Die Ausgestoßenen – Eine Wahlanalyse

Es ist Herausforderung, Mensch zu sein. Wir sehen uns unzähligen Ereignissen ausgesetzt, wir werden ständig beobachtet, in den sozialen Medien und an jeder Straßenecke – wir sehen uns an den anderen nicht mehr satt und hungern ständig nach Aufmerksamkeit. Dies ist ein Resultat der Homogenisierung des Einzelnen; der Versachlichung aller Dinge. Einzig der tragische Seelentod scheint uns sicher. Erich Fromm hat diese in seinem Buch Furcht vor der Freiheit eindrücklich beschrieben. In wenigen Sätzen erklärte er den Erfolg von Schlagern und Hollywoodfilmen: Der Mensch dürste auf der Leinwand nach dem, was ihm im richtigen Leben fehle. Spontaneität. Impulsivität. Menschlichkeit.

Diese versucht der Mensch sich nun zurückzuholen. Durch verschiedene Dogmen der Individualisierungsbewegung: den Veganismus, alternative Beziehungsmodelle oder die Wahl einer Partei, die einen Ausweg aus dem Kollektiv verspricht. Denn jeden Tag wartet auf den sozialen Plattformen der nächste Eklat, um den der mündige Bürger sich kümmern muss. Immer wieder tauchen neue Ziele auf, die er sich herauspickt. Nichts ist je fertig. Zunächst war da der Austritt des Euro, dann die Einwanderung. Unmöglich scheint nichts in dieser in jeglicher Hinsicht barrierefreien Welt. Wir alle sehnen uns nach Entscheidern, die uns Sachverhalte simpel erklären. Das ist der Hintergrund einer (post-)industriellen Gesellschaft, deren Hauptidentifikation ihre Arbeitskraft ist.

Dabei sind die Ausgestoßenen die, die uns eine Aufregung, einen Aufbruch aus dieser Misere versprechen. Erich Fromm sah 1941 darin den Faschismus begründet. Auf diesem Nährboden lässt sich heute das Phänomen der AfD und der PEGIDA erklären, das sich bundesweit ausbreitet und nicht nur als Problem einer unteren Gesellschaftsschicht fungiert. In einer Welt, in der Youtube-Channels und Reality-Shows den Ton angeben, leben wir nur für unseren Lichtmoment. Dumm nur, wenn dieser an Montagabenden in Dresden stattfindet.

Die Medien spielen eifrig mit, sie zerreißen jeden daneben gelaufenen Kommentar, es werden Hashtags erfunden und alles ins Lächerliche gezogen. Opfer sind auch die Repräsentanten und Wähler der AfD, also jene Akademiker, denen der Intellektuellenstatus in der Informationsgesellschaft aberkannt wurde. Sie fühlen sich zurückgedrängt und auserzählt. Denn ist es nicht so, dass heute jeder von uns Zugang zu einem Studium, oder zum Internet hat? Ihr glorreicher Moment in der Geschichte ist vorüber.

Neben der Entmachtung der intellektuellen Klasse sucht sich die Arbeiter- und Angestelltenschicht den Nervenkitzel im politischen Populismus. Sie sind vielleicht arbeitslos, geschieden, unwichtig im sozialen Konstrukt geworden. Sie üben einfache Berufe aus. Für sie gibt es keinen Platz mehr, weil sie nichts zu bieten haben, das in der schillernden Welt, in der wir leben, von Interesse ist. Nicht umsonst ist der Nachwuchs für normale Ausbildungsplätze schwer zu finden.

Jeder will etwas Besonderes sein. Wie Sven Hillenkamp in seinem Buch „Negative Moderne“ beschreibt, verzweifeln wir daran, in einer Welt zu leben, in der jeder alles schaffen kann, und viele dabei kläglich versagen. Daher lassen PEGIDA-Anhänger ihren Hass vor der Kamera raus, daher posten AfD-Funktionäre auf Facebook ihre rassistischen Posts. Ihnen genügt es, gesehen zu werden. Mehr noch; sie sind der Toleranz verdrossen geworden und erbauen sich am Erzkonservativen. Wo der Mensch zu lange von der Leine gelassen wurde, sehnt er sich wieder nach Grenzen. Oder so treffend nach Sven Hillenkamp: “Die Freiheit ist ein strukturelles Apriori aller politischen und moralischen Richtungen (…) Die Rigidität hat einen Vorzugsplatz im Reich der Freiheit, nur ist es nicht mehr die Rigidität der Anderen, sondern meine.”

Wir sehen es an den Trash-Formaten, die an Zulauf gewinnen. An den Reality-Shows, in denen IT-Girls am Fließband produziert werden. Leistung ist Mangelware. Das ist der Grund, warum die AfD sich in Schulen an preußischen Werten orientieren will, denn die Regeln in dieser Welt sind außer Kraft gesetzt. Uns bleibt nur, so Sven Hillenkamp, der Sturz ins Nichts. Als Identifikationsfiguren biedern sich Lutz Bachmann und Kathrin Oertel geradezu an. Einfache Gestalten, die das scheinbar einfache Volk repräsentieren.

In WG-Küchen wird derweil “Vielfachehen-Schröder” oder “Kettenraucher-Schmidt” mit Nostalgie beäugt. Eine Jugend, die sich wieder nach alten Führern sehnt – es ist eine Welt, in der Prozesse beschleunigt werden. In der jeder mitreden kann. Einer ernsthaften Prüfungskommission würde keiner von ihnen standhalten, aber einer halbwegs fundierten Facebook-Diskussion. Das ist die neue Währung, in die wir einzahlen müssen, wenn wir in dieser Welt bestehen wollen.

Wir haben Strategien entwickelt, um mit dieser Angst umzugehen. Der Eine, in dem er Gutes für die Welt tut, der Andere, indem er sich durch Hass ernährt. Unser Zusammenleben ist gespalten. Wer die anderen nicht beeindrucken oder zumindest verärgern kann, besitzt in der heutigen Zeit keine Relevanz. Wir stürzen in ein schwarzes Loch und greifen nach der Hand, die uns nach oben reißt. Es lohnt sich mehr denn je, zu prüfen, aus welcher politischen Richtung sie kommt.

Quellenverzeichnis:

Negative Moderne, Sven Hillenkamp, Klett-Cotta Verlag 2016
Furcht vor der Freiheit, Erich Fromm, Deutscher Taschenbuch Verlag, 18. Auflage, 2013