Casa, reditti, dignitá: Das Ende einer Hausbesetzung in Modena

Es regnet in Modena, wie so oft in diesen Tagen, nur dann und wann hört man ein Paar Lackschuhe auf dem Pflaster. Das Zentrum ist abgesperrt, schwarzblaue Vans blockieren die Eingänge auf den Hauptplatz des centro storico, versperren jeden Blick auf den Piazza del Duomo. Kein Tourist will heute dorthin, es ist Mai, es ist Regen, die Geschäfte machen sich langsam bereit für die pausa pranzo, die Mittagspause. Die letzten Carabinieri stellen sich in Position, schmeißen ihre Zigarettenstummel in eine Regenpfütze.

Einige Meter weiter, in der Via Sant Eufemia, steht ein beigefarbenes Haus. Farbe blättert von den Wänden. Es ist abgesperrt, jetzt, nachdem die 60 Hausbesetzer, darunter viele ausländische und italienische Familien, fortgebracht wurden. Es gibt für die etwa zwanzig Aktivisiten, die sich auf der anderen Seite versammelt haben, keine Chance einzugreifen. Die Fensterläden stehen weit offen, und wenn man ganz nahe am Eingangstor vorbeihuscht, sieht man, dass im Innenhof eine bunte Girlande hängt, sieht man, dass eine Treppe zu den Wohnungen führt, die weder mit Elektrizität noch Möbeln ausgestattet sind.

60 Betroffene, die seit Monaten in dem Haus leben, wurden heute morgen zu den Servizi Sociale gebracht, dem Sozialamt, um dort die Hilfe zu bekommen, die ihnen seit Monaten verweigert wurde. Ob ihnen eine Alternative als Obdach gestellt wird, ist ungewiss. “Es gibt so viele Wohnungen, die in Modena leerstehen“, sagt Pierre, einer der linken Aktivisten der Organisation Spazio Guernica. “Diese Menschen haben durch die europäische Krise ihre Wohnungen und ihren Job verloren, jetzt stehen sie praktisch auf der Straße. Das passiert überall in Europa, jeden Tag.”

Die Carabinieri sind in Position, an die 50 Beamte der Polizia und Polizia munipicale wurden aus dem Umland abgezogen, mit Helmen und Schutzschild stehen sie den jungen Aktivisten und Studenten gegenüber, die regelmäßig das Megaphon in die Hand nehmen, um ihre Parolen zu skandieren. “Casa, redditi, dignitá!”, (“Heim, Lohn, Würde”) schallt es über den Platz und vereinzelt klatschen die Menschen, die sich hier versammelt haben. Pierre sagt, der wichtigste Spruch der Organisation sei aber folgender: “Troppi personne senza casa, troppi case senza personne.” (“Zu viele Menschen ohne Haus, zu viele Häuser ohne Menschen.“) Leerstehende Immobilien würden weder für Italiener noch für Migranten oder Flüchtlinge bereitgestellt.

Pierre redet sehr schnell, seine Hände tanzen durch die Luft, sein Blick trifft nur durch Zufall sein Gegenüber und als sich ein paar Journalisten für ihn interessieren, wird er laut, so dass jeder ihn hören kann. “Wir hätten heute gerne mehr bewirkt, aber die Modenesi (Einwohner Modenas) sind viel zu ignorant, um sich dieser Sache anzunehmen. Und wir alleine sind nicht genug.”

Die Aktivisten haben ein Plakat gemalt, sind bereit zum Gebäude der Servizi Sociale zu gehen. Die betroffenen Familien hatten sich aus lauter Verzweiflung, weil sie nicht vom Staat angehört wurden, an die Aktivisten gewandt. Diese besorgten Decken und Matratzen; sie stehen seit Monaten in Kontakt. Dennoch wurde ihnen die Vermittlung zwischen der Stadt Modena und den Betroffenen untersagt. Es gibt hier nicht viel, dass die jungen Menschen tun können, außer unter einem Pavillon zu stehen und zu warten, dass der Tag sein Ende findet. Nicht viel zu tun, außer in den Regen zu starren und mit den Familien zu sprechen, die die Prozedur mit den Sozialdiensten bereits hinter sich haben.

Der Regen wird jetzt mehr, er rauscht über das Kopfsteinpflaster, die Demonstranten machen sich auf, gefolgt von Journalisten, die gelangweilt den Kopf auf ihr Handy senken. Als der Platz wieder leer ist, zünden sich vereinzelte Carabinieri eine Zigarette an. Einer nimmt den Helm ab, schüttelt sich den Schweiß aus dem Haar. Es ist pausa pranzo, Mittagspause, sein Job ist beendet. Jetzt liegt das Schicksal der Hausbesetzer in den Händen des Sozialamts.