Mein Grundschulfreund, der Nazi


Lieber F.,

es ist lange her, dass wir uns gesehen haben. Jetzt sehe ich nur noch Updates auf deiner Pinnwand. War es schön in Oberbayern? Wie weit bist du mit deinem Gemüsegarten? Bist du immer noch in einer komplizierten Beziehung?

Wenn ich deinen Namen in meiner Timeline sehe, denke ich an vergangene Herbstnachmittage. Jene, in denen wir mit dem Fahrrad in den Wald gefahren sind, um eine Butze aus herumliegendem Holz zu bauen. Ich erinnere mich daran, wie ich bei dir schlafen wollte und meine Mutter mich nach einem Heimwehanfall abholen musste. Du hast nur drei Häuser weiter gewohnt.

Ich weiß, dass du die gelben Haribo Bären lieber magst als die Roten. Das hat dich zu einem Ehrengast auf Kindergeburtstagen gemacht. Dein Ranzen war meist dreckig, aber du konntest ihn immerhin am weitesten von uns in die Pfütze werfen. Die Postkarten, die deine Eltern dich zwangen mir aus Teneriffa zu schreiben, liegen in Kartons im Keller meiner Eltern. Wäre es nach uns gegangen, hätten wir uns nach den großen Ferien nur einen Handschlag gegeben. Wir hätten gesagt: “Und was machen wir heute?“ Wir haben nie zurückgeschaut.

Was ich in letzter Zeit von dir gelesen habe, macht mich wütend. Du hast den Edathy-Status von Jan Leyk geteilt, die Focus-Artikel, in denen die Flüchtlingskrise zu einer Invasion umgeschrieben wird. Du hast dich an einer Online-Petition gegen “Masseneinwanderung” beteiligt und die PEGIDA-Seite geliked. Mein Vater war selbst kroatischer Flüchtling und ist Jahre später als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Du hast mit ihm jeden Mittwoch Spaghetti gegessen; weißt du noch, wie du deine Hose bekleckert hast und er sie waschen und in den Trockner stecken musste, damit du zuhause keinen Anschiss bekamst? Du hättest es besser wissen können. Aber du hast dich dagegen entschieden.

Ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir haben uns jeden Tag in der Schule gesehen. Wann haben dich die Lehrer dieser Welt in die rechte Ecke gestellt? Du hast immer noch zwei Bleistifte aus meinem Etui, die du mir im Sommer ’92 zurückgeben wolltest. Du hast noch immer meine Peter Pan CD, die du mittlerweile wohl juristisch ersessen hast. Du konntest jedes Disneylied auswendig. Jetzt schaue ich auf deine Pinnwand und weiß nicht mehr, wer du bist. Dabei warst du mein Sitznachbar in der Grundschule. Vier Jahre lang.

Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war. Es tut mir leid, dass ich dir nicht das Gefühl gegeben habe, dass du in dieser Welt einen Platz verdient hast. Vielleicht hätte das rechte Gedankengut sich niemals in deinem Herzen einnisten können. Es tut mir leid, dass ich dir nicht zugehört habe, als du vom Streit deiner Eltern erzählt hast. Wir waren Kinder, ich wollte keine Konflikte; auch ich hätte es besser wissen müssen. Meinen Kindern werde ich es mal so beibringen: „Behandelt eure Freunde anständig – aus ihnen könnten Rassisten werden.”

Ich werde dich bald anrufen. Ich will wissen, was in dir vorgeht. Die Festnetznummer deiner Eltern weiß ich noch auswendig. Erinnerst du dich an meinen Hamster Speedy? Er ist damals an einem Tumor gestorben. Heute ist die Welt genauso schrecklich. Und ich muss mit dir sprechen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.