Europa – ein Fest fürs Wesen



Angela Merkel hat den Gastarbeitern aus Italien, Griechenland und der Türkei für ihre Hilfe am deutschen Nachkriegswunder gedankt. Auch meine Familie ist davon betroffen. Wir sind Teil der postmodernen, europäischen Geschichte. Eine Liebeserklärung.

Ich bin vor sechs Monaten in das Land meines Vaters gegangen. Ich habe Antworten gesucht und viele Fragen gefunden. Ich bin mehr Deutsche, als es mir lieb ist. Meine Disziplin, die für viele Italiener eine Beleidigung ist, steckt tiefer in meiner DNA, als ich es vermutet hatte. Ich bin deutscher Spießer. Ich will vorher wissen, wie viele zum Abendessen kommen. Einen Teller dazustellen und die Pasta strecken? Eher setze ich Schengen außer Kraft.

Ich habe viel dazu gelernt. Zum Beispiel, dass Rechnungen in Italien nie getrennt bezahlt werden. Einer zahlt für alle. Ausnahmen bestätigt der Pegel. Wein ist eine Aufforderung, keine Entscheidung. Zumindest, wenn mehr als zehn Leute am Tisch sitzen. Das passiert ziemlich oft. Nicht auszuhalten, diese stundenlangen cenas, ergo Abendessen, bei denen sich wiederum nur übers Essen unterhalten wird. Die hitzige Nähe, die der Italiener seinen Mitmenschen aufzwingt, ist ein Graus für unterkühlte Norddeutsche. „Wo steckst du schon wieder?“, ruft Zia mich aufgeregt an, wenn ich länger auf der Arbeit bleibe.

Italienische Beziehungen sind von Tradition geprägt. Ich kenne wenige Frauen, die ohne ihren Freund das Haus verlassen. Eifersucht ist kein Problem, sondern das Fundament einer gesunden Beziehung. Hochzeiten erfreuen sich noch immer einer großen Beliebtheit. Celentano Imitatoren säuseln dann zu billiger Keyboardmusik ins Mikro. Patchwork und Veganismus sind im Kommen, bleiben aber Rarität, während in Berlin die Brühe wiederentdeckt wurde. Der Kontinent ist sich uneinig.

Ich schwimme in Wellen, die ein dunkles Geheimnis in sich tragen. I am in trouble, in bisogno d’aiuto. Mir steht alles offen. Ich habe in London studiert und in Frankfurt gelebt. Meine Wurzeln liegen in Neapel. Ich verbringe Wochenenden in Barcelona und Istanbul. Ich stehe für nichts und alles. Ich liebe drei Männer in drei Ländern. Einen liebe ich besonders. Der weiß, was es bedeutet, Europäer zu sein. Ist in Spanien aufgewachsen und schafft es nie pünktlich zur Arbeit. Den Zug würde er regelmäßig verpassen, wenn die Deutsche Bahn nicht auch eher einer südländischen Organisation zugewandt wäre. Ich habe eine Freundin in Bukarest, die in drei Jahren drei Mal das Land gewechselt hat. Bald will sie nach Island. Manchmal bezweifelt sie, nur in einem Land geboren zu sein.

Wir werden die neuen Helden der Luftfahrt sein. Astronauten der Interkulturalität. Wir buchen Easyjet und Ryanair, fliegen mit SAS und British Airlines. Europa, wir sind deine Kinder. Deine Geschichte und deine Zukunft. Wir haben Bahnhöfe mit Teddys geflutet, als du deine Grenze geöffnet hast. Wir haben WG-Zimmer und Eramus-Programme mit unseren (Alkohol-) Fahnen geschmückt. Wir wachsen bilingual auf, wir wissen; was ‘Bier’ auf fünf verschiedenen Sprachen heißt. Die harte Arbeit unserer Väter ist die Basis unserer Leichtigkeit. Das wird uns in wenigen Jahren zwar zum Verhängnis werden. Aber wir sind Europäer. Wir haben uns bis jetzt aus jeder Scheiße wieder rausgezogen.

60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland. Das war in unserer Familie lange kein Thema. Bis ich in die Schule kam und die Lehrerin meinen Namen nicht aussprechen konnte. Heute spreche ich mit Giovanni, der beim LIDL Regale einräumt, über die korrupte, italienische Politik. Im Sommer gehe ich für ein paar Monate zu meiner Freundin nach Bukarest. Wir werden die Polarlichter über Reykjavík verfluchen. Und zusammen ein bisschen einsam sein.