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Die wahre Challenge hinter der Ice Bucket Challenge

Ratet mal, liebe Kinder: was regt mich dieser Tage in den sozialen Medien am Meisten auf?
Katzenvideos? Videos über Massentierhaltung? Menschen, die nicht wissen, wie man Hashtags richtig benutzt? Richtig, es ist die Ice Bucket Challenge!

Kein Hype erklärte den menschlichen Entindividualisierungsprozess eindrucksvoller.

Freunde, ich rede nicht mehr im Guten zu euch. Hat die Erfahrung des Internets euch nicht dazu lernen lassen? Versteht ihr denn nicht, wie unsere kleine Existenz in diesem großen Konstrukt zu einer Masse verschwimmt? Wie Lemminge stürzen sie den Berg hinunter, wenn es mal wieder etwas zu teilen gibt. Schlimmer noch: bei Lemmingen ist zumindest erwiesen, dass sie sich de facto gar nicht dem kollektiven Selbstmord hingeben, aber bei euch, meine lieben massengesteuerten Wahnsinnigen, bin ich mir nicht sicher, ob ihr eure Synapsen nur wild herumirrend gegen eure Gehirnwand knallen lasst, oder ob ihr mal länger als zwei Sekunden darüber nachdenkt, wozu die eigentlich zu gebrauchen sind.

„Ja aber“, wird da von den Verfechtern argumentiert, „wir haben mit dieser Challenge immerhin in einer Woche so und so viel Millionen zusammenbekommen, für eine Krankheit, die vorher kein Schwein kannte!“ Nein, liebe Freunde, nein, für mich heiligt der Zweck die Mittel noch immer nicht. Nicht jeder Weg zum Erfolg ist auch der Beste. Und vor allem – der Nachhaltigste. Ansonsten zelebriert ihr schamlos einen Macchiavellismus, der an nicht wenigen Beispielen in der Geschichten eindrucksvoll porträtiert, dass auch Ethik und Moral eine Gesellschaft zusammenhält – und nicht nur der Erfolg einer solchen.

„Dieses Video von einem ALS-Patienten wird alle Kritiker verstummen lassen.“
Nein, wird es nicht. Genauso wenig wie die ganzen Videos von verhungernden Kinder in afrikanischen Staaten im Fernsehen dies vermögen. Sie alle tun nur eins: sie beleidigen mit Druck und schlechtem Gewissen meinen Verstand.

„Immer diese Meckerer in Deutschland!“, tönen die Challenge-Verfechter schlussendlich noch auf.
Ohne die großen Meckerer unserer Zeit, ohne Philosophen, wie Schopenhauer oder Nietzsche, wären wir heute nicht dort, wo wir sind: nämlich in einer demokratischen Gesellschaft, die von einer großen Meinungsvielfalt vorangetrieben wird.
Die Kritiker der Aktion belegen stets argumentativ, warum sie bei der Ice Bucket Challenge nicht mitmachen wollen, während die Verfechter mit persönlichen Anschuldigungen jene auf der Metaebene klein reden wollen. („Du bist doch sowieso immer dagegen!)

Diese Art von Resignation bedeutet für uns auf Dauer der Stillstand, und davon profitieren die Verfechter am Ende des Tages am Wenigsten. Zumindest diejenigen unter ihnen, die doch gerade erst ihre innere Mutter Theresa entdeckt haben wollen; denen es somit doch an einer besseren Welt liegen muss. Gute Ideen müssen nachhaltig geformt werden: und dazu bedarf es an Gegenströmungen.

Amyothrope Lateralsklerose ist jetzt der neue Gott; Ebola und Hungersnot sind die Satane von gestern. Da steht ihr nun herum in euren Videos minderer Qualität, vielen von euch geht es dabei mitnichten um die Krankheit, denn ihr kichert euch ob eures Mutes und eurer Kamerageilheit einen zurecht, dass man sich aus lauter Fremdscham verstecken möchte. Oh, oh ihr macht jetzt auch bei dieser tollen Challenge mit! Jene, die ihr dummerweise nur als „Schellenge“ aussprechen könnt, zumindest wenn ihr Anglizismen nur aus HBO-Serien kennt. Und dann „numiniert“ (nominiert!) ihr drei weitere Menschen aus eurem Sozialumfeld, die sich Eiswasser über die Birne kippen, und ihr fühlt euch einzigartig und denkt, euer Video geht jetzt viral, bei euch ist das besonders lustig, ihr seid der neue Messias des Internets.

Jeder Hype, den ich hier bei Facebook gesehen habe, übertrumpft sich nur noch mehr durch menschliche Verdummung, weil niemand mehr, wirklich NIEMAND hier noch etwas Gutes Tun kann, ohne eine Kamera draufzuhalten. Niemand kann mehr nach Indien oder Australien reisen, ohne sich vorher bei irgendeinem Dienst einzuloggen; wer kann heute noch mental reifen, ohne an entsprechender Like-Resonanz darzustellen, wie sehr der eigene Geist wirklich gereift ist?

Wo sind die Menschen, die niemals vor eine Kamera treten würden; die leise in den Hintergrund treten, um dort heimlich Großes zu vollbringen?

Der Gedanke etwas nur für sich zu machen, ist uns zuwider. Alles muss auf der großen Bühne des Internets breitgetreten werden, bis wir eines Tages zu einer Masse verschwimmen, die ein menschliches Profil undenkbar werden lässt; ja, bis wir alle nur noch für unsere 15 Minuten Ruhm leben, so dass wir Privatsphäre als ein überholtes Ideal ansehen. Bis wir verschwimmen. Tote Fische sind.

Das zu verhindern ist die wahre Challenge.

As advertised

Wake up little boy,
litte wonderboy,
it’s time for the war
for killing and fighting and shots,
you’ve always liked adventures,
haven’t you boy?
But where’s a gun,
there will be blood.

Wake up litte girl,
it is time to go,
on the big streets
to face your future loss,
you have been wanting this,
haven’t you girl?
Cause where’s a gun,
someone will get shot.

You read it in the paper,
found a place to go,
after years of just playing
and hunting in the streets,
this is your big day, now,
wake up little boy,
they are here,
they are coming for you.

Come on little girl,
be a big girl now,
hide your breasts
and show us your teeth,
they are depending on you,
to shot and kill,
and to forget about,
little flowers in the streets.

August 2014, für: www.nachhut.com