Spuren der Migration: Im Hafen von Napoli

„Bring mir keinen Sizilianer nach Hause!“ Das sagte Zio G., bevor ich mich auf die Reise machte. Nach allem, was ich über sizilianische Männer erfahren habe, ist das keine ernstzunehmende Überlegung, aber ein Stück von Sizilien nehme ich mit, ganz sicher. Ich bin auf der Reise, weil ich Migrationsbewegungen verstehen will; weil ich wissen will, warum Rassismus in Italien stärker ausgeprägt ist als in anderen Ländern. Kommt es mir nur so vor?

Als Frau alleine zu reisen ist heute keine Seltenheit mehr. Ich habe jeden Tag bis zu sechs Anrufe auf meinem Handy. Ich überlege eine Meldung rauszugeben: „Liebe Einwohner diverser deutscher Städte, L. ist wohlauf und befindet sich in bester Gesundheit. Bitte sehen Sie von weiteren Anrufen ab.“

Ich treffe viele Frauen, die alleine reisen. Männer, die alleine unterwegs sind, scheinen vor Lebenskrisen wegzulaufen. Mädchen wollen die Welt sehen. Wer alleine reist, muss keine Rücksicht nehmen. Es ist die einzige Zeit im Jahr, wo wir uns treu sind, fernab von Arbeit und Freundeskreis. Wir können tun und lassen, was wir wollen, müssen – getreu unserem Geschlecht – nicht immer nett und verständnisvoll sein, wenn der dreißigste Ragazzo uns fragt, ob er mit uns zum Strand fahren soll. Manchmal braucht es Penetranz, damit Frauen sich zeigen dürfen.

Ich habe vor ein paar Wochen das Grab meines Nonnos besucht. Ich habe ihn nie kennengelernt. Nachdem er mit meinem Vater aus Kroatien nach Italien ausgewandert ist, starb er an Herzversagen. Meine Familie kommt aus Napoli. Wir sind terrone, Erdfresser. Dreckig, laut, unbequem. Neben einem Vulkan geboren, neben einem Vulkan werden wir sterben. Wir leben zum Takt der Verstoßenen, der Unpassenden. Ich musste auf dem Friedhof über einen verschlossenen Zaun klettern, wegen des Ferragosto, dem wichtigsten Feiertag in Italien. Ich habe die Ruhe der Toten gestört, das ist eine Sünde in Italien, schlimmer noch, als billigen Wein zu trinken.

Grenzen überwinden, das ist gerade ein großes Thema in Deutschland. Viele Tausende überqueren die Ihrigen nach Europa, sie alle müssen aufbrechen in ein neues Leben. In Neapel sehe ich wenig von Flüchtlingsströmen. Es sind meist dunkelhäutige Migranten, die Italienisch sprechen und auf den Straßen Armbänder und Selfie-Sticks verkaufen. Sie werden belächelt und nie ernst genommen. Im Hafen von Neapel kommen fast jeden Tag Boote mit Überlebenden an; in Pozzallo, Salerno und Palermo. Auf die Suche nach Auffanglagern mache ich mich vergeblich. Sie stehen weit entfernt von Touristen und Einheimischen, weit entfernt von Menschlichkeit. Wer Menschen in Ketten legt, kann nicht von Freiheit sprechen. Zu viele sind gestorben in unserem Wahn der westlichen Überlegenheit.

Ich habe die Wahl. Ich habe die Wahl, mich zu beschweren und Feuer zu zünden – oder jene aufzunehmen, die es schlechter haben als wir. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Jeder von uns sollte sich auf die Schulter klopfen, dass er in diesen Tagen kein Feuer legt. Was heute brennt, ist morgen Asche. Wir aber bauen innere Häfen aus Stein.

Unser Ende


In jeder Ecke lauert die Erinnerung,
manchmal ist es ein Stück Brot,
eines, wie wir es in Guanabo aßen,
als der Wind mir das Haarband vom Kopf riss
und du hinterher.
Oder in einer Ampel, die grün anzeigt,
eines, wie auf deinem Shirt
mit dem verblichenen Schriftzug,
das ich nicht auf links gezogen habe,
weil ich “alles lese, außer der Waschanleitung”.

In jeder Straße lauert ein Symposium,
über die Art, wie du mich ansahst,
sonntags wenn ich das Streiflicht
in der Süddeutschen gelesen hatte
und unbedingt streiten wollte.
Du lauerst neben mir im Bus,
wenn er scharf abbremst, so wie du
auf der A1, auf dem Weg nach Bremen,
weil du konntest
wirklich überhaupt kein Auto fahren.

Ich schlage ein Buch auf,
mein stiller Feind,
in jedem Eselsohr versteckst du dich,
wie du neben mir kauerst,
das Licht deiner Tage
scheint verächtlich auf meinen Sessel.
Du liegst neben mir, bist stumm.
Lauerst in jeder Erinnerung.
In den Worten, die ich als letztes zu dir sagte:
“Meine Welt ist besser ohne dich.”

Jetzt wartest du in jedem Land,
du schleichst und tanzt um mich herum,
wartest in jeder neuen Stadt,
beraubst mich eines neuen Tun,
weil alles schreit und sehnt nach dir,
nein, außer dieser Pfütze hier,
drin schläft ein Bettler trunken-frei,
wie damals in der Mongolei.
Als du auf Knien vor mir lagst,
bei minus 25 Grad.
Das war unser Ende.