Veritaristan

Früher habe ich meinen Vater bewundert. Er hat dir immer ins Gesicht gesagt, was er denkt. Wenn ich ihm zum Beispiel einen Kinogutschein zu Weihnachten geschenkt habe, weil er so gerne Filme schaut, hat er gesagt: „Mag ich nicht. Ich will lieber Rasierwasser. Sage ich euch jedes Jahr. Ist das denn so schwer?”

Ich bin nach Italien gegangen, weil ich in einem Land leben will, in dem Ehrlichkeit noch eine Tugend ist. In der Notlügen, die little white lies, verpönt sind. In der ich sagen darf: “Ich mag dich nicht; ich will heute nicht; wie hast du das denn jetzt gemeint?”

In Deutschland ist der Wind der Ehrlichkeit in einen Orkan der Harmonie umgeschwungen. Diskussionen werden beschwichtigt, wenn einer zu laut wird. Wir werden heruntergeregelt mit moralischer Überlegenheit. „Man muss das doch sachlich klären können”, sagen die neuen Weisen.
“Man muss”, ein Relikt aus der Jugend unserer Eltern. Wir haben uns nie emanzipiert.

Niemand ist böse aufeinander, niemand schreit sich an. “Kann ich verstehen” – das Mantra unserer Generation. Heute leben wir in Zeiten der Überreglementierung. Wir filmen uns bei jeder Peinlichkeit, stellen Fotos eines abgelaufenen Joghurts vom Edeka ins Netz. Alles muss seine Ordnung haben. Fürs Fehlermachen haben wir keine Zeit. Man muss halt. Außer am Wochenende.

Wenn du einen Italiener fragst, ob er Lust hat mit dir was trinken zu gehen, eröffnet er dir ein Stakkato an Entschuldigungen. Er sagt dir, wie leid es ihm tut, aber er habe noch so viel zu tun. Und dann ist da noch diese ganze Arbeit, Herrgott diese verfluchte Arbeit, die bringt uns alle noch mal um. Eine Absage kommt einem Schuldeingeständnis gleich. Das erlaubt ihm sein Stolz nicht.

Wenn ich von der Arbeit komme, will ich auf dem Bett liegen und lesen. Will dumme Serien gucken, manchmal schreibe ich Tagebuch, um die Dinge rauszulassen, die mich bewegen. Für diese Stunden der Selbstmeditation musste ich hier Glaubenskriege führen. Ich musste kämpfen. Alleinsein ist ein Kriegsverbrechen. Ich müsste mir schon eine verdammt gute Ausrede einfallen lassen, warum ich lieber mit Bücherseiten zusammen sein will, als mit Menschen. Ehrlichkeit ist nicht erwünscht.

Es ist mir ein Rätsel, wie ich das dreißig Jahre lang übersehen konnte. Wie ich das Bild, das ich vom typischen Italiener hatte, jetzt revidieren muss. Ein Traum ist von mir gegangen. Auch hier habe ich nicht die Ehrlichkeit gefunden, die ich mir von dieser Welt erhoffe. Dabei meine ich nicht die schreiende, ungerechte Ehrlichkeit. Manchmal reicht es, dem anderen in die Augen zu schauen und aus tiefstem Herzen und ohne Rechtfertigung zu sagen: „Heute habe ich keine Lust.“ Um mich dann hinter der Buchseite zu verstecken.