Welcome to Beijing

Ich hatte geträumt den Zug nach Peking zu verpassen. Mir war der Gedanke zuwider, dass
alles auf dieser Reise mehr oder weniger funktioniert hatte; dass wir jeden Zug erreicht und eher früher an den Bahnhöfen angereist waren, als Stunden zu spät. Wir, die Halbdeutschen unter den Ostbewohnern.

Unser Zimmer im Zaya Guesthouse wurde unerträglich geheizt, die ganze Nacht über, während draußen am Morgen die erschlagende Kälte auf uns wartet. Uns war es nicht möglich auf unserem Trip länger als eine Minute ohne Handschuhe spazieren zu gehen, der Weg ohne Schal, den wir ums Gesicht wickelten, blieb bis zuletzt gefürchteter Untergang.

Wir schaffen es in zwanzig Minuten zum Bahnhof, auch ohne Straßennamen. Was hier zählt, ist ein scharfer Orientierungssinn. Ohne B. hätte ich ihn niemals gefunden. Die hier wartenden Taxifahrer, Kleindealer, Jurtenbesitzer; ihr Geflüster dringt ein in das offene Ohr des privilegierten Reisenden, während der Rauch der Langstreckenzüge ihre Gesichter umgarnt.

In Ulan Bator gibt es keine Gleisanzeigen. Aus Zufall lesen wir auf dem militärisch wirkenden Zug, dass dieser uns nach Peking bringen wird. Im Abteil lernen wir sofort Edward kennen, einen aufgeschlossenen Maltester mit verrauchter Stimme. Er ist der erste Tourist, den wir auf der letzten Etappe unserer transsibirische Reise kennenlernen. Über uns liegt Lee, ein junger Chinese, im Hochbett und isst eine Nudelsuppe. Dabei gibt er unerklärliche Geräusche von sich, die wir höchst erfrischend finden in einer Welt der Überreglementierung.

Als ich meinen Rucksack öffne, um meine Zugklamotten auszupacken und mich umzuziehen – ich trage stets Leggings und Top – bemerke ich, dass ich die Postkarte aus Ulan Bator vergessen habe einzuwerfen. Bis jetzt hatte ich auf jeder Station der Reise an meine Familie geschrieben, aber Briefkästen sind rar in diesem Land. Schnell laufe ich in die Ankunftshalle, aber das Postamt ist geschlossen. Beinahe verzweifelt schaue ich immer wieder auf die Uhr, der Zug wird gleich abreisen. Die Provodnitsa tippt mir auf die Schulter, als ich wieder einsteige. Sie bittet mich ihr die Karten zu überreichen. Ich danke ihr tausend Mal, als sie fünf Minuten später mit leeren Händen wiederkommt und mich warm anlächelt.

Jetzt ist es kurz vor zehn Uhr abends, bald fahren wir über die chinesische Grenze. Nach einer stundenlangen Fahrt durch die verschneite Gobi-Wüste werden wir die Mongolei verlassen. Auch an dieser Grenze werden unsere Pässe streng kontrolliert, ein Schäferhund zieht seine Nase unter den Teppichen der Abteile her. Eine kleine Mongolin in Uniform und Springerstiefeln durchsucht unsere Betten und Koffer. Dann bekommen wir den Stempel.

Ich denke an die Kamel-Kolonne, die noch vor Stunden vor der untergehenden Sonne auf den verschneiten Sanddünen stolziert war. Ich denke an die großen, schwarzen Geier, die auf Holzpfählen saßen und wie angekettet hausten. Fliegen schien für sie nur eine Möglichkeit.

Der Zug muss kurz vor der Grenze umgebaut werden. Russlands Spurweiten und die der Mongolei weichen von denen der chinesischen Volksrepublik ab. Vor allen Dingen im Kriege bestand die Angst, dass der Feind die Gleise für seine Zwecke befahren würde. Während wir im Zug sitzen, wird dieser aufgebockt. Sofort werden passende Drehgestelle darunter gesetzt. Das dauert Stunden. Wäre es nicht einfacher, wir bestiegen einen anderen, chinesischen Zug? Aber was verstehen wir schon davon, und interessant ist es allemal.

Lee spricht Chinesisch mit uns – wir antworten konsequent auf Englisch. Wir fragen ihn mehrmals, ob er mit uns die Wodkaflasche, die wir ob der Trinkfäule der Russen den ganzen Trip nicht losgeworden sind, leeren will. Plötzlich versteht er uns doch und lehnt vehement ab. Wir fahren in Peking ein, fahren vorbei an den hohen Felswänden und über die vielen Brücken. Es ist sonnig; Minusgrade gehören nicht in diesen Teil des Landes.

Niemand sagt uns, dass wir am Pekinger Hauptbahnhof angekommen sind. Als ich auf das Gleis trete, das Gepäck auf dem Rücken und unzählige Erinnerungen im Herzen, spüre ich, die Steppe, die Wüste und den größten See der Erde hinter mir gelassen zu haben. Jetzt weiß ich, was das eigentlich bedeutet: ein ganz und gar Angekommener zu sein.

Der letzte Tag des Rauches

Ich habe den Schal um mein Gesicht gewickelt, kann kaum etwas sehen. Unter meinem Rucksack trage ich zwei dicke Wollpullover. Wie immer sind die Produkte des Westens unzulänglich gewappnet gegen die tödliche Kälte, die Straßenkinder und Alkoholisierte auf der Straße festfrieren lässt.

Als wir aus dem Zug steigen, haben wir den niedrigsten Temperaturstand der Reise erreicht. Bei fast Minus dreißig Grad versuchen wir die lästigen Taxifahrer loszuwerden, die uns für viel Geld fahren wollen. Erst als wir einige hundert Meter entfernt sind, bemerken wir, dass sie gegangen sind – so sehr pfeift uns der Wind um die Ohren.

Nach etwa einer Stunde haben wir uns in Ulan Bator verlaufen. In einem kleinen Café suchen wir nach der Adresse unseres Hostels. Laut Google Maps sind wir keine zehn Minuten davon entfernt. Und doch hat diese Anzahl etwas Bedrohliches, jede Minute in der Kälte ist zu viel. Ich wecke die Bedienung, die auf dem Tresen schläft. Sie gießt mir einen mongolian tea ein. Das ist ein Schwarztee aus Wasser, Milch und Salz.

Ich denke an die warme Wolldecke unter der ich noch vor einigen Stunden die Wälder aus dem Fenster beobachtet hatte. Ich will die stillen Stunden zurück, in denen die Schienen sanft im Takt ruckelten. Das scharfe Abbremsen war wie eine willkommene Erschütterung, die jedes Leben braucht, um den Stillstand zu überwinden. Der Zug, das erkenne ich jetzt, ist die eigentliche Reise.

In Ulan Bator – die kälteste Hauptstadt der Erde – lässt es sich kaum eine Stunde laufen, ohne dass Erinnerungen an raue Kindertage wach werden. Ein älterer Mann mit zerfetzten Handschuhen und einem kaputten Bein öffnet uns die Tür. Wir haben das Haus mithilfe eines Bildes aus dem Internet gefunden. Straßennamen und Hausnummern sind das Gold einer glorreichen Zukunft.

Ulan Bator ist eine moderne Großstadt. Nomaden in Trachten stehen neben Bänkern in Anzügen und Straßenkindern, die um ein paar Tugriks betteln. Ein Smartphone kann bis zu einer Million kosten, ein Kleid zweihunderttausend. Die Inflation steht und fällt mit jeder Minute. Im Supermarkt finden wir auch deutsche Produkte, sie kosten umgerechnet das dreifache. Die Mongolei darf nichts selbst produzieren, sie hängt an den russischen Großnachbarn, die Süchbaatar aus Angst vor den Chinesen in der Revolution um Hilfe gebeten hatte. Die Rohstoffe des Landes werden an China exportiert, aber auch an Deutschland. Der Wille nach Unhabhängigkeit ist stark.

Wir verlassen die Stadt und fahren in den umliegenden Nationalpark, um bei einer Nomadenfamilie zu essen. Es ist uns unangenehm in ihren intimsten Lebensbereich einzudringen, aber als wir die weiße Jurte betreten, erfreuen wir uns an der Wärme des Ofenfeuers. Dort sitzen die Eltern und ihre drei Kinder auf den kleinen Betten; ein Flatscreen und eine Waschmaschine stehen daneben. Die Mutter tippt auf ihrem Iphone etwas ein.

Schon auf dem Hinweg waren mir die großen Anzeigetafeln aufgefallen, die, unweit der Gobi-Wüste, in den Himmel ragen. Hier gibt es Camps, die ausschließlich an Touristen vermietet werden und kleine Karaokebars, die zur Unterhaltung der Massen dienen: das traditionelle Leben der Nomaden ist Vergangenheit.

Unser Guide erzählt uns von der Vertreibung ganzer Stämme, die in Ulan Bator ihr Glück versuchen. Mit 40 % Arbeitslosigkeit und einer doppelten Alkoholikerrate bringt man sich weiterhin um Erfolge. Aber das Land verleugnet nicht etwa seine Helden. Es ruht sich darauf aus. Dschingis Khan, einer der größte Massenmörder der Geschichte, wird hier für das größte Weltreich der Geschichte gefeiert. Eine tonnenschwere Silberstatue thront über der Wüste, darunter gibt es ein Museum. Auch ich stimme für eine Weile in die Feiergesänge mit ein. Seine Offenheit gegenüber Religionen und Kulturen hat das alte Karakorum als Hauptstadt seines Reiches schon vor Jahrhunderten zu einem beispiellosen Schmelztiegel aufsteigen lassen. Khans Schattenseiten hat das Land vergessen, auch leidet es an historischer Demenz, wenn es um die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit geht. Deutschland, wie ich realisiere, ist das einzige Land auf der Welt, das sich mit der eigenen Schuld auseinandersetzt.

Wir sehen vereinzelte Jurten auf den Hügeln; sie liegen nur teilweise unter Schnee. Ehemalige Stammesführer werden durch Bauherren ersetzt. Nach und nach werden die Camps vertrieben und der Rauch aus den kleinen Öffnungen erlischt. Wann der letzte Tag des Rauches anbricht, das mag niemand voraussagen. „Happy Village“ steht auf einem Schild neben einer amerikanischen Siedlung.

Die bunten Stofffetzen der Schamanen sind an Büsche geknotet. Darüber kreisen große, schwarze Adler. Wir spielen die Europäer, die von allem zutiefst beeindruckt sind. Uns graut es vor der Rückkehr in die Stadt. Was haben wir hier verloren, das es für uns aufzusammeln gilt, wenn sich alles in diesem Land verändert?

„Look here“, sagt die Mutter und zeigt auf ihr Handy. Ich nehme es in die Hand, die warm vom Feuer ist. Es ist ein Video von Taylor Swift, in dem sie verlassen in der Wüste umheirrt. Vor der Jurte wiehert ein Pferd.
“A man needs a horse, a woman needs a family”, sagt sie. Dann geht sie zum Herd, um das Essen vorzubereiten. Aus dem Ofen zieht der Rauch in den weiten Himmel über uns.

Das Lachen der Mongolen

Wir warteten 2 Stunden bis der Zug in Irkutsk an Gleis 3 einfuhr. Ich hatte mich mit der Zeit vertan, früh am Morgen gleicht das einem Verbrechen. Es ist ein neuerer Zug, von außen mit roten und blauen Streifen bemalt. Ein wildes, weißes Pferd reitet neben den Schriftzügen entlang. Wir fahren auf dieser Reise zum ersten Mal in der zweiten Klasse, die Platzkarty und Schachspiele gehören zu einem anderen Leben. Die Provodnista sind mongolischer oder burjatischer Abstammung; sie tragen dunkle Soldatenhüte und Mäntel mit Goldknöpfen. Unsere Fahrkarten und Pässe kontrollieren sie zügig. Dann werden wir zu unserem Kupe gebracht.

Die Abteile in der zweiten Klasse sind mit vier Betten ausgestattet. Unseres ist abgeschlossen, wir müssen unsere Mitreisende aufwecken. Später erzählt die junge Kasachin mit den schwarzen Haaren, dass sie noch immer nach Moskauer Zeit lebt. So wie ganz Russland sich auf diese Zeitrechnung verständigt. Als wir das Abteil betreten, erkenne ich sofort die orientalischen Einflüsse. Auf dem Tisch liegt eine Samtdecke, die Polster und Kissen mit einem goldenen Seidenstoff überzogen. Auf dem Boden liegen fein bestickte Läufer.

Nachdem auch wir eine Stunde geschlafen haben, weckt uns das erste Sonnenlicht des Tages. Die Kasachin ist schon wach, sie nippt an ihrem Tee und redet nicht viel. Unser Zugleben gestaltet sich weiterhin winterlich. Der Blick aus dem Fenster reicht bis hinter die weite Steppe. Als wir in Richtung Baikalsee einfahren, sehen wir, wie der Zug sich leicht zur Seite neigt. Außerhalb unseres Kupes gibt es einen langen Flur mit großen Fenstern, aus denen wir abwechselnd die hellbraunen Felder, Flüsse und Felswände beobachten. Ich achte darauf, dass ich meinen Blick nicht vom Fenster abwende.

Mir fehlt die Anonymität, die unter fünfzig Mitreisenden herrscht. Mit nur drei oder vier Leuten in einem Abteil entsteht der Zwang einer Unterhaltung, immer wieder treffen sich Blicke, das Abendessen wird zu einer Nabelschau der natürlichen Bedürfnisse. Das Gastsein kann ich nur schwer ablegen, noch immer bin ich in Zwängen gefangen. Ich bemühe mich, mein Bett nicht zu verlassen. B. hat noch immer Angst vor dem Schnarchen. Vielleicht fehlt mir die Offenheit mancher Reisender, die pure Lebenslust, die sich jedem Gespräch in Wachsamkeit hingibt.

Mehr und mehr genieße ich die einsamen Stunden. Einzelne Sätze in Joyce’ Ulysses lese ich bis zu fünfzehn Mal. Sie werden nicht besser. Es geht mir nur darum Sachverhalte zu verstehen; will mich nicht in billiger Oberflächlichkeit verlieren. Dafür habe ich in Deutschland zu viel Zeit verschwendet. Ich will Chancen vergeben, auch wenn mein Gegenüber diese nicht verdient.

Wir füllen unsere Arrival Cards aus. Ein dicker Mongole mit Baskenmütze läuft mit einer Umhängetasche durch den Wagen. Wir tauschen bei ihm unsere letzten Rubel ein. Es dauert vier Stunden, bis der Zug die Grenze überquert hat. Als Deutsche brauchen wir kein Visum, aber die Durchsuchung der einzelnen Abteile, die Drogenhunde, die durch die Flure geführt werden; das strenge Anmahnen des russischen Zollbeamten, der uns nach unseren Pässen fragt, erinnert mich zu sehr an das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Jenes, das nach Ordnung strebt und dabei seine menschlichen Züge verliert.

Die verletzte Seele Russlands haben wir hinter uns gelassen. Seine Einwohner haben sich an unserer Freundlichkeit genährt, weil wir ihnen ein innerliches Heim boten. Indem wir Verständnis zeigten für die schroffe Mentalität der Gewinner, Verlierer und der Unscheinbaren. Erst spät öffnet sich bei ihnen der eiserne Vorhang zu einem Spiel der Emotionen, das sich in der nordeuropäischen Gestik selten zeigt.

Wir haben den Stempel, dürfen die Gardinen aufziehen. Es ist mittlerweile wieder Morgen und die fahlen Lichter beleuchten die grauen Regierungsgebäude. Wir halten nur kurz, die Türen des Zuges sind geöffnet. Die ziehende Kälte dringt unter den Stoff meiner Jogginghose. Eine mongolische Kleinfamilie wartet auf dem Gleis. Der etwa achtjährige Sohn mit gefälschter Sportmütze trägt einen Rucksack auf dem Rücken. Seine Mutter zieht eine Plastiktüte heraus. Ich bleibe an der Tür stehen, sie hält mir die Tüte hin.

Buzzy?“ Sie deutet auf die Teigtaschen, eine Spezialität des Landes.
„How much?“, frage ich.
Sie zeigt auf einen Tausender in meiner Hand. Als sie feststellt, dass ich keine Ahnung von der Währung habe, zeigt sie nacheinander auf vier weitere. „Currency changes in seconds.”
„But let me take a picture of you, okay?“, sage ich.

Sie biedern sich kaum an mir ihre schönste Pose zu zeigen. Der Junge grinst frech. Seine Mutter hat den Blick auf den Rucksack gerichtet, den sie gewissenhaft verschließt. Der Vater steht entfernt. Er ruft noch, aber es ist zu spät. Das schönste Bild der Reise habe ich an der Grenze zur Mongolei aufgenommen. Zwischen Russland und China hat sie ihr Lachen nicht verloren.

Die Tiefe Russlands liegt im Baikalsee

Unser Busfahrer raucht eine Zigarette nach der anderen und verliert dabei niemals den Blick auf die Straße. Er nickt mit zusammengezogenen Brauen, sobald ihm ein Fahrgast eine Frage stellt. Die 100 Rubel für die Fahrt legen wir auf das Armaturenbrett: wir sitzen in einem kleinen Reisebus, der in etwa einer Stunde in Lystvyanka ankommen wird. Dort liegt der Baikalsee, an der Grenze zu Burjatien angesiedelt; nicht weit entfernt von Irkutsk, unserer vorübergehenden Heimat. Er ist der tiefste und älteste Süßwassersee der Erde. Zugefroren ist er nicht. Je tiefer wir gehen, desto wärmer wird es in uns.

Als wir aussteigen, sehen wir ein Info Center, kleinere Hotels, und einen Fischmarkt. Der Ort lebt vom Tourismus. Nur, dass damit ausschließlich russische Besucher gemeint sind. Denn auf unsere Versuche hin, Englisch oder gar gebrochenes Russisch mit den Einwohnern zu sprechen, strafen sie uns mit bösen Blicken.

Es ist das erste Mal, dass Russland uns seine Abgründe zeigt.

In jedem Geschäft, das wir betreten, sitzt eine Babuschka mit falschen Haaren und Fingernägeln und betrachtet uns mit Argwohn. Wir lachen freundlich, je mehr Ablehnung wir erfahren, desto liebesbedürfter werden wir. Niemand will uns Zigaretten verkaufen; niemand hilft uns einen Laden zu finden, der eben jenes tut. Erst am Ende unserer Odyssee, wo die parallel angelegten Straßen in den dichten Tannenwald führen, finden wir eine junge Frau, die in einem kleinen Laden welche anbietet. „80 Rubel das kostet“, sagt sie auf deutsch. Es ist nicht das erste Mal, dass Kommunisten uns retten.

Hundeschlitten sind in Lystvyanka unser Ziel, aber die Sonne ist auf ihrem Weg in die Tiefen des Tages. Wir folgen den langen Straßen, hoch zum Great Baikal Trail, ein schwarzer Straßenköter läuft uns hinter her und will B. ins Bein beißen. Der Hund bekommt sogar seinen Stiefel zu fassen, wir beschimpfen ihn. Aber er zieht erst wieder von dannen, als wir stehen bleiben. Wir haben Angst, die Hunde sind unberechenbar, lauern hinter jeder Hausecke, zeigen Zähne, anstatt uns ihr ungepflegtes, weiches Fell hinzuhalten.

Lystvyanka, so scheint es mir, ist ein Dorf der Skeptiker. Was, wenn wir nicht aus diesen Straßen und Wäldern herausfinden? Was, wenn des nachts die Wölfe unser Menschsein verstehen?
Als wir die Hundeschlitten endlich finden, ist das anliegende Haus geschlossen. Dutzende Huskys schlafen in kleinen Hütten und sind an kurzen Leinen festgekettet. Ich bin froh, dass wir zu spät sind.

Straßenlaternen gibt es nicht. Die vielen Holzhütten, die an ein schweizerisches Dorf erinnern, wenden sich von uns ab. Bevor wir wieder in den Bus steigen, will ich ein paar Postkarten kaufen. Bis jetzt habe ich in jeder russischen Stadt ein paar Exemplare für meinen Vater mitnehmen können. Ich frage also nach “Postkartys”, natürlich ist das falsch. Die Frau mit dem strengen Dutt und der weißen Bluse beleidigt mich, das erkenne ich an der hektischen Gestik und den Lippen, die nunmehr auf- und zuklappen, anstatt seicht zu wippen. Sie dreht ihren Kopf weg; widmet sich dem Computer. Ich gehe weiter auf ihren Tisch zu, zeige auf ein Schild mit dem Wort „Touristen Information“. Es ist direkt vor ihrer Brust aufgestellt. Sie bedeutet mir mit einer Handbewegung, dass ich diesen Laden zu verlassen haben. “No russky, no karty.” So läuft das hier. Ich beleidige sie auf deutsch, das hilft. So wie einem Kleptomanen, bevor die Scham einsetzt.

Draußen ist es auf -14 Grad abgekühlt. Ich erkläre unserem Busfahrer mit wilden Handbewegungen was mir widerfahren ist. Aufgeregt bin ich, teilweise setzt die Atmung aus. Er nickt und schenkt mir wortlos eine Zigarette. So stehen wir hinter dem kleinen Gefährt, schauen uns nicht an an, rauchen langsam und überlegt, lassen die Hände abwechselnd hinuntergleiten, wenn wir fertig sind. Dann zeigt er auf das mächtige Ufer des Baikalsees.

B. stellt sich dazu. „Hast du das auch gesehen?“
Ich nicke.
Der See schlägt ruhige Wellen. Das rote Abendlicht umarmt den Horizont. Möwen fliegen mit stillen Schlägen darüber. Der Tag liegt hinter uns, ist vergessen. Nur die Schönheiten werden wir ewig in uns tragen.

Je t’aime Irkutsk

Das Maverick Hostel liegt direkt am Ushakovka, der metertief zugefroren ist. Autos, mit oder ohne Nummernschild, parken auf der dicken Eisschicht. Russische Frauen in dicken Pelzmänteln und mit silberglänzenden Handtaschen warten bis ihre Männer das Fleisch aufgelegt haben. Wir sind die einzigen Gäste hier. Ein Umstand, an den wir uns nach zwei Wochen in Russland gewöhnt haben. Sibrien wirkt abgeschottet vom Rest der Welt – alleine die kapitalistischen Franchise-Strategien hat man sich abgeschaut. Irkutsk ist unser letzter Stopp in Russland.

Am Tag ist es -15 Grad. Der schlimme Winter, der bis zu -40 Grad für seine Landbewohner bereit hält, ist ausgeblieben. Eine orangefarbene Katze mit weißen Streifen tummelt sich um meine Beine, wenn wir abends von unseren Spaziergängen heimkommen. Nachts springt sie auf unser Bett. Sie will gestreichelt werden, wenn der Mond auf die Bettdecke scheint. Die Uhrzeit ist die einzige Struktur, die in den verschiedenen Städte in mir erhalten bleibt. Alles andere ist Chaos.

Im sogenannten “Paris Sibiriens” gibt es eine Karl Marx Allee und Ulitsa Lenina, so wie in jeder russischen Stadt. Im Gegensatz zu ihren Namensgebern, sind beides moderne Straßen voller Boutiquen und Cafés in sanierten Fabrikgebäuden. Ein nachgebauter Eifelturm thront über die Stadt. Er ist weder so groß, noch so gut ausgebaut wie das Original; eher erinnert er an einen Strommast in Tabarz. Irkutsk ist stolz auf seine altsibirischen Holzhütten, auch wenn diese ihren Glanz verloren haben. Das ist die Geschichte des modernen Kommunismus.

Hinter Schneebergen warten Straßenhunde, um sich auf heruntergefallenes Essen zu stürzen, bevor es einfriert. Oft fehlt ihnen ein Stück Fell; ein Ohr oder Auge. Wenn wir ihnen zu nahe kommen, fletschen sie die Zähne oder zucken mit den Beinmuskeln. Es ist das Resultat der Taten jener Menschen, die sich dem Tierreich immer noch überlegen fühlen. Hier, etwas außerhalb des Stadtkerns, stehen auch die bunt gestrichenen Plattenbauten, in denen der Rest der Gesellschaft ein Heim gefunden hat.

Wir fahren jeden Morgen und Abend mit demselben Bus. Es fehlen isolierte Fenster und Polstersitze. Nur die beigefarbenen Gardinen mit den gestickten Blüten, die fehlen nie. Jeden Tag fährt uns der übergewichtige Mongole mit blauer Pudelmutze und dem Dauergrinsen im Gesicht. Busfahrer, Putzfrauen, Arbeiter: es sind mongolische und burjatische Einwanderer, die sich am Rande der Gesellschaft einen Platz erkämpfen. Er kündigt unsere Haltestelle mit einem kurzen Winken an. Für alle anderen gibt es weder eine Computerstimme, noch Schilder, die aufklären, wo sich der Bus befindet. In Irkutsk entscheidet sich aus dem Bauch heraus, wo dein Zuhause ist.

Wir haben 5185 Kilometer hinter uns. Mehr als die Hälfte. In drei Tagen fahren wir weiter nach Ulan Bator. Immer wieder gibt es nachdenkliche Stunden, in denen ich im Reiseführer lese oder meine Notizen zu den Städten ausführe. Ich sitze jeden Abend in Boxershorts an einem kniehohen Tisch, der von einer kleinen Lampe beschienen wird. Draußen heften sich Schneeflocken an die Fensterscheiben. Es schnurrt die Katze, wenn sie sich an meine Beine schmiegt. “Wässerchen” trinken wir kaum. Der Russe scheut sich vor dem eigenen Nationalgetränk; überschwänglich lehnt er ab. Er reißt den Blick förmlich von der transparenten Flüssigkeit, die schwarze Löcher öffnet. Von allem, was ich darüber weiß und gesehen habe: ich kann es ihm nicht verübeln.