaturbloggern und Headlinern wie dem Klett-Cotta Verlag und Denis Scheck. Aber wie sich das von unzähligen anderen Versuchen (neobooks, Oetinger34, …) in dieser Richtung absetzen wird, bleibt unbeantwortet.

Amazon ist nicht mehr der große Nemesis, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Warum auch? 7100 Aussteller aus 100 Ländern sind auf dieser Buchmesse. Die meisten Publikumsverlage fahren im 68. Jahr des Ereignisses mit großen Ständen auf, die Tische sind gut besetzt. Im Agenten-Pavillon herrscht eine Geräuschkulisse, die Schulhöfen zur Mittagszeit ähneln. Harry Potter und Gandalf schlendern mit Cosplayern aus ganz Deutschland über den Innenhof und lassen sich von Journalisten fotografieren.

Diogenes ist zurück.

Selten scheint die Sonne. Mit der Buchmesse kommt der Herbst in die Stadt. Auch darüber müssen wir reden, wenn wir über die Buchmesse reden: über den nebligen Schleier, der sich in diesen Tagen über Frankfurt legt. Gelbe Taxilichter durchbrechen die dunkle Nacht. Sie sind auf dem Weg in die Restaurants, Hotels, ins Literaturhaus oder ins Bahnhofsviertel zu einer Lesung. Die einst “hässlichste Stadt Deutschlands” wird nun zu einer unerreichten Ästhetik für alle, die das nächste große Ding der Buchbranche suchen. Alleine dieses bleibt dieses Jahr aus.

Sinnlicher als Weihnachten: Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2016


Ein älterer Mann beugt sich auf den Tisch vor sich hinunter. Er zieht etwas Koks durch die Nase. Eigentlich riecht er nur an den Seiten eines Buches. Schade. Ich dachte, hier wäre dieses Jahr richtig was los.

Ich habe Bauchschmerzen von den ganzen Süßigkeiten, die es umsonst gibt, von den Bonbons und Lutschern, eventuell war ein Radiergummi darunter, das weiß ich nicht mehr so genau, im Rausch passiert das schnell.

Ich habe gestern viel Wein getrunken und am Ende gab es Wodka und das nächste, an das ich mich erinnere, ist wie ich in Halle 3 an meinen Brüsten, der Hüfte und dem Hintern durch die Gänge geschoben werde. Tausende Jutebeutel vor und hinter mir grapschen sich Kullis und neue Biobeutel von den Empfangstischen der Verlage.

Wenn man etwas von der wirklichen Geschäftstüchtigkeit der Verlagswelt mitbekommen will, geht man entweder in den Agenten-Pavillon oder in die Halle der internationalen Verlage. Dort wird einem bewusst, was die Buchbranche eigentlich für ein hartes Business ist. Es wird wild gestikuliert (bei den Italienern), charmant unter dem Kopftuch hervor gelächelt, während man Verträge unterschreiben lässt (Iran) und der Weg auf den Stand jedem versperrt, der keinen offiziellen Termin hat. (UK) Mit Lesen und Blättern hält man sich hier nicht auf.

Buchreporter im Social Media Alter fotografieren „mega sweete“ Cover und Postkarten und erfinden dafür dann vor aller Ohren lustige Hashtags. Im Orbanism Space, der digitalen Hauptbesetzung auf der Buchmesse, gibt es Bier und Schnaps umsonst. Ich werde von einer Agentin angequatscht, die irgendwas mit meiner Stimme machen will. Hörbücher vielleicht. Über Texte will sie noch nicht sprechen. Ich quatsche wiederum einen Autor an, der mir seinen Schreibstil als eine Mischung aus Hunter S. Thompson und Dave Eggers pitcht. Wir lachen und kippen Schnaps in uns rein.

Ich nehme die U-Bahn nach Hause. Die S-Bahn ist was für langweilige Lektoren und Nicht-Frankurter. Ich stelle einen Flasche Weißwein auf den Tisch und eine zweite in den Kühlschrank. Ich zünde kleine Teelichter an, die ich auf der Fensterbank verteile. Dann koche ich Spaghetti für meine liebste Buchmessenfreundin.

Später falle ich volltrunken und ohnmächtig vor Freude darüber, dass die Buchmesse wieder in der Stadt ist, ins Bett, auf zwei offene Buchseiten. Wenn ich aufwache, habe ich bestimmt schwarze Buchstaben im Gesicht.

Über Texte von Laien im Internet

Alle sagen zu Allem Alles. Was für die Demokratie ein Segen ist, ist für Kunstschaffende ein Eklat. Wie messen wir in Zeiten des Internets noch Qualität?

Wir leben in einer freien Gesellschaft. Jeder sollte sagen, was er denkt. Aber dieses Prinzip hat seine Grenzen. Bei Volksverhetzung zum Beispiel. Und bei Texten aus dem Internet.

„Warum ich keine Kinder will“, „Warum ich unbedingt Kinder will“, „Warum ich nur vier Tage die Woche arbeite“, „Warum ich gar nicht arbeite“, „Warum ich Monogamie richtig finde“, „Warum Polygamie zu meinem Mantra geworden ist“, „Warum ich diesen Text schreibe, „Warum ich diesen Text nicht schreiben sollte – es aber trotzdem tue (Ätsch)“.

Zu jedem Problem gibt es einen Text. Das nervt. Wir sind über 80 Millionen Menschen in diesem Land. Ich habe keine Zeit und keinen Bock, jede Einzelne davon im Internet nachzulesen.
Vielleicht bin ich aber auch ein verkappter Spießer. Einer der denkt, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben sollte. Der findet, dass Modebloggerinnen zumindest von einem Fashion-Hintergrund profitieren, bevor sie über die Branche schreiben. Dass Youtube-Stars sich aus dem Syrienkonflikt raushalten sollten, wenn sie sonst hochbeschäftigt sind, Produkte von amerikanischen Konzernen in die Kamera halten. Selbst dieser Ich-Text ist mir peinlich, obwohl ich mein Handwerk gelernt habe.

Wo Menschen eine Plattform bekommen, da sollen sie sich austoben. Wo Kunst gemacht wird, da offenbart sie ihre schlechte Seite. Wir sollten die Meinungsfreiheit nicht beschneiden, sondern den Mitteilungsdrang der Menschheit in Relation setzen. Auf Dauer können wir so nicht glücklich werden. Jeder hat bald in erschreckender Geschwindigkeit Alles zu Allem gesagt. Und was kommt dann?

Professionell Schreibende müssen sich mit dem, was der Leser will, beschäftigen. Zumindest, wenn sie damit Geld verdienen wollen. Wer sich ernsthaft mit dem Berufsbild auseinandersetzt, versteht, dass Schreiben ein Kompromiss zwischen persönlichem Geschmack und den Erwartungen des Lesers ist. Aber was passiert, wenn diese Komponenten rapide undurchsichtiger werden?

Dass das Internet für unerkannte Talente einen neuen Weg der Veröffentlichung bereithält, ist selten ein Vorteil. Viele interessante Projekte wurden mithilfe des Internets verwirklicht und sie haben ihre Abnehmer gefunden. Die erschreckende Mehrheit hat aber keine Ahnung, was sie auf der digitalen Bühne soll. Der gemeine Leser kommentiert mittlerweile nur noch so: „Toll geschrieben!“ – „Das Beste, was ich je gelesen habe.“ – „Du sprichst mir aus der Seele!“
Dass nicht jeder Blogpost eine Offenbarung sein kann, nunja: Das Internet ist und bleibt das Land der Superlative. Dennoch verlieren wir den Überblick darüber, was wir wirklich als bemerkenswert empfinden.

Jeden Tag lese ich Texte zum Burnout, zum unterdrückten Kinderwunsch. Diese kommen zu oft nicht von Berufsschreibenden oder Experten aus dem jeweiligen Geschäftsbereich – sie kommen von Menschen, die nichts über Stil und Dramaturgie gelernt haben. Die vielleicht innerhalb von Tagen entschieden haben sich einer Bewegung anzuschließen und bedeutungsschwanger darüber schreiben. Die betrunken mit ihren Mannschaftskollegen diskutieren und meinen, ihre Weltsicht würde die Welt wirklich interessieren.

Mich langweilt das. Dabei erachte ich „Depressionen“, „Flüchtlingspolitik“ und „Europa“ als wichtige Themen für die Gesellschaft. Aber es wurde zu vielen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich öffentlich zu äußern. Mittlerweile kann ich nicht mehr an der Überschrift erkennen, ob ein Artikel mir Mehrwert bietet: Sie klingen alle gleich.

Neulich wollte ich ein Plädoyer für Europa schreiben, weil ich auf diesem Kontinent herumgereist bin. Aber ich kann mich ja selbst nicht mehr hören. Ich bin gehemmt, weil ich gute Qualität nicht mehr als solche erkennen kann. Die Parameter zu Stil und Handwerk sind im Internet verschoben; Spannendes wird schnell zum Banalen. Und Texte mit orthografischen Fehltritten machen heute die Headlines.

Ich frage mich, ob ich in einer Branche arbeiten will, die sich selbst nicht ernst nimmt. Die Buchverträge aufgrund eines erfolgreichen Tweets verteilt, während sie auf ihrer Website dringend davon abrät, sie überhaupt zu kontaktieren. Sie haben ja alle so viel zu tun. Die buchstäblich ihren Darm ohne besonders viel Charme verkaufen – aufgrund der Klickzahlen eines einzelnen Youtube-Videos.

Wir alle profitieren davon, dass wir uns am Internet beteiligen dürfen. Momentan überwiegt der Nonsens. Wenn Autoren und Autorinnen sich deswegen überhaupt nicht äußern, aus Angst, dass ihr Thema bereits von allen Seiten bespielt wurde, dann wird die publizistische Landschaft zur Steppe. Wir sollten wieder für gute Texte kämpfen. Mit allen stilistischen Mitteln.

P.S. Die Groschenphilosophin hat vor mir zum Thema geschrieben. Sehr bemerkenswert.

P.P.S. Fotoquelle