Jedes Abteil ein kleines Gefängnis

There is something sinister in the Trans-Siberian Railway at night, where you could easily imagine being surrounded by a handful of murderers – only the setting sun, in a few hours, washing the memory of their lives away.

Ich versuche mich an Ulysses, das dritte Mal lese ich den Anfang, es ist unverständlich und langweilig, vielleicht hatte Marcel Reich-Ranicki recht und das Buch ist ein Haufen Scheiße. Ich tue mich schwer, die Arbeit andere zu bewerten, auch wenn es nicht so scheint. Weil ich selber weiß, wie hart Kritik mich treffen kann. Treffen? Zu Boden reißen. Wohl eher.

Es ist der achte Tag unserer Reise und wir haben Novosibirsk hinter uns gelassen. Wahrscheinlich werden wir uns nie wieder sehen, aber es ist wie mit einem Mann, mit dem man einmal guten Sex gehabt hat. Besser man belässt es bei der Illusion.

Um 11.32 ging unser Zug von Gleis 2 in Richtung Irkutsk. Der Zug ist einige Jahre älter, statt Polsterleder liegen wir auf hartem Leder. Wir sind dieses Mal besser vorbereitet: wir haben Tee und Kaffee dabei, Schokolade, Brot und Wurst. Wodka kaufen wir nicht mehr. Der Russe trinkt keinen Wodka – ich möchte alle Geschichtsbücher umschreiben. Auch dieses Mal sind die Plätze nicht optimal. Unsere Betten liegen übereinander und B. und ich, wir können uns dann und wann dazwischen die Hände reichen.

Auf dem Sitz gegenüber liegt eine Frau mittleren Alters. Ich gebe es zu: es ist jene Physiklehrerin mit den warmen, braunen Augen und dem Bauchansatz, gegen die ich jetzt schon fünf Mal im Schachspiel verloren habe. Immer wieder stehe ich auf und gehe auf sie zu.
„Noch eine Runde?“, frage ich; gestikuliere mit den Händen. Sie lacht. Mit ernstem Blick setze ich mich vor sie und wir fangen an zu spielen. Die dritte Klasse ist übersiedelt von heimlichen Schachspielern. Wir vermuten später, dass wir in jenem Zug sitzen, in dem alle Qualifizierten gemeinsam zur Schachweltmeisterschaft fahren – und wir fungieren nur als Versuchskaninchen.

Unser Russisch wird besser, aber viele Gespräche führen wir noch immer durch Nicken und Zeigen. Die Freundlichkeit der Frau gegenüber ist auffällig und ich fühle mich frei und willkommen. Aus Sowjetzeiten blieb die Tradition bestehen, dass Russen auch Deutsch in der Schule lernen. Eine junge Schwangere spricht einige Zeilen aus meinem Buch laut für uns aus. Wir haben sie nicht verstanden.

Am schönsten ist der Zug in der Nacht. Ich höre das leise Atmen der Mitreisenden, draußen wartet die nie endende Schneelandschaft, während es im Abteil auf dreißig Grad geheizt wird. Es ist nicht etwa so, dass ich – konfrontiert mit so viel Zeit – mehr über mein Leben nachdenke. Im Gegenteil: das, wovon ich dachte, dass es mein Leben sei, entfernt sich immer mehr von mir. Und ich winke.

Ich denke sehr wohl stundenlang darüber nach, welche wohl die Hauptstadt von Turkmenistan ist. Warum wurde Toilettenpapier letztlich doch noch erfunden, und was ist der Unterschied zwischen den Idealen der Bolschewisten und der roten Armee? Gibt es einen? Das ist sie also, die Welt hinter Google.

Das erste Mal fühlt sich die Reise im Zug wie ein Gefängnis an. Ich will nur noch raus, raus in den Schnee. Bilder haben mir nie gereicht. Will durch tiefe Furchen stampfen, Berge erklimmen, im Schneepulver einsinken, um die Augen zu schließen und abzuwarten, bis es leise um mich knistert. In Sibirien sterben: das ist wahre Poesie. Dort hat es mich schon immer hingezogen.

Seriously, what are you doing here?


Der Kühlschrank lässt sich nicht richtig schließen, die Glasflaschen klirren bei jedem Aufprall. Die roséfarbenen Gardinen erinnern an die meiner Großmutter, die sie in den späten Achtzigern noch für schön befunden hatte. Milch, Wodka und Kaffee stehen vor mir, ich mixe alles zusammen. Vor dem Fenster sind es -21 Grad, die bisher kälteste Station unserer Reise.
Mehr als eine Stunde lässt es sich draußen nicht aushalten, die Nasenhaare von B. sind bei Verlassen des Zuges eingefroren. Im Fernsehapparat, dessen Bild immer wieder von schwarz-weißen Schneeflocken zerschossen wird, müssen Männer die Berufe fremder Frauen anhand ihrer Brüste erkennen. Was in Deutschland ein handfester Grund zum Shitstorm ist, belustigt mich hier ungemein.

Nowosibirsk ist das „neue Sibirien“, und knapp über hundert Jahre alt. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sind schnell abgelaufen, auch hier ruht man sich auf den Erfolgen der bolschewistischen Revolution aus. Eine Hand aus Stein, die eine Fackel hält, ragt aus dem Zentralpark. Die Stadt ist ein Produkt der transibirischen Streckenplanung; 1,5 Millionen Einwohner tummeln sich in den wenigen Straßen. Wir können viele Stätten und Kirchen nicht erreichen: sie sind eingeschneit. Eine berühmte Sehenswürdigkeit ist das Denkmal der ersten Ampel der Stadt. Der russische Humor ist wie feiner Sand, der schnell zu dickem Torf wird, wenn man ihn in Wasser ertränkt.

Wo wir Holzhütten und Babuschkas erwarten, die in zerfetzten Stiefeln vor ihren Holzöfen sitzen, stehen Hochhäuser. Junge Frauen tragen stolz ihre Pelzmäntel die Leninstraße rauf und runter. Der sowjetische Einfluss existiert nurmehr in den Köpfen, kapitalistisch ist man ganz bei Adidas und Starbucks angekommen. „Was macht ihr in dieser kalten Gegend?“, werden wir nicht nur einmal gefragt, als wir mit unseren schweren Rucksäcken und dem dicken Schal, der unser Gesicht verdeckt, auf Menschen treffen. Eine Antwort darauf haben wir nicht.

Sie spielen die Rolling Stones in Bars und Cafés und keine Menschenseele versteht, was sie zu sagen haben. Auch hier müssen wir auf Russisch kommunizieren, meist reicht das nicht aus, um nach dem allgemeinen Befinden zu fragen. Es ist traurig, dass wir uns nicht verständigen können. Selten war meine Neugier so groß; nie wollte ich dringender wissen, was mein Gegenüber fühlt und denkt.
Der Russe ist ein eindringlicher und dabei zurückhaltender Charakter. Nur am Funkeln seiner Augen lässt sich erkennen, dass dort Geister in ihm schlummern, die – einmal wachgerüttelt – nicht mehr in den Schlaf zu wiegen sind.

Ich spüre, wie mich das Gefühl von zu Hause, meiner Familie, meinen Freunden verlässt. Ich kenne hier niemanden mehr. Wer stundenlang die sibirische Steppe aus einem Zugfenster beobachtet, muss mit ihr verbunden sein. Dein Herz muss hier zu Hause sein und du musst dich ganz darauf einlassen.
Ich fühle mich wie ein Angekommener, jedes Mal, wenn wir einen neuen Bahnhof erreichen. Und wenn es nur für ein paar Minuten ist: jede Sekunde ein Familienfest.

Gespielte Freundlichkeit ist den Menschen hier ein Graus – ehrliches, wohlwollendes Distanzieren: so lässt sich jede Reaktion am Besten beschreiben. Die Brücken der Stadt können wir nie ganz überqueren; der Wind schlägt uns ins Gesicht. Eine Nachricht bin ich den Zuhausegebliebenen nicht schuldig und doch packt mich die Angst des nachts unter der warmen Bettdecke: wer bin ich ohne die anderen? Ein Russe im Geiste, ein deutscher Soldat im Kopf? Ich schreibe jeden Abend in mein Tagebuch. Dem Schreiben bin ich verpflichtet, niemandem sonst. Wichtig sind Sibirien, die Eisenbahn, und meine Gedanken auf dem Papier.

Am nächsten Tag zahlen wir in einem Restaurant 5 Euro für zwei Hauptgerichte, Suppen und ein Glas Wasser. Es ist das bisher günstigste Essen. Eine burjatische Kellnerin fragt uns, was wir bestellen wollen und wir können – der kyrillischen Schrift nicht ausreichend mächtig – nur auf die Karte zeigen. Sie nickt freundlich und bringt etwas, das nach Fleisch aussieht und nach Fisch schmeckt. Später, als wir bezahlt haben, hat sie sich einen englischen Satz auf ihren Block notiert. Als ich ihn lese, werde ich nachdenklich. Dort steht in Großbuchstaben:

„Seriously – what are you doing in Siberia?“

Noch immer suche ich nach einer Antwort.

Fahrt mit der Rossyia No. 2

Ich liege in Bett Nummer 23. Das Licht ist gedämmt, die Jalousie heruntergezogen, ich kann die Landschaft von hier aus nicht erkennen. Das Gleis war in Moskau gut ausgeschildert und einfach zu finden. Gefühlte 326 Fotos machten wir alleine von der Zugeinfahrt – und entlarvten uns damit als Transib-Touristen. Zuvor kauften wir in einem kleinen Supermarkt Wodka, Wurst und Suppen; der sporadische Proviant für Abende ohne Speisewagen. Am Ende jedes Abteils gibt es einen Samowar. Das ist ein Bottich, aus dem wir heißes Wasser für Tee abzapfen. Bis zum ersten Stopp hatten wir den durch Luft und Liebe getrennten Bereich unter den Hochbetten für uns. Jetzt schnarchen, flüstern, und träumen neben uns fünfzig Russen.

Über mir habe ich etwa neunzig Zentimeter Platz bis zur Decke. Ich liege ganz oben. Neben mir horte ich Bücher, Stifte, einen Fotoapparat, ein paar Rubel, und meine Schlafsachen. Ich lebe seit Stunden im Liegen, auch fällt es mir nicht mehr schwer das Hochbett zur Toilette hin zu verlassen, indem ich wagemutig hinunterspringe. Wovor es mir graute ist eingetreten: niemand spricht auch nur ein Wort Englisch. Zwar kann ich mich mit Spasiba, Paschalsta, Kak Delja über Wasser halten, aber eine Unterhaltung ist nicht möglich. Ich nicke, wenn die dicke Povodnista, die Zugbegleiterin, mit mir spricht und hoffe das Beste.


Wir sind die einzigen Ausländer in unserem Waggon. Die Blicke der anderen liegen so lange auf uns, bis wir aufhören deutsch zu sprechen. Dies rührt nicht aus einer Feindlichkeit heraus, sondern aus dem menschlichen Bedürfnis, das Fremde gierig in sich aufzunehmen. Lächeln ist unsere Sprache, wohlwollendes Nicken, und ein paar Brocken Russisch. Die Frauen, die unter uns schlafen, sind keine Hilfe, sie wissen nicht was sie mit uns anfangen sollen. Auch als ich ihnen einen Schluck Wodka anbiete, wehren sie ab, nicht ohne sich höflich zu bedanken. Überhaupt trinkt niemand im Zug Wodka. Das Standardgetränk ist Tee. Alkohol reizt nur die des Leben Überdrüssigen.

B. hat sich Klopapier in die Nase gestopft, damit er nicht schnarchen muss. Seine größte Angst – so sagte er schon vor der Reise – ist es, dass ihn ein Russe verprügelt, weil er seine nächtliche Atmung nicht unter Kontrolle hat. Aber diese ist unberechtigt: ich fühle mich sicher in diesem Zug. Wenn wir Hilfe brauchen, sind wir in keiner Minute alleine; selbst die grimmigen Frauen unter uns sind gewillt uns mit ihrem Leben zu verteidigen. Es ist der russische Anstand, der Zivilcourage als Notwendigkeit ansieht – nicht als eine Entscheidung. Vor wem wir Angst haben sollten, ist mir nicht klar. Mit uns fahren Familien, Einsame, Alte, Trauernde, Glückliche – das gesamte Spektrum an Menschlichkeit. Emotionen lassen sich hier nicht verstecken, es gibt keinen Raum außer der Toilette, in dem wir uns frei von Blicken bewegen können.

Meine Beine habe ich in eine warme Decke eingeschlagen. Wir entfernen uns immer weiter vom leisen Moskau. Ich schließe die Augen. Das beruhigende Ruckeln des Zuges und das leichte Abbremsen in kurvigen Regionen, wickelt mich in eine Geborgenheit, die ich das letzte Mal in einem Kinderwagen verspürte. Ehrlicher bin ich nie gereist. Und während ich langsam in meine Träumen einfahre, vermischt sich das, was ich im Zug nicht mehr sehen kann, mit den Dingen, die mich morgen auf diesem Abenteuer erwarten. Vor Aufregung finde ich nur schwer in den Schlaf.

Die Arbeit verlässt endgültig meine Gedanken, als wir ins tiefe Sibirien einfahren. Ich frage mich in der Dämmerung des Abteils, warum ich immer alles richtig machen will. Warum ich ständig Angst davor habe, Fehler zu machen. Die Grenzen will ich weiten und spüre: in jeder Sekunde überfahre ich eine neue.

Moskau atmet leise

Eine Schneedecke liegt über der Stadt. Auf dem roten Platz liegt Lenin in einem Mausoleum. Aufgebahrt. Steif. Er wollte immer bei seiner Mutter ruhen. Sein letzter Wille war ihm nicht vergönnt. Alte Helden werden in Russland verehrt. Jene, die zur Rechenschaft gezogen wurden, verlieren sich in Unsichtbarkeit. Da, wo ich herkomme, werden Helden respektiert. Und die Schufte bekommen ein eigenes Museum. Menschen drängen sich an den Scheiben vorbei. Sie dürfen nicht stehen bleiben. Eine kurze Andacht, dann muss es weiter gehen. Moskau atmet. Aber leise.

Die Metro wirkt bedrängend, elf Millionen Menschen wollen ankommen. Für die Frauen wird aufgestanden. Ein Betrunkener schläft auf der Bank, drei Menschen schauen, ob er noch atmet. Dann ziehen sie weiter. Der Rubel ist hier die Währung, die vom Euro nichts wissen will. Es ist alles ein wenig günstiger, als in Deutschland. Essen zu gehen, oder mit der Metro fahren. Nur der Pelzmantel kostet ein Vermögen.

Vor unserem Taxi fährt ein großer Dünner mit Glatze in einem alten Opel. „Fuck Obama“, ist als Aufkleber auf seinem Fenster angebracht. Ich will ihm etwas zurufen, schrecke aber zurück: sein Blick stiert grimmig nach vorne. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, gibt mir permanent Ohrfeigen. Minus fünfzehn Grad, so hatte der Pilot es uns im Flugzeug mitgeteilt, als wir auf große, hell erleuchtete Gebäude hinab blickten und noch nicht wussten, wo wir halten würden. Jetzt ist es mindestens fünf Grad darunter. Wir verstehen langsam, was uns erwarten wird auf dieser Reise.

Der Polizist, der vor uns läuft, sieht aus wie ein Aufseher der Waffen SS. Sein Gang ist starr, sein Blick hat einen Fixpunkt. Ich suche vergeblich nach einem Liebespaar, das hier nicht sein darf. Vergeblich suche ich nach der Grausamkeit, mit der hier gegen das Anderssein vorgegangen wird. Aber ich sehe nur Frauen und Männern mit einem stillen Lächen auf den Lippen. Ihr Blick ist auf das Kopfsteinpflaster gerichtet. Dann schauen sie stolz zum Horizont, auf dem die Basilius-Kathedrale sich erhebt.

Mein roter Lippenstift ist verwischt, vom Wind. So wie meine Liebe zu dir. Nach dir bekommt sie niemand mehr. Das habe ich mir geschworen. Kalt liegt mein Herz in einem Safe im Hilton Leningradskaya. Jemand lässt ein paar Meter neben uns ein Feuerwerk hoch. Ein Kind hat seinen Handschuh verloren. Weiße Flocken wirbeln vor unserem Fenster wie kleine Glitzersteine. Wenn ich weit schaue, sehe ich Stalin. „Snowem Godem!“, ruft ein alter Mann neben uns. Habe ich das neue Jahr verschlafen?

Über allem erhebt sich der Gedanke an den Zug. Trotz aller Planungen wissen wir nicht, was auf uns zukommt. „Du bist falsch hier“, sagt der Stalin im Kopf. Aber ein Teil von mir bleibt, in jeder Stadt. Düster bleibt er, wiegt schwerer als zuvor; er kettet sich verzweifelt an die Brücken und Gemäuer, die Kriege nicht zerstören vermochten. Und diese Stadt, sie hat es mir angetan. Hätte ich ein anderes Leben hinter mir, vielleicht hätte es mich hierhin verschlagen.

Was wird anders werden, wenn wir in unser Abteil steigen? Wenn wir stundenlang auf die weite Schneelandschaft schauen? Wer werden wir sein, wenn wir tausende Kilometer aneinander vorbeifahren, wenn wir die Zügel abgeben und der Zeit folgen, die sich stetig ändern wird? Der Zug wartet auf Gleis 4. Ich bekomme eine letzte Ohrfeige, und steige ein.