Was wir PEGIDA entgegen setzen können

Der PEGIDA-Anhänger fühlt sich unverstanden, fühlt sich als Retter dieser Welt. Ist er es doch, der die Wahrheit in die Gesellschaft hinaus posaunt, der sich – wagemutig gegen alle Wellen des Widerstands – auch an verhassten Montagabenden auf der Straße versammelt. Der den Großen zeigt, was er wirklich von ihnen denkt. Und er hat recht.

Was haben wir falsch gemacht? Wir, die Gutmenschen, die links versiffte Biogesellschaft. Wir, die ihr Sofa mehr lieben als den dreckigen Asphalt vor Deutschlands Ämtern. Es lohnt ein Blick in unseren Alltag.

Ja, wer sagt denn von uns noch die Wahrheit? Wer von uns übt in Freundschaften noch ehrliche Kritik? “Ich komme eine halbe Stunde später”, kriegen wir da zehn Minuten vor dem Treffen per WhatsApp ins Gesicht gedonnert. Und antworten mit einem herzlichen, aber bestimmten: “Ach, kein Problem. Ich warte doch gerne.”

“Entschuldigung, dass ich Ihnen auf den Fuss getreten bin”, wird uns da so lapidar vorgetragen, dass wir gar nicht anders können, als – anstatt dem Tretenden die fieseste Krankheit an den Hals zu wünschen – ihm ein freundliches: “Tut gar nicht weh!“, entgegen zu halten.

Wer stellt sich denn noch dem cholerischen Chef, der die jüngeren Kolleginnen begafft wie dreißig Kilo Hackfleisch – trotz seiner Angst vor dem grassierenden Stellenabbau?

Und wohin all’ die Nächte, in denen Frau Meyer mir ins Gesicht sagte, dass sie mein Partyverhalten zum Kotzen findet, ohne gleich die Polizei zu rufen? Als an Supermarktschlangen nicht erst der Letzte in der Reihe mit Schmackes nach vorne rotzte: “Machen Sie doch mal ‘ne andere Kasse auf. Ich hab’ noch was vor!”

Jahre ist es her, als wir unsere Onkel und Tanten mutwillig über Frauenrechte diskutieren hörten, während unsere Großeltern die Trümmerhände über dem Kopf zusammenschlugen. Jahrzehnte ist es her, dass echte Politik auch mal bedeutete: “Mit Verlaub, Herr Präsident. Aber Sie sind ein Arschloch.”

Heute lassen wir Mandelmilch trinkende Maxi-Cosi-Mütter an uns vorbei tänzeln, obwohl ihre plärrenden Blagen uns im nächsten Moment gegen das Schienbein treten. “Josef-Maria-Samuel, darüber müssen wir diskutieren!”, wird dann dem unerzogenen Blag nahegelegt. (Und wer von uns will in einer Gesellschaft leben, in denen mit Kindern diskutiert wird?)

Es ist eine eigenartige, eine kalte Welt. Niemand sagt die Wahrheit, niemand lässt Emotionen frei. Es sind warme Zeiten für die, die jetzt Feuer legen, die Handgranaten schmeißen; für die Hintermänner der PEGIDA-Fraktion und der AfD. “Endlich sagt’s mal einer”, wird zu ihrem traurigen Leitspruch. Weil wirklich keiner mehr irgendetwas sagt.

Was können wir tun? Jetzt, da nicht mal eine Handgranate uns hinter unserem kuscheligen Bildschirmfeuer wegreißt? “Ey, da wollte ich sitzen!”, rufen, wenn jemand den begehrten Platz in der S-Bahn klaut. “Schatz, ich habe dich betrogen“, beichten, bevor das Handy drei Wochen später von alleine erzählt.

Wir müssen die Wahrheit in die Mitte der Gesellschaft tragen.“Endlich sagt’s mal einer”, wird ab heute unser linksgrün versifftes Mantra sein. Tag für Tag und nicht erst, wenn es zu spät ist. Dann sagen nämlich so viele Wahres, dass uns diese Argumentation aus der rechten Ecke erspart bleiben wird. Fangen wir im Kleinen an. In Cafés, in Schulen, an Tankstellenkassen. Treten wir in einen ehrlichen Diskurs. Je mehr Leute sagen, was sie denken, desto friedlicher wird das Zusammenleben sein. Lassen Sie es raus, Sie Arschloch. Aber mit Verlaub.