Kiosk 43

Schon seit Wochen gehe ich zu dem Kiosk fünf Straßen weiter. Früher bin ich zu dem Kiosk in meiner Straße gegangen; der mit den Hochglanzzeitschriften. Oder an die Aral Tankstelle, die mit dem Kaffee-Vollautomaten. Seit ein paar Monaten gehe ich zum Kiosk 43, wenn ich Zigaretten brauche.

Zurguk hat den roten Softpack Gauloises nie für mich bereitgelegt. Er nimmt den Hardpack raus, wenn ich den Kiosk 43 betrete, weil der teurer ist, aber er hat jedenfalls eine ganze Reihe an Softpack-Varianten zur Auswahl, aber er vergisst immer den meinen. Zurguk grinst nicht so überfreundlich, wenn ich den Laden betrete, wie der Alte hinter der Theke bei Aral.

Zurguk fragt mich schon lange nicht mehr nach meinem Ausweis. Dabei bin ich nur selten bei ihm, ein oder zwei Mal im Monat. Es scheint ihn entweder nicht zu interessieren, wie alt ich bin, oder er denkt, ich sei alt genug.

Wenn ich früher zur Aral Tankstelle gegangen bin und meinen Ausweis nicht dabei hatte, dann wurde ich von den Menschen in der Schlange zur Seite gedrängt. „Ohne Ausweis, keine Kippen“, hatte der Alte dann immer gesagt und mit den Zähnen geknirscht. Ich wurde dann nach ganz hinten in die Schlange gedrängt, von denen in den langen Mänteln; eine Vergessene im Strudel der Ausweiskontrollen.

Zugruk hat mich nur ein einziges Mal nach dem Ausweis gefragt. Wieder hatte ich ihn nicht dabei, weil ich nie etwas lerne im Leben, sagt mein Vater. „Macht nix, nächste Mal du kannst zeigen“, hatte Zugruk gesagt und ich habe ihm den Ausweis nie wieder zeigen müssen. In Zugruks Laden hängt keine Kamera.

Ich finde, diese überreglementierte Welt, in der wir uns nicht mal mehr in eine Diskussion um vergessene Ausweise verwickeln lassen, wird von der Welt, die es in Kauf nimmt, eine hypothetisch 15-Jährige mit Kippen zu versorgen, um Längen geschlagen.

Das klingt hart. Es klingt unverantwortlich. Aber ich schätze eine Gesellschaft, in der die Ausweise, die Gutscheine und die Nummern nicht wichtiger sind, als meine Worte. Ich will manchmal ungerecht sein und selbstverherrlichend. Ich will mich mit dem Alten beim Aral streiten und sagen: „Mann du Arsch, ich bin jeden zweiten Tag hier und du weißt nicht mehr, dass ich schon lange über achtzehn bin?“ Aber alles was der Alte sagt, ist: „Vorschriften sind Vorschriften.“

Deswegen gehe ich zum Kiosk 43. Ich gehe fünf Straßen weiter, das stresst. Zugruk vergisst mich jedes Mal, jedes Mal vergisst er, dass ich den Softpack will, aber er vertraut mir mehr als jeder andere; er kennt mich besser als einer, der mich an einer frequentierten Kasse zum dreizehnten Mal nach dem Ausweis fragt. Er nickt nur kurz, wenn ich den Laden betrete. Seine Miene verzieht sich nicht vom Überfreundlichen zum apokalyptischen Hass, wenn ich meinen Ausweis wieder vergessen habe. Weil ich nie dazu lerne, sagt mein Vater. Weil ich immer so nachtragend bin, sagt mein Freund.
Und Zugruk? Der reicht mir einfach eine rote Schachtel Zigaretten.

Nichts mitnehmen

Durch die dunklen Gassen kämpfen wir uns, kämpfen uns durch die Hutongs von Peking, verlaufen uns, finden uns wieder. Durch die dunklen Hutongs laufen wir, bis wir in unserem Courtyard ankommen, leuchtet mit tiefroten Lampen; erleuchtet mit Lichterketten und großen Rattanmöbeln. Unser Zimmer ist kalt. Es wird kalt bleiben, fünf Tage lang. Kälte überschattet die Schönheit der Stadt, die Lichter, Bäume, Geschäfte; die schrottreifen Brücken; die verlassenen Hunde und alten Menschen, die in den Hutongs auf Bänken sitzen und auf die Straße rotzen.

Das Essen, die schleimigen Gemüsesorten auf den Tellern, die Skorpione, die Spinnen, die wir unter den roten Lampen probieren, während wir von Menschenmassen durch die Gassen geschoben werden; aus den Boxen kommt laute Musik, kleine Chinesinnen halten uns Armbänder unter die Nase, wir schieben alles zur Seite, essen Skorpione, essen weiter, essen schleimiges Gemüse. Wir halten an. Ich sitze auf der Toilette. Ein kleines Loch in der Erde, immer wieder mit Sagrotan durchgespült, hier ist mein Nachtlager, hier zieht es mich hin, Stunden, nachdem die Pekingente für 198 Yuan in Sauerteig eingewickelt ward, von Gurkenstreifen begleitet, will sie aus meinem Magen.

Ich lese The Good Earth von Pearl S. Buck; eine billig gedruckte Kopie, die Worte sind dieselben, eine arme chinesische Bauernfamilie kämpft sich durch die Hungersnot mit Prostitution, Flucht, Diebstahl. Durch die Hutongs laufen wir, immer schneller, neben uns bremst ein Rad scharf ab, eine Colaflasche rollt über die Straße, ein Kind verliert seinen Schuh und läuft weiter in die Schule. Eine große, laute Glocke ertönt, ein Basketball landet stumpf auf dem Boden.

Unter uns die Mauer, sie ist von Steinen durchbrochen, ein steiler Berghang führt uns hinauf, wir, Edward, Anna und Axel, sie stellen einen Heiratsantrag nach, wir ernten Applaus auf der großen Mauer, die wir nicht erbaut haben; an der wir keine Schuld tragen. Ein Chinese mit dreckigem Gesicht und Ohrenschützern steht auf einer Leiter und will Geld von uns, die Touristen schütteln den Kopf. Wir geben ihm trotzdem ein paar Yuan, er tut uns leid, gefangen in europäischer Naivität wollen wir ihn nicht zur Seite schubsen. Wir tanzen mit einer Reisegruppe auf der Mauer, wir trinken Schnaps, wir übergeben uns hinter Büschen, die uns den Weg versperren. Ein Abenteuer ist das und abends fallen wir todmüde ins Bett und ich falle in das kleine Erdloch.

Draußen windet es, wir laufen durch den Behai North Park, wir streiten uns, ich weine, den ganzen Weg; wir sind weg von der Heimat, nach drei Wochen fehlt mir der Streit, der uns einander näher bringt. Neben uns die Weiden, die im Wind liegen und die schwach beleuchteten Gebäude mit den roten Pfannen und den blauen Zeichnungen. Harmlos fing unser Streit an, wie eine Brise, die den Nacken streift und am nächsten Tag in einem Sturm endet. Die fremde Stadt, die Reise durch drei Länder – der Showdown in Peking ist vorherbestimmt.

Die buddhistische Lebensart ist anders, als wir sie kennen. Der romantisch-lockere Feng-Shui-Sofakissen-Buddhismus wird aus den Angeln gehoben und von Fundamentalisten, die sich vor den goldenen Statuen auf den Boden schmeißen und laut schreien, die ihn um Vergebung bitten, diesen ach so gutmütigen Buddha, die wegen ihm stundenlang im Kreis laufen und Behälter dabei anfassen; von ihnen wird die Religion definiert, wie sie einst gemeint war. Nicht, wie deutsche Sachbuch-Verlage es gerne hätten.

Gestört wird dieses Bild von den jungen Mönchen, den Lamas, die in ihren iPhones nach Facebook-Freunden suchen, während wir uns in Massen durch die Hallen zwängen und den Weihrauch des Friedens einatmen. Auf den Tafeln lese ich, dass sich Lamas für Patriotismus und die Erhaltung des Landes einsetzen; ich habe nie viel gehalten vom hierarchisch geprägten Nationalgefühl, eines, das in Grenzen denkt; ich verstehe nicht, was das mit einer Religion zu tun hat, die sich einer alleinigen Gottheit so strikt verweigert.

Frauen und Männer in zerrissenen Anoraks spielen Kartenspiele auf Mauern, sie spielen GO, es geht darum ein Gebiet unter die eigene Herrschaft zu bringen und ein Blatt fällt auf die Erde. Von oben sehen die weiten Anlagen friedlich aus, eine Frau stellt sich neben mich und will ein Foto mit einer Weißen und ich, ich will Streit. Jenen Saftigen, Lebensverändernden; einen, der bis aufs Blut ausgetragen werden muss. Neben uns knipsen, knipsen, knipsen sie. Die Verbotene Stadt ist zu einem Schlachtfeld mobiler Endgeräte geworden. Welche Dynastie ist so größenwahnsinnig und baut sich eine Stadt, in der ihre Angestellten leben und sterben müssen, weil sie niemand betreten, niemand verlassen darf?

Auf dem Tiananmen Square, der Platz auf dem Mao die Volksrepublik ausgerufen hat, lassen wir die Reise auf uns niedergehen. Verglichen mit dem roten Platz in Moskau sind beides Sinnbilder für die Revolution, die großes Unheil über die Länder brachte. Gefeiert werden soll das und wir schließen uns nicht an. Wir wollen nach Hause, zu Ende gehen muss alles, in unserem Hutong leuchten die tiefroten Lampen und wir stellen uns vor, dass die schwarzen Schriftzeichen darauf „Arschloch“ oder „Hurensohn“ bedeuten.

Wir gehen auf den Straßen voll Hundescheiße und Spucke, biegen ab in den HI-24 Supermarkt, ein Ehepaar hängt über Kassenbons und streitet sich über Zahlen; sie lächeln freundlich, als wir den Laden betreten und wir kaufen nichts. Nichts, das wir mitnehmen können. Aber es ist okay, wir sagen tschüss, wir fliegen, fliegen den ganzen Weg von Peking über Ulan Bator, über Irkutsk und Moskau. Was für ein Leben, was eine Reise. Was für eine herrliche, herrliche Reise.