So schön Durchschnitt

Ich brauche den Durchschnitt. Den, der an die Nordsee fährt und nicht auf Sauftour nach Bukarest. Der Monate vorher seine Reisen bucht. Für den Guacamole ein Feiertagsessen aus fernen Kulturen ist. Der sich mit seiner Arbeit zufriedengibt. Seinen Chef trotzdem hasst. Der sich nicht dauernd abgrenzen muss, nicht dauernd verwirklichen. Er liest Zeitung, wenn andere sich von ihrer App diktieren lassen, wie viele Kilometer sie vor der Arbeit laufen sollten. Er lacht über Snapchat. Und er hat recht.

Klingt konservativ. I know. Ich schreibe “I Know”, weil “Ich weiß” schon lange abgenutzt ist. Ich kann nicht anders. Ist in mir drin. Neulich habe ich versucht, für ein paar Stunden mein Handy zur Seite zu legen. Hat nicht geklappt. Alles um mich herum so langweilig. Brauche im Sekundentakt Nachrichten. News. Scheißegal, was. Wenn mein E-Mail-Postfach nicht nach zwei Stunden überquillt, fühle ich mich wertlos. Fühle ich in dieser Gesellschaft nicht angenommen. Bin raus.

Gut so. Ich bin ja auch voll anders. Ätsch. Lasse mich nicht geißeln von gesellschaftlichen Konventionen. Dada, motherfucker. Heute bleibe ich bis eins in der Nacht auf. Krass. Mache ich morgen mit Leistung wett. Mit meinem frischen Wesen. Meinem roten Lippenstift und grünem Baumwollkleid. Dann trinke ich Sojamilch und erkläre denen, die es nicht hören wollen, warum.

Ich bin wieder bereit. Für den Durchschnitt. Alles so hyper, hyper. Bis wir zusammenbrechen und zu einem großen, braunen Brocken zusammenschmelzen. Dann wird die Stunde der Durchschnittlichen kommen. Sie werden an ihrem Frühstückstisch sitzen mit ihren Zeitungen. Sie werden aus ihrer Tasse, die sie von ihrer Urgroßmutter geerbt haben, ihren schwarzen Kaffee schlürfen; werden – durchschnittlich, wie sie sind – keinen schlauen Spruch für uns parat haben. Sie werden nicht über den braunen Brocken lachen oder einen Blogpost schreiben. Sie tun weiter das, was sie die ganze Zeit getan haben. Durchschnittlich sein. Sie werden uns erlösen.