Brexit: Europa verliert seine Leber



Europa wird für viele Länder zu einer Entscheidung. Zu einer finanziellen Belastung, einer Chance, auch zur Verantwortung gegenüber mehreren Partnern. In vielerlei Hinsicht ist Europa eine große Familie. Wo bleibt bei aller Polemik das Gefühl?

Ich habe drei Jahre in London studiert. Um ein Haar wäre ich dort geblieben. Damals habe ich von den Cuts an den Universitäten mitbekommen, schon damals ging es darum, wie ein Leben in England möglich sein soll, wenn die Einwanderer kommen und immer weniger Lohn verlangen. Jetzt wollen die Briten uns den Rücken kehren; ich fühle mich verlassen. Ein Europa ohne sie wäre nicht dasselbe.

Jedes Jahr fliege ich mindestens zwei Mal nach London. Ich trinke literweise Schwarztee mit Milch und Zucker, gehe mit Freunden auf früh endende Pub Crawls, weil wenn die Engländer eines nicht können, dann ist es ihren Alkoholkonsum mäßigen. Samstags kaufen wir uns beim Tesco’s Chips und Cheddar, um uns Jamie Oliver Kochshows reinzufahren und dabei dumme Kommentare abzugeben. Es sind meine Freunde, die ich besuche. Und die sind nicht nur Nebenprodukt meines Shoppingwahns; sie sind der Grund, warum ich herkomme.

Zu meinem erweiterten Freundeskreis in London gehören Portugiesen, Deutsche, Italiener, Spanier und Polen. Sie haben sich in den letzten Jahren ein Leben in Europas verrücktester Stadt aufgebaut. Sie sind verheiratet, haben Häuser gekauft, wohnen noch mit Anfang 30 in einer Schuhbox in Shoreditch und zahlen die Miete für eine Schuhfabrik. Aber das ist okay, so war London immer, es gibt viel zu verlieren und viel zu gewinnen. Geld ist es nicht.

Wenn ich meine englischen Freunde frage, warum sie aussteigen wollen, sagen sie, dass sie „tired“ sind. Von Brüssels undurchsichtigen Entscheidungen, von den Zahlungen an andere EU-Länder, die ihre Finanzen nicht im Griff haben. Sie haben Angst vor Terrroristen und refugees. Schon bald, wenn das Referendum durchgeht, wird es um die Zölle gehen, um die Stärke des Pfundes, aber auch um die uneingeschränkte Reisefreiheit unter EU-Bürgern. Und da wird es dann schnell persönlich.

Ich glaube, wenn es eine Chance gäbe, mir ein Leben wie dieses noch mal leisten zu können – nach meinem Studium sind die Mieten konstant gestiegen und die Löhne gesunken – ich würde zurückkehren. London ist ein Ort, an dem sich niemand fragen muss, ob er etwas verpasst. Wer in London ist, der trifft das fucking Leben. Dabei war ich als Student nie in teuren Clubs oder Restaurants. Im Gegenteil, wer in einem einfachen Caff isst oder Billigbier im Pub um die Ecke bestellt, ist genauso angekommen, wie jeder Anzugträger. Vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Zwar hat ein Schengen-Abkommen mit Großbritannien nie existiert, aber es sieht danach aus, als würde unsere Reisefreiheit auf die Insel eingeschränkt werden. Wen wundert das, wenn uns nichts mehr verbindet, als eine Postleitzahl auf demselben Kontinent? In dem Europa, das wir haben, bestünde die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben. Ohne den lästigen Papierkram, der jede Liebe ernüchtert. Steigt Großbritannien aus, ist das Europa, in dem wir leben, ein anderes. Und ich weiß nicht, ob ich es je wieder so lieben kann, wie zuvor.